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Wasser steht bis zum Hals
Verzweiflung bei Fitnessstudio-Betreibern

Etwa eine Milliarde Euro an Einnahmen ist den Betreibern von Sport- und Fitnessstudios in Deutschland seit Beginn der Pandemie weggebrochen, so die offizielle Schätzung. Die Frage, wann es wieder losgeht und wie man sich für den Neustart aufstellt, beschäftigt natürlich alle.
  • Etwa eine Milliarde Euro an Einnahmen ist den Betreibern von Sport- und Fitnessstudios in Deutschland seit Beginn der Pandemie weggebrochen, so die offizielle Schätzung. Die Frage, wann es wieder losgeht und wie man sich für den Neustart aufstellt, beschäftigt natürlich alle.
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  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

goeb Siegen/Betzdorf. „Ich tu mir gerade selbst leid.“ Rüdiger Schneider, Inhaber des „Fitness und Wellness Club Körperwelt“ aus Betzdorf, hat seinen Humor nicht verloren. Es ist allerdings Galgenhumor. Zum Zeitpunkt des Anrufs ist er mit einem Antrag auf staatliche Überbrückungshilfe beschäftigt. „Mit jeder weiteren Lockdown-Verkündung springen mir Leute ab“, berichtet er. Früher hat er jedes Mal Rundschreiben dazu rausgegeben. „Dann ratterten immer 30 bis 50 Kündigungen rein. Ich schreib’ jetzt gar nichts mehr“, sagt er.

Seit November ist bei den Studios wegen des Shutdowns eine reguläre Öffnung nicht mehr möglich (Ausnahme Reha in manchen Fällen). Bei Schneider zahlen geschätzt 30 bis 40 Prozent der Kunden ihre Mitgliedsbeiträge noch immer voll. Daneben gibt es Pausierende.

goeb Siegen/Betzdorf. „Ich tu mir gerade selbst leid.“ Rüdiger Schneider, Inhaber des „Fitness und Wellness Club Körperwelt“ aus Betzdorf, hat seinen Humor nicht verloren. Es ist allerdings Galgenhumor. Zum Zeitpunkt des Anrufs ist er mit einem Antrag auf staatliche Überbrückungshilfe beschäftigt. „Mit jeder weiteren Lockdown-Verkündung springen mir Leute ab“, berichtet er. Früher hat er jedes Mal Rundschreiben dazu rausgegeben. „Dann ratterten immer 30 bis 50 Kündigungen rein. Ich schreib’ jetzt gar nichts mehr“, sagt er.

Seit November ist bei den Studios wegen des Shutdowns eine reguläre Öffnung nicht mehr möglich (Ausnahme Reha in manchen Fällen). Bei Schneider zahlen geschätzt 30 bis 40 Prozent der Kunden ihre Mitgliedsbeiträge noch immer voll. Daneben gibt es Pausierende. Er nennt die Vollzahler seine „Engel“. Für sie hat sich der Betreiber einen Strauß von Angeboten für nach der Pandemie ausgedacht, darunter ein ausgetüfteltes Laufschulen-Konzept.

Deutschlandweit zwei Millionen Mitgliedschaften gekündigt

Viele Studios sind heute mit modernster Technik ausgestattet, darunter optometrische Gerätschaften und Apparaturen, die zahlreiche Körperdaten der Trainierenden aufnehmen und verarbeiten können.
Trotz oder gerade wegen der Totenstille in den Studios investieren viele Inhaber in die Ausstattung, um geschäftlich fit zu sein, wenn es wieder los geht. Sie müssen das tun. Aber wann wird es wieder losgehen können, im Mai, im Juni? Oder gar noch später? Keiner kann das jetzt wissen, aber klar ist auch: Waren vor dem ersten Shutdown noch ca. 11,6 Millionen Bürger Mitglied eines Fitnessstudios, ist diese Zahl zu Beginn der November-Schließung auf 9,8 Millionen geschrumpft – Tendenz weiter fallend.

Manch einer setzt darauf, „bindungslose“ Neukunden zu akquirieren, wenn es wieder losgeht. Schneider sieht den gewaltigen Bedarf. Auch er beobachtet, dass das „Cocooning“ („Einkapseln“) zu Hause in Verbindung mit Homeoffice bei vielen mit Bewegungsarmut einhergeht und zu Gewichtszunahme, Haltungsschäden und einem allgemeinen Nachlassen der körperlichen Fitness geführt hat.

Einnahmen in Höhe von einer Milliarde Euro fehlen

Die Quadratur des Kreises müssen viele Sportstudiobesitzer genau in dieser Zeit hinkriegen: investieren in einer Zeit, wo die Einnahmen wegbrechen. Bis dato, so eine Schätzung des Arbeitgeberverbands der deutschen Fitness- und Gesundheits-Anlagen, sind den Studios rund 1 Milliarde Euro an Einnahmen verloren gegangen.

Wer irgendwie kann, stellt sich neu auf, wie Gabi und Heino Urbanietz vom „Fitness Company No 1 im Freizeitpark Wilnsdorf (die SZ berichtete). Sie haben in sechsstelliger Höhe in ein ausgetüfteltes Hygienekonzept investiert – vom Umluftentkeimer bis zur kontaktlosen Getränkebar. Mit steigenden (und bleibenden) Hygieneanforderungen rechnen alle Betreiber auch für die mittelfristige Zukunft.

Thema beschäftigt schon Gerichte

Die Frage der Mitgliedsbeiträge hat bereits die deutschen Gerichte beschäftigt (mit unterschiedlichen Urteilen in Papenburg und Würzburg). So buchte die Kette Fit/One bei ihren Mitgliedern weiter ab, auch wenn viele dagegen Einspruch erhoben hatten. Andere Ketten verlängern die Laufzeiten entsprechend.
Die Beitragszahlung sei „natürlich nicht umsonst“, antwortete die Firma FitX Deutschland (Essen), die auch in Siegen ein Studio unterhält, auf SZ-Anfrage. Die verpassten Monate können demnach nach Vertragsende angehängt werden, ohne dass weiter abgebucht werde, hieß es.

Als „Gummiparagraf“ wird eine von der Bundesregierung vom Mai letzten Jahres erlassene Regel angesehen, wonach allen weiter zahlenden Kunden, die vor dem 8. März 2020 einen Vertrag mit einem Studio abgeschlossen hatten, ein Wertgutschein als Ersatz angeboten werden muss. Kritiker der Methode „Monate werden angehängt“ interpretieren es so, dass dieser Gutschein zeitunabhängig und nicht zweckgebunden sei. Man dürfe also nicht einfach kommentarlos verlängern.

Not macht bekanntlich erfinderisch: Um die verbliebenen Mitglieder bei der Stange zu halten, bieten manche Online-Kurse für zu Hause an, verleihen Geräte oder sie versuchten zuletzt, Angebote im Zelt nach draußen zu verlegen, bis auch das der Hygiene-Verschärfung zum Opfer fiel.

Wiedereröffnung heißt das magische Zauberwort in der Fitnessstudio-Szene. Bis dahin gilt es irgendwie durchzuhalten. „Die Nerven liegen bei allen blank“, resümiert Rüdiger Schneider. Sollte im Sommer der Spuk tatsächlich vorüber sein, will er das mit einem großen Sommerfest feiern.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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