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Polizeichef Gutsfeld zieht zum Abschied Bilanz
Viele Höhen und bittere Tiefen

Polizeichef Thomas Gutsfeld (r.), hier vor zwei Jahren bei der Begrüßung durch Landrat Andreas Müller, verabschiedet sich in den Ruhestand.
  • Polizeichef Thomas Gutsfeld (r.), hier vor zwei Jahren bei der Begrüßung durch Landrat Andreas Müller, verabschiedet sich in den Ruhestand.
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ch Siegen. An diesem Freitag sagen die rund 500 Beschäftigten bei der Polizei in Siegen-Wittgenstein ihrem Chef Tschüss: Der leitende Polizeidirektor Thomas Gutsfeld legt die Amtsgeschäfte nieder, der 62-Jährige wechselt in den Ruhestand. Mit ihm gehen 45 Jahre Polizeierfahrung, die letzten zwei Jahre davon hat Gutsfeld die Geschicke bei der Kreispolizeibehörde gelenkt – „und dabei jede Menge über die Menschen und die Region gelernt”, zieht der Wittener im Gespräch mit der SZ Bilanz.

Herr Gutsfeld, Sie haben beruflich etliche Stationen hinter sich, u. a. Bochum, Herne, dann das Polizeipräsidium Hagen, zuletzt die Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein: Wie fassen Sie die letzte Etappe im südlichen Südwestfalen in einem Satz zusammen?

ch Siegen. An diesem Freitag sagen die rund 500 Beschäftigten bei der Polizei in Siegen-Wittgenstein ihrem Chef Tschüss: Der leitende Polizeidirektor Thomas Gutsfeld legt die Amtsgeschäfte nieder, der 62-Jährige wechselt in den Ruhestand. Mit ihm gehen 45 Jahre Polizeierfahrung, die letzten zwei Jahre davon hat Gutsfeld die Geschicke bei der Kreispolizeibehörde gelenkt – „und dabei jede Menge über die Menschen und die Region gelernt”, zieht der Wittener im Gespräch mit der SZ Bilanz.

Herr Gutsfeld, Sie haben beruflich etliche Stationen hinter sich, u. a. Bochum, Herne, dann das Polizeipräsidium Hagen, zuletzt die Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein: Wie fassen Sie die letzte Etappe im südlichen Südwestfalen in einem Satz zusammen?
Die Arbeit hier in Siegen-Wittgenstein hat mit diesem Team Spaß gemacht und war zugleich anspruchsvoll.

Inwiefern anspruchsvoll?
Mein beruflicher Weg hat mich aus dem Einzugsgebiet der Ruhrmetropole in den Flächenkreis Siegen-Wittgenstein geführt. Hier ist es etwas ganz anderes, in der Fläche zwischen Burbach und Bad Laasphe dieselbe polizeiliche Leistung auf sehr gutem Niveau zu erbringen, als in einer Großstadt. Die Wege sind lang, die Kolleginnen und Kollegen auf weit voneinander entfernte Wachen verteilt. Und dennoch sind wir in wenigen Minuten am Unfall- oder Tatort. Bei den Einsatzzeiten liegen wir in NRW regelmäßig ganz vorne, und das ist gut so. Denn wenn der Bürger die „110” wählt, erwartet er natürlich rasche Hilfe.

Positive Entwicklung feststellbar

Sie sind also zufrieden?
Ja, klar. Sinkende Fallzahlen insgesamt, ein Minus bei den Wohnungseinbrüchen, ein Rückgang der Straßenkriminalität und am Ende eine höhere Aufklärungsquote sind die Eckpfeiler der Kriminalstatistik für das vergangene Jahr 2020. Diese positive Entwicklung hat nicht allein mit der Pandemie etwas zu tun. Mit den rund 400 Frauen und Männern in Uniform und mit den rund 100 Verwaltungsangestellten machen wir einen guten Job, denke ich.

Das klingt so, als ob Sie die Personalausstattung für ausreichend befinden? Das war in der Vergangenheit nicht immer so …
Doch, doch. In meiner Amtszeit war die Personalzuweisung durch das Innenministerium in Düsseldorf dergestalt, dass wir den Stamm gehalten haben. Wir hatten ein deutliches Plus bei den Zugängen bei etlichen Abgängen in den Ruhestand. Durch die massiven Investitionen in zusätzliche Stellen wird sich die Personalsituation bei der Polizei ganz allgemein auch in den kommenden Jahren schrittweise weiter verbessern. So wurde in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Kommissaranwärter in den vergangenen Jahren sukzessive von jährlich 2000 auf aktuell 2500 pro Jahr erhöht. Wer davon nach seiner Ausbildung künftig in Siegen-Wittgenstein seinen Dienst antreten wird, bleibt abzuwarten. Doch die Entwicklung lässt hoffen.

Explosion in Alchen der Tiefpunkt

Das klingt alles sehr positiv, welche Momente oder Erfahrungen haben Sie als negativ in den letzten 24 Monaten abgespeichert?
Trauriger Tiefpunkt für mich war die Explosion der Pfanne beim Kartoffelbratfest in Alchen. Ein extremes Unglück, das die Menschen – die Besucher des Festes, die Angehörigen der Verunglückten, aber auch die Beamten vor Ort – extrem gefordert hat. Ein traumatisches Ereignis. Auch die Vorfälle im westfälischen Lügde haben mir zu denken gegeben. Das über Jahre viele, viele Kinder auf dem Tatort Campingplatz vom Staat nicht wahrgenommen sexuell missbraucht werden konnten, stellt die Gesellschaft in Gänze vor enorme Herausforderungen. Gott sei Dank lernen wir aus solchen Verbrechen, und auch die Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein hat in Mensch und Technik investiert, um die Aufklärungsquote bei diesem Kriminalitätsthema nach oben zu treiben.

Gibt es Themen, die Sie ganz persönlich besonders ärgern?
Selbstverständlich! Etwa das Thema Gewalt gegen Einsatzkräfte im Allgemeinen bzw. gegen Polizeibeamte im Besonderen. Das reicht von der wüsten Beschimpfung in den sozialen Medien bis hin zur üblen körperlichen Gewalt gegen die Frauen und Männer in Uniform. Ich erinnere an den nächtlichen Polizeieinsatz vor einer Geisweider Disco im Sommer 2019, bei dem ein junger Kollege schwer verletzt wurde, als ihm jemand bei der Festnahme das Knie mit voller Wucht ins Gesicht rammte. Hier eskaliert die Verrohung der Gesellschaft.

Rassismusproblem angehen

Themenwechsel bzw. anknüpfend an das Stichwort Aggression: Seit einem Jahr wird eine Debatte zum strukturellen Rassismus in der Polizei geführt. Heftig, zum Teil sehr emotional. Ihre Positionierung in dieser Diskussion?
Klar, jeder rassistische Vorfall belastet das Vertrauen in die Polizei. Und dass es diese Vorfälle gab und gibt, ist logisch, denn Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem – und die Polizei ist nun einmal Teil unserer Gesellschaft. Also müssen auch wir dieses Problem angehen, auch wenn mir in der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein bislang kein einziger konkreter Fall untergekommen ist.

Wir haben sehr frühzeitig einen Extremismus-Beauftragten in unserer Behörde installiert, der seine Arbeit aufgenommen hat und in der Behörde etabliert ist. Zudem sind wir in intensiven Austausch mit unseren Führungskräften getreten und unterstützen auf diese Weise den Dialog, den der Innenminister mit allen Ebenen führt. Auf diesem Wege haben wir mittlerweile einen hohen Sensibilisierungsgrad erreicht. Mir ist es wichtig, dass wir eine Kultur der Offenheit und des Miteinanders pflegen, so dass in dieser Atmosphäre Probleme frei angesprochen und somit frühzeitig angegangen werden können. Wehren möchte ich mich ausdrücklich gegen das Label „struktureller Rassismus”: Die Polizei unter Generalverdacht zu stellen, ist nicht gerechtfertigt und lebensfern!

Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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