Von alleine kommt sie nicht, die Idylle

Acht ASK-Künstler haben die »Idylle« untersucht / Heute Eröffnung im Haus Seel

gmz Siegen. Also, so eine Idylle: ein gepflegter, grüner Lattenzaun, zwölf kleine Gartenzwerge in Reih und Glied, ein nettes, kleines Häuschen auf lupenrein gelegtem Kies, dahinter ein Stück pflegeleichter Plastikrasen, ein paar Blumen, die es nicht wagen würden, aus der Reihe zu wachsen. Stereotyper – und steriler – könnte die Idylle kaum sein, die Helga Seekamp da zeigt, in der Winterausstellung der Arbeitsgemeinschaft Siegerländer Künstler (ASK), die heute, 19 Uhr, im Siegener Haus Seel eröffnet wird (bis 21. Dezember, dienstags bis sonntags 14 bis 18 Uhr, sonntags auch 10 bis 13 Uhr). Die traditionelle Winter-Themenausstellung, an der sich acht der ASK-Künstler beteiligen, widmet sich der »Idylle«. Ein schwieriges, ein sperriges Thema, das, wie Helga Seekamps Arbeit zeigt, mit festen Vorstellungen besetzt ist (auch wenn die Wahl des Themas Idylle den Blick natürlich schon über den kunstgeschichtlich stark definierten Begriff Idyll hinauslenkt). Helga Seekamp wendet sich gegen die stereotypen, käuflichen Vorstellungen von Idylle, die ja eigentlich ursprünglich für »den Ort« steht, also den Ort, den man als schön empfindet, als Ort der Ruhe und der Harmonie, als Rückzugsort, an dem Regeneration möglich ist.

Dieses individuelle Bedürfnis – und wer benötigt nicht einmal einen Ort der Harmonie? – findet einen Ausdruck sicher in den als »idyllisch« empfundenen, 1000-fach vermarkteten, vorgefertigten Idyllen, wie Helga Seekamp sie zeigt und entlarvt. Die wohlfeile Idylle gibt es natürlich in den unterschiedlichsten Ausprägungen zu kaufen, eine dieser Arten spielt mit dem Wunsch nach Ursprünglichkeit, nach Einfachheit, nach ungekünsteltem Leben.

Petra Oberhäuser hat sich diesem Wunsch nach Ursprünglichkeit genähert und Fotos von »ursprünglichem« Leben gemacht, wie sie es teilweise bei ihrer Chinareise angetroffen hat: Die eigene Sehnsucht nach einfachem, unverfälschtem Leben relativiert sich sehr schnell angesichts der realen Lebensumstände der Armut, die sie dokumentarisch, nicht voyeuristisch oder herablassend zeigt. Der Kampf im Dasein ist eben auch immer ein Kampf um Ordnung und das tägliche (Über)Leben, wie Petra Oberhäusers gewachste Filz-Stillleben mit einem Augenzwinkern verdeutlichen. Ob der Wunsch nach Idylle nicht nur die ästhetische Variante eines nicht zu leugnenden Bedürfnisses nach Heimat und (durchaus auch religiös verstandener) Geborgenheit ist, fragt Ingo Schultze-Schnabl in seiner Arbeit. Er skizziert verschiedene Entwürfe von (Landschafts)Idylle, wobei sein »durchbrochener« Darstellungsansatz den Vorläufigkeitscharakter – festgehalten auf der karierten Spitzen-Wachstuchdecke – hier noch unterstreicht. Margret Judt bettet die idyllischen Blumenfotos in opulente Stoffe, deutet so ihre Verhüllung oder ihre Präsentation an. Die Spannung zwischen Idylle als »Kostbarkeit« und als (verwertbarem) Gut bleibt bestehen.

Eckard Putzmann zeigt mit Hilfe eines Drahtes, dass die Idylle selbst nur das Ziel sein kann, der Weg ist manchmal verschlungen und langwierig und kann auch holprig sein. »Von alleine ist sie nicht da, die Idylle«, fügt er bei der Vorbesichtigung der Ausstellung an. Dass die Idylle ihrerseits eine eigene Ästhetik generiert, hebt Jochen Dietrich auf ungewöhnliche Weise hervor. Er hat verschiedene Textseiten aus Büchern gelöst, auf denen der Begriff »Idylle« benutzt wird. Sämtliche Zeilen der Buchseiten hat er geschwärzt, einzig die Idylle ist lesbar geblieben. Dadurch ergibt sich eine ganz eigene Wahrnehmung, die Idylle als eine ästhetische zu gestaltende Kategorie vorstellt.

Bruno Obermann und Günter Hähner haben »ihre« Idyllen gemalt, Idyllen, die vielleicht nicht jeder als solche ansieht. Bruno Obermann zeigt herbe, nordische Landschaften in zarten bis kräftigen Farben und in sehr gestischer Malweise, die für den Betrachter den Geheimnischarakter der Idylle unterstreicht.

Günter Hähners Idyllen entsprechen von der Malweise her sicher eher den gängigen Vorstellungen, sind aber durch ihre Motive höchst unidyllisch: Schleusen oder ein Sandbaggerschiff, auch wenn sie in noch so schönem duftigen Aquarellblau daherkommen, sind sicher nicht jedermanns Vorstellung von Idylle. Seine Bilder unterstreichen aber, dass das Bedürfnis nach Harmonie und Ideal höchst individuell ist – wie auch die ausgestellten Einsendungen zum Thema zeigen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen