Erinnerungen des Stahlwerke-Kochs Uwe Duske
Vom Kasino in alle Welt

Küchengarde im Kreuztaler Hotel Keller (1959): Ausbilder Wolfgang Schulte, Uwe Duske, Heidi Müller und Klaus Dreute (v. l.).
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  • Küchengarde im Kreuztaler Hotel Keller (1959): Ausbilder Wolfgang Schulte, Uwe Duske, Heidi Müller und Klaus Dreute (v. l.).
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hb Geisweid.Verschiedentlich hat die Redaktion Heimatland in der Vergangenheit über die „verflossene“ Gaststättenkultur in der Region berichtet. Hier eine weitere Folge von Dr. Horst Bach:

Wo findet man gutes Essen? Oft in der Nähe von Kirchen, also mitten im Zentrum der Orte. So etwa im Gasthof Vetter im früheren Weidenauer Ortsteil Schneppenkauten, neben St. Joseph. Heute steht hier der Neubau des Kolpinghauses, das sich vorher in der alten „Enke“ an der Ferndorf befand. Auch um die Nikolaikirche in der Siegener Oberstadt herum gab und gibt es zahlreiche Gaststätten. Aber nicht nur nach dem Besuch des Gottesdienstes ließen sich die Menschen in einer Wirtsstube beköstigen (manchmal gerne auch schon vorher, vor allem mit Getränken!), auch die Siegerländer Unternehmen baten ihre Gäste gerne im hauseigenen Restaurant zu Tisch. Hier ging und geht es um gute Geschäftsabschlüsse, die man zuvor getätigt hatte oder noch tätigen wollte.Auch das Ambiente spielte dabei eine Rolle. Im wahrsten Sinne des Wortes „obenauf“ war man in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vor allem im Kasino der Stahlwerke Südwestfalen, das im 11. Stock lag. Mit Mitteln des Marschallplanes wurden in den Jahren 1950 bis 1954 die Geisweider Eisenwerke, die dann Stahlwerke Südwestfalen (heute Deutsche Edelstahlwerke) hießen, wieder aufgebaut. 120 Millionen D-Mark sollen damals aus entsprechenden Fördermitteln geflossen sein. Mit dem Bau des Stahlwerke-Hochhauses entstand dann Ende der 1950er-Jahre auch das betriebseigene Kasino.

Kasino-Koch war Uwe Duske

Wirtschaftsführer aus aller Welt sollten sich fortan hier ein regelmäßiges Stelldichein geben. Uwe Duske, damaliger Kasino-Koch, kennt die kulinarische Hochburg im Zentrum von Geisweid in- und auswendig. Uwe Duske, ein Flüchtling aus dem Osten, war nun für die Zubereitung erlesener Köstlichkeiten für die Gäste aus aller Welt zuständig. Als 14-Jähriger absolvierte er im traditionsreichen Hotel Keller seine Ausbildung, die damals noch Lehre hieß. Sein bester Freund im Betrieb war Küchenchef Klaus Dreute, Sohn der damaligen Hotel- und Restaurant-Inhaber Helmi und Grete Dreute. Als Georg Schulz, zu Beginn der 1960er-Jahre Leiter des Kasinos der Stahlwerke, einen Koch suchte, war Uwe Duske schnell zur Stelle. Mit den besten Empfehlungen von seinem vorherigen Chef(-koch) Klaus Dreute.„Ich wollte mir die Welt angucken“, war immer der besondere Traum von Uwe Duske. Zunächst musste bzw. durfte er das aus dem 11. Stock der Stahlwerke tun. Doch dabei blieb es nicht, denn die Stahlwerke besuchten Messen auf aller Welt.

Siegerländer Küchenkunst in Teheran

So ging bzw. flog Duske mehrmals im Jahr mit der Küche seines Arbeitgebers auf Reisen, um bei Messen in aller Welt die Produkte (und die Küche) der Stahlwerke Südwestfalen vorzustellen. Dem ehrgeizigen Koch oblag dabei natürlich die Übermittlung der Feinheiten aus der Siegerländer Küchenkunst.Am 20. August 1962 war er nämlich von der Unternehmensführung zum „1. Koch“ des Firmen-Kasinos befördert worden. Vor allem die Messen in Teheran („Teheran Fair“) ganz in der Nähe des Schah-Palastes sind Uwe Duske in guter Erinnerung geblieben. In Leipzig durfte er bekannten Staatsmännern wie den DDR-Größen Erich Honecker und Willi Stoph die Mahlzeiten zubereiten. Die Messe in Posen gehörte ebenfalls zu den Höhepunkten im Leben des ehrgeizigen Kochs.
Aber auch im eigenen Haus gab es hochrangige Persönlichkeiten zu bekochen, wie „Seppl“ Herberger, den deutschen Fußball-Weltmeistertrainer von 1954 (Heimatland-Seite vom 10. Oktober 2015).

Friedrich Flick am Hintereingang

Auch an die Jagdgesellschaften erinnert sich Uwe Duske besonders gern. Die Stahlwerke unterhielten damals dafür eigens ein Gästehaus in Hainchen. Mit einem Haupteingang für die Gäste in feinem Zwirn und einem Hintereingang, durch den die Gäste nach der Jagd mit ihren oft recht verschmutzten Stiefeln „einmarschieren“ mussten. Als eines Abends ein älterer Jagdgenosse im Lodenmantel und hohen Stiefeln am Haupteingang Einlass begehrte, wollte der gerade diensthabende Koch ihn zurückweisen.
„Sie müssen durch den Hintereingang gehen und sich dort die Stiefel ausziehen“, beschied Uwe Duske dem Lodenmantelträger, der offensichtlich einen Arm in Gips hatte. Der Jagdgenosse war allerdings nicht willens, den Umweg zum Hintereingang zu machen, sondern zog sich gleich am Haupteingang selbst die Stiefel aus und ließ diese von einem Begleiter wegtragen. „Ich muss mir erst einmal meine Tabletten aus meinem Zimmer holen“, erklärte der nunmehr stiefellose Jagdfreund. Er war, wie sich später herausstellte, mit einem großen Geländewagen samt Fahrer und eigenem Arzt nach Hainchen angereist. Und war kein Geringerer als der Großindustrielle Friedrich Flick aus Kreuztal …

Speisekarte zur IAA in Frankfurt

Und wie sah eine Mahlzeit aus, die Uwe Duske auf einer großen Messeservierte? Hier der „Disclaimer“ der Kasino-Speisekarte für die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main: „Mit dem, was ein Aussteller auf der IAA seinen Gästen kulinarisch bieten kann, verhält es sich wie mit den Lieferprogrammen der Automobilhersteller: Bei richtiger Zusammenstellung ergibt sich eine sinnvolle Mischung von gängiger Standardware und einigen Leckerbissen. Diese Analogie ist dann sogar für die Lieferfristen gültig: Das Besondere braucht etwas mehr Zeit. Lieferumfang und Einzelheiten der Gewährleistung sind mit unserem Küchenmeister festzulegen. Aufgrund freiwilliger Kapazitätsbegrenzung können Termine gelegentlich nicht überschritten werden.“ Na denn: Guten Appetit!

Autor:

Dr. Horst Bach (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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