Vom Scheitern gezeichnete Umarmung

Roma-Theater »Pralipe« spielte »Carmen« im Zelt im Park an der Oranienstraße

Siegen. Das Ende einer Liebe. Vom Scheitern gezeichnete letzte Umarmungen. Es hat rote Rosen geregnet. Jetzt liegen die dornenreichen Blumen achtlos verstreut auf dem Boden herum. Wie so oft, seit Eva Adam den Apfel gereicht hat, sieht der Mann, der mit seinen enttäuschten Gefühlen– nicht klar kommt, nur einen Ausweg: die rohe Gewalt. Heißes Begehren, sexuelle Leidenschaft, Liebelei, Liebe, Treue, Eifersucht, die bis zur Raserei reicht – wer kennt das nicht? In »Carmen«, berühmt geworden ist der Stoff vor allem als Oper von Georges Bizet, kulminieren all diese Gefühle. Einen der Gründe, warum die »Carmen« bis heute – über 250 Jahre nachdem ihr der vielgereiste Schriftsteller Prosper Mérimée literarisches Leben eingehaucht hat – immer noch als archetypische Frauengestalt gilt, nennt Rusomir Bogdanovski, Dramaturg des Roma-Theaters »Pralipe« im Programmheft: »Die Geschichte Carmens ist einfach wie ein Sandkorn, und zugleich komplex wie ein Traum.«

Die »Carmen« des vor über 25 Jahren in Skopje im ehemaligen Jugoslawien gegründeten Roma-Theaters »Pralipe« ist aber auch ein Zurück zur Basis: Theater auf Straßen und Plätzen. Die Truppe, die vor einigen Jahren bei KulturPur auf dem Giller für Furore gesorgt hat, spielte gestern und vorgestern im Zirkuszelt im Park an der Oranienstraße. Das fackelbeleuchtete Ambiente – am Ast eines Baumes hing sogar ein Kronleuchter – ist aber nur einer der Faktoren, der dem Klassiker ein anderes Gesicht verleiht. Die Darsteller des mazedonischen Ensembles, die bekanntlich seit längerem mit dem Mülheimer Theater an der Ruhr kooperieren, sprechen Romanés. »Pralipe« will schließlich mehr als »nur« Theater bieten. Ziel ist es, die Kultur der Roma lebendig zu halten. Auch wenn die Worte für uns ungewohnt, ja, fast exotisch, klingen, so verleiht die südländisch-melodiöse Sprache dem leidenschaftlichen Spiel in der Manege eine ganz eigene Qualität. Gleiches gilt für die packende Live-Musik von »Les Manouches«. Wenn zum grausigen Finale die Geige traurig-melancholisch schluchzt, dann wirkt das nicht peinlich oder zu dick aufgetragen, sondern einfach gefühlsecht. Temperamentvoll seziert das Ensemble unter der Regie von Rahim Burhan – angeführt von Silvia Pinku (Carmen) und Eduard Bajram (José) – die Schichten des Beziehungsdramas, des »Kampfes« zwischen Frau und Mann. Während im ersten Teil – mit einfachen Mitteln – eindrucksvolle Bilder (wenn Carmen an den Gittern ihrer Zelle rüttelt oder sie José den roten Liebes- apfel reicht) in die Manege gezaubert werden, erreicht–die nach der Pause sehr straffe Inszenierung zum Finale hin das Ziel des Dramaturgen. Carmen erreicht ihr Ziel, als Frau selbst zu bestimmen, wen sie wann und wie lange liebt. Auch wenn sie dafür den höchsten–Preis bezahlen muss.

Aber den bezahlt in diesem Falle, und das war das Neue, als Carmen erstmals auf dem Theater erschien, nicht nur die Begehrte, sondern auch der Begehrende. Die Frau Carmen verlässt– ihr (Roma-) Ghetto, um gleichberechtigt mit Selbstbewusstsein auf der Szene zu erschei-nen. Damit kann sich auch heutzu- tage mancher Mann nicht nur im heißblütigen Südspanien nicht so recht anfreunden.

Der prasselnde Beifall der Besucher/innen– nach der Veranstaltung von »Theater Siegen Konzerte« machte deutlich, dass große Gefühle Sprachbarrieren leichter überwinden als der Amtsschimmel politische Oxer. Immerhin dauerte es über 20 Jahre, bis auf dem Gelände an der Oranienstraße Theater gespielt wurde. Ja, so lange ist es her, dass auf dieser Wiese der Grundstein für ein Siegener Theater gelegt worden ist. Bevor es abgewürgt wurde. Womit wir wieder bei »Carmen« wären.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen