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Risikopatient ist noch nicht dran
Verzweifeltes Warten auf den Piks

Hans Georg wartet verzweifelt auf den Impfstoff. Allerdings ist er mit seiner Impfung noch nicht dran.
  • Hans Georg wartet verzweifelt auf den Impfstoff. Allerdings ist er mit seiner Impfung noch nicht dran.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

sabe Siegen. Angenommen, ein Mensch ist so krank, dass er, wenn er sich mit einem Virus infiziert, stirbt. Und Sie hätten einen Impfstoff, der ihn retten könnte. Geben Sie ihm den Impfstoff? Dumme Frage. Natürlich. Was aber, wenn Tausende Menschen gleichzeitig in diese Situation kommen und das Medikament knapp ist. Wem geben Sie den Impfstoff als erstes? Welches Leben gilt es, zuvorderst zu schützen?

Ein grausames Gedankenspiel. Es macht Bauchschmerzen, weil es im Kern um die Frage geht, ob man Menschenleben gegeneinander aufwiegen kann. Es spielt auf unerträgliche Weise mit dem Versprechen der Menschlichkeit, das im deutschen Grundgesetz als absolut gilt und über allem steht. In Artikel 1 heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.

sabe Siegen. Angenommen, ein Mensch ist so krank, dass er, wenn er sich mit einem Virus infiziert, stirbt. Und Sie hätten einen Impfstoff, der ihn retten könnte. Geben Sie ihm den Impfstoff? Dumme Frage. Natürlich. Was aber, wenn Tausende Menschen gleichzeitig in diese Situation kommen und das Medikament knapp ist. Wem geben Sie den Impfstoff als erstes? Welches Leben gilt es, zuvorderst zu schützen?

Ein grausames Gedankenspiel. Es macht Bauchschmerzen, weil es im Kern um die Frage geht, ob man Menschenleben gegeneinander aufwiegen kann. Es spielt auf unerträgliche Weise mit dem Versprechen der Menschlichkeit, das im deutschen Grundgesetz als absolut gilt und über allem steht. In Artikel 1 heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die Corona-Pandemie zwingt diesem Gedankenspiel Wirklichkeit auf. Dramatische Entscheidungen werden zum Alltag. Mit dem Impfstoff kommt die Hoffnung auf bessere Zeiten. Für die einen bedeutet das Vakzin eine Ampulle Normalität, für die anderen bedeutet es, am Leben zu bleiben. Mit Maßnahmen wie der „Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2“ und Regeln für die Impfreihenfolge (die SZ berichtete) für das (noch) rare Gut wird versucht, die Chance auf (Über-)Leben zu regeln. Ein System mit festgeschriebenen Handlungsanweisungen, das bei moralisch schwierigen Entscheidungen entlasten, Schwache schützen und das Gesundheitssystem stabil halten will. Wenn Ansprüche an Paragrafen allerdings ein Gesicht bekommen, trifft Regelwerk auf persönliche Notlagen.

Das Dilemma

Hans Georg aus Siegen wird aufgrund seines Alters in die zweite Gruppe mit „hoher Priorität“ eingestuft. Mit seinen 77 Jahren entspricht er dem Anspruch der ersten Gruppe mit „höchster Priorität“ um drei Jahre nicht. Auch nicht, wenn seine Vorerkrankungen ihn als Risikopatient einstufen. Nach der Impfverordnung hätte er neben seinem hohen Prioritätsanspruch (zweite Gruppe) aufgrund des Alters auch den mit „erhöhter Priorität“ (dritte Gruppe). Dort werden unter anderem Menschen mit Vorerkrankungen gelistet.

2003 wird Georg nach einer Lungenkrebserkrankung ein Stück der Lunge entfernt. Nachfolgende, schwere Lungenentzündungen sind nur ein Teil der Krankenakte des 77-Jährigen. Sein Schwerbehindertenausweis – nur ein Symbol des jahrzehntelangen Krankheitsverlaufs. „Wenn ich mich mit Corona infiziere“, sagt Georg, „dann bin ich tot. Und ich möchte gerne noch ein bisschen leben.“
Bei zwei Ansprüchen, die wie im Falle Georg aufeinandertreffen (hohe und erhöhte Priorität), ist ein Aufrücken in die erste Gruppe mit „höchster Priorität“ allerdings nicht möglich. Eine Addition in Rechtsverordnungen gibt es nicht. Auch nicht in der Impfverordnung.

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums NRW schreibt hierzu: „Die Verordnung berücksichtigt das Risiko für einen schweren bzw. tödlichen Verlauf der Covid-19-Erkrankung. Diese Priorisierung fußt auf den Empfehlungen der ständigen Impfkommission (STIKO).“

Die Sachlage

Hans Georg bleibt somit in der zweiten Gruppe, er wird also, – anders als seine über 80-jährige Frau – erst einmal nicht den erlösenden Brief erhalten. In der kommenden Woche sollen die Informationsbriefe an die über 80-jährigen Menschen durch die Kreise verschickt werden. Ab dem 25. Januar sollen die Termine für diese Zielgruppe dann dann vergeben werden).

Wann Menschen aus der zweiten Gruppe informiert und angeschrieben werden, dazu können zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Angaben gemacht werden. Weder vom Gesundheitsministerium, noch von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): „Das hängt maßgeblich davon ab, wann dem Land Nordrhein-Westfalen welcher Impfstoff in welcher Menge zur Verfügung steht. Die entsprechenden Informationen liegen dem MAGS bislang noch nicht vor“, so Axel Birkenkämper vom Gesundheitsministerium. Ähnliche Antwort von der KVWL: „Um es noch einmal klar und deutlich zu sagen: Wir können nur so viele Termine vergeben, wie Impfstoff da ist – und dieser ist im Moment begrenzt“, erklärt der Vorstand, Dr. Dirk Spelmeyer, Dr. Volker Schrage und Thomas Müller. „Es stellen sich viele Fragen, aber nicht zu jeder Frage gibt es schon Antworten. Wann jemand einen Termin bekommt, wann die weiteren priorisierten Personengruppen dran sind, hängt in erster Linie von einem Faktor ab: der Impfstoffverfügbarkeit.“

Der Anspruch

Hans Georg selbst macht das wütend. Vor allem auf die Politik. Er fürchtet um das kostbarste, das er besitzt. Sein Leben. „Wenn das so weitergeht, wie es gerade anläuft, dann komme ich vor 2022 gar nicht dran.“ Die Politiker in den Talkshows, sagt er, „haben keine Ahnung von der Wirklichkeit. Das ist lebensfremd“. Das weder seine Frau, noch er, noch die anderen Senioren im Häuserblock an der Frankfurter Straße bis jetzt nicht über den Ablauf informiert worden seien, multipliziert Unmut. „Man weiß gar nichts. Nicht an wen man sich wenden soll, nicht wie die Sache anläuft. Wir wissen nur: Da steht ein Impfzentrum in Eiserfeld.“

Also ruft Hans Georg an. Beim Kreisgesundheitsamt, bei der KVWL, bei seiner Krankenkasse. „Hätten sie nichts mit zu tun“, sei ihm überall gesagt worden. „Ich hätte gerne jemanden gehabt, an den ich mich wenden kann. Bei dem ich schnell einen Termin zur Impfung hätte ausmachen können.“ Seine Kritik an Abfolge und Ablauf beim bisherigen Impfverfahren reicht dabei von ungenügendem Informationsfluss bis hin zu politischem Versagen mit Blick auf Impfstoffbeschaffung, Vorrat und Schnelligkeit. „20 Prozent aller Israelis sind nach drei Wochen geimpft – und was ist bei uns?“

Abstruse Regelung Wenn es sich bei dem „Bitte haben Sie noch etwas Geduld“-Hinweis nicht um die Bitte einer Computerstimme an der Servicehotline handelt, sondern um (d)ein Leben, dann wird die Geduldsprobe zur Zerreißprobe. Und zwar für viele. Aus dem Einzelfall Hans Georg spricht Exemplarik, aus dem Hinweis des KVWL-Vorstands („wir können nur so viele Termine vergeben, wie Impfstoff da ist“) auch. Er trifft das Dilemma im Kern und lässt zumindest hier keine Fragen offen: Es muss der Reihe nach gehen. Verordnungen wie die Impfverordnung wollen im Großen, was auch im Kleinen gewollt ist: Menschenleben retten, bei moralisch höchst schwierigen Entscheidungen entlasten, Schwache schützen, Chaos vermeiden. Trotzdem: Ein schwieriges Thema, vollgepumpt mit ethischen Fragen, lädt sich gerade dann mit Ängsten auf, wenn durch „Nicht-Zuständigkeitsverweise“ von Behörden – wie bei Hans Georg geschehen – ein Informationsvakuum entsteht. Anrufe bei Großeltern oder die zarte Nachfrage von betagten Nachbarn zeigen Ähnliches. Dass es Fragen gibt, auf die es womöglich noch keine Antworten gibt, muss daher unbedingt breitflächig und auf verschiedensten(!) Kanälen kommuniziert werden. Und zwar durch Menschen. Paragrafen und Verordnungen zum Download im Internet können keine Ängste nehmen.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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