Vom Ringen um den »Kopf«

Titus Lerner stellt in der Galerie Am alten Garten »Kopflandschaften« aus

gmz Eiserfeld. Es sind sperrige Arbeiten, die Titus Lerner seit gestern in seinen »Kopflandschaften« in der Galerie Am Alten Garten in Eiserfeld zeigt (bis 14. März, montags bis freitags 16.30 bis 18.30 Uhr, Dr. Rolf M. Bäumer führte in die Ausstellung ein). Es sind Bilder und Plastiken, die dem Betrachter ein Gegenüber vorführen, das eigentlich keinen Betrachter braucht, denn die Figuren ruhen in sich. Starke Farben bilden Gesichter und (Halb-)Figuren auf der Leinwand, energisch, oft wild übereinander geschichtet, fast grob, wie in wilder Hast aufgetragen, schrundig, zerklüftet, so, als ob der Maler getrieben würde, so, als müsste er sich befreien von dem, was er zu malen hat. Und doch sind die Figuren nicht im Mindesten aggressiv, sondern wirken eher verletzlich, so, als ob die raue Oberfläche nur gerade mal so geschlossen werden konnte, als ob sie nur mühsam zum Schutz gegen das »Außen« gestreckt werden könnte. Daneben bilden in manchen Arbeiten ruhige, geschlossene Flächen einen Gegenpol zu der »Kopflandschaft«, blaue Unendlichkeit bildet eine Verheißung der Zuversicht, gelbe Hoffnungsschimmer bilden Zufluchtsorte. Ähnlich »Charakter-bewusst« und in keiner Weise Zugeständnisse an die Forderungen des Zeitgeistes machend sind die Terracotta-Plastiken, die »Kommunikation« zeigen. Wunderbar arrangiert ist beispielsweise die Dreiergruppe, die menschliche Mitteilungsmöglichkeiten und Gefühlsreaktionen thematisiert. Da ist der Mann, der aus voller Kehle ruft, brüllt, schreit, sich freut – unbändig, mit viel Engagement, aber ohne Aggression. Da ist der Träumer mit verschlossenen Augen, der genießt. Da ist der Mann, der zuhört, intensiv und abwägend. Menschen zeigt Titus Lerner, der in Hachenburg geboren wurde und in Marienstatt zur Schule ging. Einfach Menschen, an denen nichts einfach ist. Zu deutlich sieht der Betrachter, dass sie sich für das, was sie sind, mit »dem Leben« haben auseinandersetzen müssen, dass sie sich die abwartende Gelassenheit, die aus den Arbeiten spricht, dass sie sich das verschmitzte Lächeln, die zuversichtliche Zielstrebigkeit, das nach innen gerichtete Nachsinnen, die traumverlorene Zufriedenheit, den klugen Blick oder das wissende Träumen hart haben erarbeiten, vielleicht sogar erkämpfen müssen. Gegen Widerstände, die dem Einzelnen ihre Form geben. Die Widerstände stellt Titus Lerner nicht dar, aber er zeigt, dass die Figuren durch sie zu dem geworden sind, was sie sind. Und weil das so ist, brauchen die Figuren den Betrachter nicht. Titus Lerners Figuren drängen sich nicht auf. Sie wollen erschlossen werden. Und wenn man ihnen zu nahe kommt, lösen sie sich in den Farbwelten auf. Sie benötigen, um in ihrer Gänze wahrgenommen zu werden, Distanz. Sonst halten sie einem, wie in vielen der kleineren Arbeiten, ihre Maske vor. Im Bild legen sie die Masken meist ab, wie eine Last, von der sie sich befreien, oder kokettieren damit wie die Damen des Rokoko mit dem Fächer. Seit Jahren kennen die Galeristen Wolfgang John und Anette John-Busch, wie sie bei der Vorbesichtigung der Ausstellung erzählen, Titus Lerner schon, seit Jahren steht schon fest, dass es im Alten Garten eine Ausstellung mit Arbeiten von Lerner geben soll – und jetzt passt es. Nach den »Landschaftsräumen«, mit denen die Galerie am Ende des vergangenen Jahres ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat (die SZ berichtete), fügten sich die »Kopflandschaften« wunderbar in die Ausstellungsreihe: Titus Lerner hat deshalb auch sehr viele Arbeiten speziell für diese Schau gemalt. Sie lenken den Betrachter auf die Erkenntnis, im Gegensatz zu früheren Arbeiten, die eher die dunkle, die erschreckende Seite und die tiefen Abgründe des Menschen darstellten, dass »der Mensch« manchmal mühsam von den Abgründen befreit werden kann. Manchmal.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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