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SZ-Gespräch mit Ökonomen aus Siegen
Wären wir ohne Geld glücklicher?

Was zählt wirklich im Leben? Macht Reichtum glücklich? Oder kommt es vielmehr auf andere Dinge an?
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  • Was zählt wirklich im Leben? Macht Reichtum glücklich? Oder kommt es vielmehr auf andere Dinge an?
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ap Siegen. Philip Engelbutzeder wollte Karriere machen, bei Konzernen mitmischen, das große Geld verdienen. Doch schon zu Beginn seines Wirtschaftsrecht-Studiums kamen ihm erste Zweifel. Die Frage nach der eigenen Rolle innerhalb unseres Systems führte ihn zu einer Erkenntnis, die sein Leben grundlegend verändern sollte: Das Wirtschaftssystem ist ungerecht.
Der Siegener beschäftigte sich fortan mit Fragestellungen, die einst Albert Camus schon zu beantworten versuchte: „Ist das Leben es wert, gelebt zu werden? Bin ich bereit, mich dem Leben voll und ganz hinzugeben?“ Er philosophierte, näherte sich der Kunst an, schrieb und lernte bislang verborgene Seiten an sich kennen.

ap Siegen. Philip Engelbutzeder wollte Karriere machen, bei Konzernen mitmischen, das große Geld verdienen. Doch schon zu Beginn seines Wirtschaftsrecht-Studiums kamen ihm erste Zweifel. Die Frage nach der eigenen Rolle innerhalb unseres Systems führte ihn zu einer Erkenntnis, die sein Leben grundlegend verändern sollte: Das Wirtschaftssystem ist ungerecht.
Der Siegener beschäftigte sich fortan mit Fragestellungen, die einst Albert Camus schon zu beantworten versuchte: „Ist das Leben es wert, gelebt zu werden? Bin ich bereit, mich dem Leben voll und ganz hinzugeben?“ Er philosophierte, näherte sich der Kunst an, schrieb und lernte bislang verborgene Seiten an sich kennen. Zunehmend wurde ihm klar, dass die gesellschaftliche Rahmung wenig Raum für die Auseinandersetzung mit den „großen Fragen“ des Lebens bietet. Mit 26 Jahren fasste er schließlich den Entschluss: „Ich muss hinaus aus meinem Elfenbeinturm und hinein in die Welt gehen, um sie zu verstehen.“

"Ungewissheit im Leben akzeptiert"

Der Student kündigte seine Wohnung, nachdem er ein Praktikum in Australien absolvierte und in seiner Diplomarbeit Fragen zur „Bedeutung von subjektiver Wirklichkeit und deren Rolle für Beziehungen“ aufwarf. Er wollte diesen Fragestellungen weiter nachgehen, allerdings ohne Lernzwang, sondern in Entschleunigung und Leichtigkeit. Also schloss er sich einer sozio-ökologischen Bewegung an, bestritt Comfortzone-Challenges, trampte fünfmal in die Türkei und zurück, wohnte bei Freunden und nahm die Dinge so, wie sie kamen. „Ich habe die Ungewissheit im Leben akzeptiert und daraus einen Sinn geschaffen“, sagt er rückblickend. Eine Art unsichtbares Netz habe er durch seinen Studienkredit in dieser Zeit jedoch immer gehabt, gibt er zu – auch wenn er heute denke, diese Sicherheit sei nicht mehr als (r)eine Illusion gewesen.

Der Siegener Promovend Philip Engelbutzeder findet: „Finanzielle Sicherheit ist nur eine Illusion.“ Zu dieser Erkenntnis sei er gekommen, nachdem er längere Zeit ohne Geld gelebt hatte.
  • Der Siegener Promovend Philip Engelbutzeder findet: „Finanzielle Sicherheit ist nur eine Illusion.“ Zu dieser Erkenntnis sei er gekommen, nachdem er längere Zeit ohne Geld gelebt hatte.
  • Foto: Alexandra Pfeifer
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Die „Blase“ der Foodsharing-Bewegung, der sich der Mittzwanziger angeschlossen hatte und die ihn unter anderem nach Italien, Rotterdam und Kopenhagen führte, funktionierte weitestgehend geldfrei. Angefangen in (Klima-)Camps und weiter über die Projektwerkstatt in Saasen endete der Weg der Aktivisten-Gruppe in einem alten Leipziger Bahnhof. „In der Mitte hatte es mal gebrannt, da war ein Riesen-Loch. Die kalte Luft zog überall rein“, erinnert sich Engelbutzeder. Eiskaltes Wasser, eine selbstgebaute Küche, eine Toilette ohne Spülung und ein provisorisches Bettenlager hätten die Truppe an ihre Grenzen gebracht – aber auch viel Raum zum Nachdenken und Austauschen über unsere gesellschaftlichen Gegebenheiten geboten.

Geld als "gewaltsames Instrument"

„Ich gebe Ihnen ein Beispiel“, sagt Philip Engelbutzeder euphorisch, während er langsam einen kleinen Schluck Hafermilch in seine Tasse gleiten lässt. „Mit der Bestellung unseres Kaffees bestätigen wir die Bedienung in ihrer Lohnarbeitslogik“, erklärt er. „Um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, muss sie arbeiten, ist abhängig von ihrem Chef und von unserem Geld.“ Man könne zwar nicht sagen, dass Geld deshalb per se schlecht sei, aber ein „gewaltsames Instrument“, mit dem man Menschen in ihren (An-)Stellungen bestätige, sei es sehr wohl, findet er.
„Bedenklich ist, dass wir durch unser alltägliches Handeln mit Geld und dem damit verbundenen Äquivalenztausch ein gesellschaftliches System etablieren, das die Zwangslogik immer wieder verstärkt“, fügt der Siegener mit Nachdruck hinzu und formuliert den Wunsch nach mehr Freiraum für den kreativen Beitrag jedes Menschen. Dies war auch eine seiner wichtigsten Erkenntnisse aus dem geldfreien Jahr: Weniger die Sorge zu tragen, Geld zu verdienen, um dann Ideen und Wünsche zu verwirklichen, und mehr aus dem aktuellen Moment zu schöpfen. Er fordert, die unmittelbare Lebenswirklichkeit zu gestalten, im Vertrauen darauf, dass die Dinge und Fähigkeiten bereits da sind und die Gestaltung in Hingabe gelingen wird.

Selbstgekochte Marmelade ist viel mehr wert als eine gekaufte

Apropos Geld: Nach einigen Monaten der Selbstreflexion und -erkenntnis lief der Studienkredit aus. „Ich hatte sehr viel Angst, aber schon nach drei Wochen habe ich gemerkt, dass ich ohne die Krücke des Geldes gehen und sogar noch viel besser laufen konnte“, lächelt „Butze“ überzeugt. „Geld koordiniert zwar die Dinge, aber raubt in seiner Herzlosigkeit den Dingen ihren Sinn: Nämlich uns Menschen zu uns und der Natur in Kontakt und Beziehung zu bringen. Ein Preis ist trivial. Echte Wertschätzung aber wirkt komplex, und das müssen wir wieder lernen“, findet er. „Eine selbstgekochte Marmelade vom eigenen Himbeerstrauch ist viel mehr wert als eine gekaufte, oder nicht?“ Der Promovend fordert deshalb: Wir sollten mehr in Qualitäten als in Produkten denken.
Dass sich das nicht von heute auf morgen wandeln wird, wisse er. In einer Generation, die auf schnellen „Impact“ ausgerichtet sei, brauche es nämlich vor allem eines: Geduld, Muße und Beharrlichkeit. „Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Miteinander und auch, dass Menschen ihre individuellen Fähigkeiten erkennen, sich ihrer bemächtigen und als Gestalter ihrer unmittelbaren, gemeinsamen Lebenswirklichkeit empfinden“, so Engelbutzeder.

Zufriedenheit nimmt laut Niko Paech in den reichsten Gesellschaften ab

Geld bestimmt weite Teile unseres Lebens. Dabei nehme „die Lebenszufriedenheit und die psychische Gesundheit in den reichsten Gesellschaften seit Jahrzehnten trotz wachsender materieller Selbstverwirklichung sogar ab", sagt Niko Paech, Postwachstumsökonom von der Universität Siegen.

Geld macht nicht zwangsläufig zufrieden, sagt Niko Paech, Postwachstumsökonom von der Universität Siegen.
  • Geld macht nicht zwangsläufig zufrieden, sagt Niko Paech, Postwachstumsökonom von der Universität Siegen.
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Hier seine Gedanken zum Thema:
Geld dient als universelles Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel. Außerdem bildet Geld einen Vergleichsmaßstab, mit dem sich Preis- und Kostenunterschiede aufdecken lassen. Darauf gründet die hoch spezialisierte und technisierte Industrieproduktion, die uns so reich werden ließ. Ein Geldeinkommen ermöglicht, Dinge zu kaufen, die man nicht selbst hergestellt hat. Ohne oder mit weniger Geld auskommen setzt zweierlei voraus: Erstens suffizient, das heißt genügsam zu leben, und zweitens möglichst viele Dinge geldlos zu organisieren. Suffizienz wird oft mit Verzicht gleichgesetzt. Das ist aber falsch, denn das Leben in modernen Konsumgesellschaften ist zunehmend reizüberflutet und mit Dingen vollgestopft, die unsere wertvollste Ressource aufzehren: Zeit! Einfachheit und Überschaubarkeit sind längst zur Voraussetzung eines stressfreien Daseins geworden. Von welchem Ballast, der Geld kostet, für das wir obendrein arbeiten müssen, der aber entbehrlich wäre, können wir uns befreien? Das Leben zu entrümpeln, um sich auf das zu konzentrieren, was wirklich einen hohen Nutzen stiftet, verschafft eine höhere Lebensqualität, als in einer Lawine der Optionenvielfalt unterzugehen. Fakt ist, dass die Lebenszufriedenheit und die psychische Gesundheit in den reichsten Gesellschaften seit Jahrzehnten trotz wachsender materieller Selbstverwirklichung nicht nur stagniert, sondern stellenweise sogar abnimmt. Sich vom Überfluss zu befreien spart Geld, Ressourcen, Abhängigkeiten und vor allem Zeit, weil wir nicht von unnützen Dingen abgelenkt würden und nicht mehr so viel arbeiten müssten. Der zweite Trick, um geldunabhängiger zu werden, besteht darin, sich teilweise selbst zu versorgen – möglichst in Gruppen, Nachbarschaften, Freundeskreisen oder anderen Netzwerken. Selbstversorgung gelingt im eigenen oder Gemeinschaftsgarten, um einen Teil der verbrauchten Nahrung selbst anzubauen.
Mindestens so wichtig ist die Reparatur und Instandhaltung der Dinge, mit denen wir uns umgeben. Doppelte Nutzungsdauer heißt, nur halb so viel Geld für Neuanschaffungen zu benötigen. Noch effektiver kann die Gemeinschaftsnutzung sein. Ein Beispiel: Wenn sich in Siegen durchschnittlich fünf Personen ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher, eine Werkzeugausstattung etc. teilen, bedarf es nur eines Fünftels der aktuellen Produktion. Noch wichtiger: Man braucht nur einen Bruchteil des derzeit verausgabten Geldes, um gut und modern ausgestattet zu sein
.“

Autor:

Alexandra Pfeifer

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