Vom „Hotel Mama“ und Nesthockern

ihm - Sabine und Günter mögen ihr Leben. Das Ehepaar aus Siegen hat die Silberhochzeit hinter sich, aber die Beziehung ist lebendig und warm. Beide haben einen interessanten Beruf, ein schönes Haus, eine intakte Familie. Probleme? Nein, eigentlich nicht. Aber mit diesem „eigentlich“ fangen Probleme häufig an. Im Fall von Sabine und Günter (Namen geändert) sind es die Söhne, die einfach nicht ausziehen wollen. 20 und 24 Jahre alt sind die beiden, aber von einer eigenen Wohnung ist immer noch keine Rede. Sabine: „Ich habe immer gesagt, wenn die Kinder 18 sind, dann sorge ich dafür, dass sie ausziehen. Ich selbst konnte es in diesem Alter kaum abwarten, von zu Hause wegzukommen. Jetzt leben sie immer noch bei uns, und eigentlich bin ich das satt.“

Die jungen Männern sind nett und aufgeschlossen. Gerne erzählen sie im gemeinsamen Wohnzimmer von ihrem Alltag. Beide sind voll berufstätig, verdienen gutes Geld. Jeder hat eine feste Freundin und eine Clique, am Wochenende ist Ausgehen angesagt. Ab und zu sehen die Eltern ihre Söhne tagelang nicht. Das Haus der Familie ist groß, man geht sich problemlos aus dem Weg. Die junge Generation hat eine eigene Etage mit Bad zur Verfügung. Nur Küche und Kühlschrank teilen sich alle vier.

Warum möchte Sabine ihren Nachwuchs auf Distanz bringen? Sie überlegt. „Eigentlich“ findet sie es ja gar nicht übel, dass die junge Generation mit den Eltern so gut zurechtkommt, dass man unter einem Dach wohnen will. Das erkennt doch letztlich die Erziehungsleistung der Eltern an. „So uncool können wir ja wohl nicht sein“, lacht Günter. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass die jungen Männer sich abnabeln sollten.

Wie sehen das die Söhne? Für sie steht die Bequemlichkeit klar im Vordergrund. Nicht immer, aber doch mehrfach in der Woche gibt es leckere, frisch gekochte Mahlzeiten. Die Wäsche wird gewaschen und gebügelt. Die Zimmer der Söhne räumt die Mutter allerdings schon seit langem nicht mehr auf – ab und zu Grund für kleine Scharmützel, denn dort sieht es mitunter chaotisch aus.

Genaugenommen bieten Sabine und Günter ihren Kindern eine Art Hotel mit Familienanschluss. Besser, so sagen die Söhne, könnten sie es woanders nicht haben.

Einen Weg, das Familienleben langsam in die Selbstständigkeit münden zu lassen, gibt es: die Kinder wie Mieter behandeln. Das bedeutet: keine Wäsche mitwaschen, keine Putzdienste, keine gemeinsamen Mahlzeiten – abgesehen von förmlichen Essenseinladungen, die man auch für Gäste aussprechen würde. Das Wohnzimmer kann sehr wohl weiter von allen genutzt werden, aber die Eltern haben dort das Sagen. Sie bestimmen, welche Musik oder welches Fernsehprogramm läuft – oder ob sie einfach ihre Ruhe haben wollen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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