SZ

Die Grippepandemie 1918 / 19 im Kreis Wittgenstein
Vor allem junge Menschen erkranken schwer

Ein Blick in das Sterberegister der evangelischen Gemeinde Elsoff vom Dezember 1918: Die Todesursache – Grippe – ist vermerkt.
4Bilder
  • Ein Blick in das Sterberegister der evangelischen Gemeinde Elsoff vom Dezember 1918: Die Todesursache – Grippe – ist vermerkt.
  • Foto: Peter Schneider
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

sz - Die Spanische Grippe war eine weltweite Pandemie, die zwischen 1918 und den frühen 1920ern die Welt in mehreren Wellen überrollte und unzählige Opfer forderte, wie Peter Schneider in seinem Beitrag ausführt. Im damaligen Umgang mit der ansteckenden Erkrankung sieht man Parallelen zu heute, aber auch große Unterschiede.
sz  Erndtebrück. 1918 neigte sich der Erste Weltkrieg dem Ende zu. Der Krieg war verloren. Zukunftsängste, Not und auch Entbehrungen sowie die Erinnerung an die Opfer des Krieges waren allgegenwärtig. In dieser Situation hatte das Grippevirus, das als Spanische Grippe bekannt wurde, leichtes Spiel.

sz - Die Spanische Grippe war eine weltweite Pandemie, die zwischen 1918 und den frühen 1920ern die Welt in mehreren Wellen überrollte und unzählige Opfer forderte, wie Peter Schneider in seinem Beitrag ausführt. Im damaligen Umgang mit der ansteckenden Erkrankung sieht man Parallelen zu heute, aber auch große Unterschiede.
sz  Erndtebrück. 1918 neigte sich der Erste Weltkrieg dem Ende zu. Der Krieg war verloren. Zukunftsängste, Not und auch Entbehrungen sowie die Erinnerung an die Opfer des Krieges waren allgegenwärtig. In dieser Situation hatte das Grippevirus, das als Spanische Grippe bekannt wurde, leichtes Spiel. Der Name beruht wohl darauf, dass erste Berichte über die Krankheit aus Spanien stammten, das als neutrales Land im Ersten Weltkrieg keine so ausgeprägte Zensur hatte (so Wikipedia).
In all dieser Not also tauchte eine Krankheit auf, die sich zu einer Pandemie ausweitete, im Schatten des Krieges und seiner Folgen jedoch schnell zur Seite geschoben wurde. In der Ausgabe vom 10. Juli 1918 schrieb das Wittgensteiner Kreisblatt erstmals von einer „Spanischen Krankheit“, die nun auch im Kreis Wittgenstein Einzug gehalten habe. Vereinzelte Krankheitsfälle seien durch diesen „unerwünschten spanischen Gast“ bereits vorgekommen, ein Grund zur Beunruhigung sei aber nicht gegeben, denn die Erkrankung habe einen durchaus harmlosen Charakter. Ansonsten fand die Spanische Grippe nur wenig Erwähnung.

Die Grippe wurde unterschätzt

Diese Grippe entwickelte sich entgegen der Aussage in der Zeitung zur verheerendsten Seuche des 20. Jahrhunderts. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs soll das Virus, das zwischen 1918 und 1920 etwa ein Drittel der Weltbevölkerung infizierte, in den USA entstanden sein. Eine andere Quelle sieht den Ursprung im Fernen Osten, woher die meisten jährlich auftauchenden Grippeviren stammen. Die Schätzungen der Todesopfer reichen von mehr als 20 Millionen über 30 Millionen bis hin zu 50 bis 100 Millionen.
Die bis dahin größte Grippepandemie lag knapp dreißig Jahre zurück (November 1889 bis März 1890). Ein sehr hoher Anteil der Weltbevölkerung soll damals erkrankt sein, 34 000 Personen starben allein in Preußen.
Die Pandemie 1918/19 verlief in mehreren Wellen, mit der tödlichsten im Herbst 1918. Neben der immens hohen Sterblichkeit war auch das Alter der Todesopfer ungewöhnlich: Vor allem junge und gesunde Menschen zwischen 20 und 40 starben. Die bei weitem häufigste tödliche Komplikation war die bakterielle Lungenentzündung. Sie forderte möglicherweise mehr Opfer als die Grippe selbst.

Vor allem junge Menschen waren betroffen

Viele Soldaten waren betroffen. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, steckten sich auf einen Schlag viele an. So kam das Virus durch Fronturlauber, Verwundeten- und Kriegsgefangenentransporte Anfang Mai 1918 ins Deutsche Reich und sprang auf die Zivilbevölkerung über. Dort breitete sich die Krankheit von Mitte Juni 1918 an von West nach Ost aus.
Aufgrund des politischen Umbruchs in Europa und der scharfen Zensur in den kriegführenden Ländern erhielt die Pandemie jedoch nur eine geringe Aufmerksamkeit. In Deutschland war eine Berichterstattung offiziell nicht erwünscht. Aber man reagierte, irgendwie. Der Reichsgesundheitsrat als Unterstützer des Reichsgesundheitsamtes trat wegen der Grippe am 10. Juli 1918 erstmals zusammen. Die zweite Sitzung erfolgte am 16. Oktober 1918. Eine Meldepflicht der Influenza bestand schon deshalb nicht, weil kriegsbedingt die Schreibkräfte fehlten.

Die Krankheit war extrem ansteckend

In der Presse las man wenig über die Sitzungen des Reichsgesundheitsrates. Nach der ersten Sitzung hielt man die Krankheit für bereits abklingend. Sie werde in der warmen Sommerwitterung bald verschwinden, dachte man. Nach der zweiten Sitzung gab das Reichsgesundheitsamt erstmals Anweisungen zum Verhalten. „Da die Krankheit äußerst leicht übertragbar ist, stoßen vorbeugende Maßnahmen allgemeiner Art auf Schwierigkeiten“, heißt es dazu in einem Beitrag im Wittgensteiner Kreisblatt. Gerade bei jungen Menschen verlaufe die Krankheit ziemlich heftig und ende nicht selten tödlich. Reinlichkeit und Händewaschen vor dem Zubereiten von Speisen und vor dem Essen wurden dringend empfohlen. Mehrmals täglich solle man mit warmem Salzwasser gurgeln. Bei den ersten Zeichen einer Erkrankung solle man sich ins Bett begeben und, wenn erforderlich, einen Arzt hinzuziehen. Eine von der Öffentlichkeit dringend geforderte Schulschließung sei nur dort gerechtfertigt, wo die Grippe herrsche und ein Einschleppen von der Familie in die Schule zu befürchteten sei. Es solle von Fall zu Fall entschieden werden.
Während in einigen Städten Kinovorstellungen und Theater sowie öffentliche Versammlungen untersagt wurden, gab es im hiesigen Kreisgebiet offenbar kaum vorbeugende Eingriffe in das öffentliche Leben, welches zu dieser Zeit ohnehin nicht stark ausgeprägt war. Todesnachrichten von der Front, Lebensmittelrationierungen (es war die Zeit des „Streckens“ und der Ersatzprodukte) und Beschlagnahmungen von landwirtschaftlichen Produkten beschäftigten die Menschen.
Der Reichskanzler ersuchte allerdings in einem Rundschreiben vom 12. August 1918 sämtliche Regierungen sowie das Militär um eine zusammenfassende Auskunft über den Verlauf der Seuche. Die Berichte gingen 1920 ein, verfasst von Dr. Otto Peiper und Dr. Hans Bogusat.
Die Zahl der bei beiden Krankheitswellen tatsächlich Betroffenen kann nicht genau festgestellt werden, da viele Kranke mit leichtem Verlauf keinen Arzt aufsuchten. Andererseits waren, besonders bei der zweiten Welle, die Ärzte derart überlastet, dass sie außerstande waren, anzugeben, wie viele Grippekranke sie behandelt hatten. Viele Militärärzte wurden zur Unterstützung der Zivilärzte abkommandiert.

Gegenmaßnahmen: Isolieren und Desinfizieren

Zur Verhütung der Krankheit kamen Isolierung und Desinfektion in Betracht. Eine Isolierung war wegen der großen Krankenzahl schlecht oder gar nicht auszuführen. Die Desinfektion war, Berichten zufolge, oft mangelhaft. Besondere Maßnahmen gegen die Verbreitung der Grippe wurden fast nirgends ergriffen. Die Ansteckung war so stark, dass auch die schnellste Überführung in ein Krankenhaus weitere Erkrankungen nicht verhindern konnte.
Schulschließungen fanden nach Peipers Bericht an vielen Orten statt, einerseits zur Vorbeugung, andererseits, da 70 bis 90 Prozent der Schüler oder auch der Lehrer erkrankt waren. Peiper stellt weiter fest, dass die Epidemie ohne wesentliche Beeinflussung durch systematische Bekämpfungsmaßnahmen verlaufen sei. Hieraus hätte man den Behörden einen Vorwurf machen können. Er stellte zum Vergleich das Vorgehen in der Schweiz dar, die mit den schärfsten gesetzlichen Mitteln gegen die Krankheit vorgegangen war; dennoch erkrankte auch dort ein Großteil der Bevölkerung.

Statistische Auswertung auf Basis der Totenscheine

Aus einem Bericht, den der Regierungs- und Medizinalrat Dr. Wilhelm Koenig 1920 veröffentlichte, erfährt man Einzelheiten der Erkrankungswelle im Regierungsbezirk Arnsberg. Die genaue Erfassung der Sterbefälle beruht auch auf der Tatsache, dass seit 1. Oktober 1912 im Regierungsbezirk die ärztliche Totenschau vorgeschrieben war. 10 026 Todesbescheinigungen aus der Zeit vom 29. September 1918 bis 1. Februar 1919 wurden ausgewertet. Im Regierungsbezirk traten in Folge der Grippe und Grippe-Lungenentzündung 8911 Todesfälle auf. In diesem Zeitraum wurden weitere 1115 Todesfälle nach einer Lungenentzündung bescheinigt, die sich auch ohne Auftreten der Grippe ereignet hätten. Die Todesbescheinigungen sind die einzige zuverlässige Quelle für die statistische Erfassung der Kranken, da für Grippe keine Meldepflicht bestand.
Die höchste Zahl an Todesfällen im Regierungsbezirk trat am 30. Oktober und 1. November 1918 auf, so dass man den Höhepunkt der Pandemie für den 24. Oktober angab. 68 Prozent der Todesfälle traten innerhalb der ersten acht Tage auf. Der Personenreiseverkehr war der wichtigste Faktor bei der Ausbreitung der Krankheit. Die Grippe befiel nicht alle Kreise im Regierungsbezirk Arnsberg gleichzeitig, sie wanderte von den Industriegebieten im Westen nach Osten. Die Inkubationszeit betrug mindestens 24 Stunden und höchstens drei bis vier Tage.
Mehrfach konnte die Verschleppung in die Landgemeinden auf den Besuch ihrer Bewohner in epidemiegeplagten Orten, auf die zahlreichen Urlaubsreisen von Militärpersonen und auf die in landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten, aber in Lagern untergebrachten Kriegsgefangenen zurückgeführt werden. Man kam zu dem Ergebnis, dass dort, wo viele Arbeiter in geschlossenen Räumen tätig waren, die Grippe die meisten Opfer forderte. In ländlichen Regionen in Baden-Württemberg aber wurde beobachtet, dass vor allem Berufsgruppen, die sich viel im Freien bewegten, betroffen waren. Ein preußischer Bericht vermerkte, dass die gutgenährte Bevölkerung auf dem Land die schwersten Komplikationen habe.

Vor allem im ländlichen Raum starben junge Menschen

Bogusat vermutet die Ursache dafür darin, dass die Fabrikarbeiter im Gegensatz zur Landbevölkerung einer Krankenkasse angehörten und daher häufiger ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen. Dies bestätigte sich auch in Südwestfalen. So hatte der Kreis Siegen 49,6 Todesfälle auf 10 000 Einwohner, der Kreis Wittgenstein wies mit 52,8 Fällen den höchsten Wert von 28 erfassten Land- und Stadtkreisen auf. Die höhere Anzahl führt Koenig auf die Schwierigkeit zurück, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Er sah in der schlechten Ernährungssituation keine Ursache für den schweren Einfall der Grippe im Herbst 1918. Er benannte als Gründe Mischinfektionen und die Zunahme von Lungenentzündungen im Gefolge der Grippe in der kälteren Jahreszeit.
Im Kreis Wittgenstein gab es laut amtlichem Bericht 132 Todesfälle, davon 56 Prozent Frauen. Kein Ort blieb von der Krankheitswelle verschont. In einigen Schulchroniken finden sich ebenfalls Hinweise zu dieser Pandemie. Auch die Zahl der Erkrankten scheint hoch gewesen zu sein. So fiel z. B. in Schameder im November 1918 für 14 Tage der Schulunterricht aus, weil 80 Prozent der 69 Kinder an Grippe erkrankt waren. In Benfe fiel der Unterricht für zehn Tage wegen Grippe und Lungenentzündungen aus.
Den Verlauf der Influenza kann man auch in den Sterberegistern der Kirchengemeinden des Kreises ablesen. Die Angaben in den Registern lassen aber Raum für Mutmaßungen. Nicht überall ist die Todesursache eingetragen. Dort, wo sie vermerkt ist, sprechen viele Einträge neben der Grippe von Erkrankung der Lungen und Atemwege. Genannt sind auch oft Asthma, Tuberkulose oder Rippenfellentzündung in Kombination mit einer Lungenentzündung. Hier muss man differenzieren, welche Fälle tatsächlich und welche nicht auf die Spanische Grippe zurückzuführen sind. Letztlich ging die Angabe des Arztes auf dem Totenschein in die Statistik des Kreises ein.

Die zweite Welle war "tödlicher" als die erste

Bei der ersten Welle der Grippe im Juli 1918 war die Zahl der Sterbefälle noch gering. In der zweiten Welle, der Herbstwelle, wies der November 1918 die höchste Zahl an Todesfällen im Kreisgebiet auf.
Die höchste Mortalität bei Grippe, Atemwegs- und Lungenerkrankungen zur Zeit der zweiten Grippewelle von September bis Dezember 1918 lag im Elsofftal (35 Sterbefälle). Auch die Höhendörfer Langewiese, Mollseifen, Neuastenberg und Hoheleye wiesen mit insgesamt sieben Fällen einen hohen Wert auf. Vom 13. Oktober bis zum 16. November 1918 sind im Kreis Siegen 293 Todesfälle durch Grippe gemeldet worden, von denen 99 auf die Stadt Siegen entfielen. Hinzu kam eine große Anzahl von Todesfällen durch Lungenentzündung, die unzweifelhaft ebenfalls auf die Grippe zurückzuführen waren. Der Großteil der Verstorbenen war zwischen 18 und 30 Jahre alt.
Nach den früher gemachten Erfahrungen sei es nicht wahrscheinlich, dass die Pandemie endgültig verschwunden sei, stellte ein Arzt, Dr. Christian Faßbender, 1921 fest. Im November und Dezember 1919 stiegen die Grippefälle wieder. Im Januar 1920 kam es zu einem starken Anstieg mit einer erneuten Welle, die ihren Höhepunkt Mitte Februar hatte. Im Regierungsbezirk Arnsberg wurden im Gegensatz zur Pandemie von 1918, die am stärksten in ländlichen Kreisen auftrat, hauptsächlich Städte heimgesucht. Die Epidemie wurde zwar als gutartiger als die von 1918 beschrieben, es gab aber einzelne Bezirke mit hohen Sterblichkeit (wegen der zusätzlichen Lungenentzündung). Peter Schneider

Autor:

Redaktion Kultur

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Lokales
Unter Siegerländer Artikeln finden Besucher der SZ-Homepage derzeit zahlreiche Angebote von Siegener Händlern. Möglich macht das die Kooperation mit dem hiesigen Start-up-Unternehmen mapAds. Mit dem innovatien Digitalmarketing-Werkzeug lassen sich Angebote von Handel und Dienstleistung einfach digitalisieren und bald über viele zusätzliche Kanäle publizieren.

Start-up mapAds und Vorländer Mediengruppe
Angebote einfach digitalisieren und publizieren

sz Siegen. Die Vorländer Mediengruppe arbeitet weiter konsequent an der Umsetzung ihrer Digitalstrategie. Während die Zeitungsproduktion weiter das Kerngeschäft und das wichtigste Standbein des Verlages bleiben wird, investiert Vorländer selbstbewusst und entschieden in moderne Strukturen, neue Technologien und die Digitalisierung. Mit dem Digitalen arbeiten„Wir sind überzeugt davon, dass die Zukunft darin liegt, nicht gegen das Digitale, sondern mit dem Digitalen zu arbeiten. Wir sehen das...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen