Vielen auf die Füße geschaut

Einen Schreiber-Standort aufgegeben:

Helga Reuter denkt wehmütig an 44 Jahre im selben Laden

Siegen. »Hier in der Ecke stand früher mal ein Karussell, vorn stand die Kasse, und daneben war der Aufzug für die Schuhe.« Wehmütig blickt Helga Reuter zwischen leerer werdenden Rollregalen durch den Verkaufsraum. Hier hat sie 44 Jahre lang gearbeitet. Aber heute Nachmittag um 16 Uhr ist Schluss. Endgültig.

Dann geht es am oberen Ende der Kölner Straße nicht mehr um Absatz, Senkel und Schnalle, und niemand geht mehr »gut zu Fuß« aus dem Geschäft. Nach 44 Jahren schließt das alteingesessene Schuhhaus Schreiber seine Filiale unter dem Krönchen. Und Helga Reuter, versehen mit einem dicken Schlüsselbund, macht selbst »den Laden dicht«.

»Das tut weh, ich darf gar nicht dran denken«, schüttelt die 58-jährige Schuhfachverkäuferin den Kopf. Hier hat sie – nach einem kurzen halben Jahr am Kölner Tor – ihre Lehre absolviert und ist anschließend der »Welt der Treter« und ihrem Arbeitgeber treu geblieben. »Ich kenne schon ein paar Generationen«, erinnert sie sich an die Kundenströme, die trippelnd, stapfend, schmalgliedrig oder auf großem Fuße durch das Geschäft gewandelt sind und nach Tretern, Slippern, Stiefeln, Sandalen, Pumps oder Puschen Ausschau gehalten haben. Den Menschen auf die Füße zu schauen, offenbart viel über deren Leben. »Da kriegt man so einiges mit«, umschreibt Helga Reuter ihre Erlebnisse. Heute kauften die Kunden etwas weniger, achteten dafür aber wieder mehr auf Qualität als früher. Markenschuhe sind dabei wieder »in«, »auf das Label kommt es an«. Aber nicht nur der Ruf der Markenfirmen zeitigt seine Wirkung. Der Fachverkauf ist Vertrauenssache. Auch Helga Reuter hat bei den langjährigen Kunden einen Namen: »Es gibt Kunden, die sagen, sie wollten von Frau Reuter bedient werden«, berichtet Andreas Schreiber, der gemeinsam mit seinem Bruder Michael das Unternehmen leitet.

Der Kaufmann ist schon mit der Angestellten großgeworden. »Sie hat mich schon im Kinderwagen geschoben.« Aber auch, als sich die »Größenverhältnisse« verschoben, änderte das nichts am gegenseitigen Vertrauen, zeitweilig arbeiteten beide nebeneinander im Verkauf. In den vergangenen Jahren hat Helga Reuter sogar verantwortlich die Filiale »auf dem Berg« geleitet.

Drastische Umsatzrückgänge, so Andreas Schreiber, hätten die Schließung erforderlich gemacht. Parkplatzverluste hätten u.a. zur Abwanderung von Kunden genauso beigetragen wie hohe Ladenmieten. »Die Höhen sind nicht mehr realistisch«, sagt der Geschäftsmann, der selbst Vermieter ist. Das Schuhhaus bleibt aber weiter in der Kölner Straße vertreten – »ein wichtiger Standort«, und insgesamt laufe das Geschäft gut.

Helga Reuter und ihre Kolleginnen – mit denen sie sich im übrigen prächtig versteht, wie sie betont – sind auf die anderen Filialen »verteilt« worden. »Es tut mir wirklich unheimlich leid, hier wegzumüssen«, sagt sie noch einmal. Und wird heute Nachmittag wehmütig zum finalen Ladenschluss »stiefeln«.

pebe

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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