Walpurgisnacht im Apollo-Theater

ars Siegen. Der Bach-Chor Siegen, verstärkt durch die Philharmonie Südwestfalen, führte am Samstag unter der umsichtigen Leitung von KMD Ulrich Stötzel zwei musikdramatische Werke auf, die beide auf einen Zusammenprall der Kulturen eingehen und jeweils ziemlich eindeutig Stellung nehmen. Johann Sebastian Bachs Dramma per Musica BWV 201, „Der Streit zwischen Phöbus und Pan“, gibt uns Bachs künstlerische Antwort auf Vorwürfe wieder, er schreibe zu gelehrte und zu altmodische Musik.

Der Kantatentext von Picander erzählt von einem Wettstreit zwischen Phöbus (Apollo) und dem Hirtengott Pan, wer die bessere Musik zu bieten habe. Es geht um die uralte Frage der Berechtigung von Unterhaltungsmusik und um die gesamtgesellschaftliche Nobilitierung der ernsten, gelehrten Muse, die zu allen Zeiten mehr gelobt als gehört wurde. Phöbus und Pan singen ihre Lieder, beide haben einen Kritiker an ihrer Seite, hier Tmolus, dort Midas. Beide Kritiker lassen ihren Sänger Sieger sein, aber Phöbus, Mercurius und die Zuhörer reagieren auf das Urteil zugunsten Pans ärgerlich: Midas bekommt Eselsohren aufgesetzt und muss sich, verspottet, in den Wald trollen.

Bach entfaltet diesen Wettstreit ziemlich langatmig (die Kantate dauert über eine Stunde) und ziemlich gelehrt für ein Gelegenheitswerk. Er entfaltet ein großartiges kontrapunktisches Geflecht, lässt einzelne Zeilen endlos variiert wiederholen, gibt sich alle Mühe, die zeitgenössischen Vorurteile seiner Gegner zu bestätigen. Bach kann auch in Maßen witzig sein: Bei der Behauptung „Pan ist Meister“ lässt er die Geigen ein Eselsgeschrei imitieren. Chor, Philharmonie, die Gesangssolisten und vor allem der Dirigent gaben ihr Bestes, der Musik und den geschilderten Charakteren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Besonders Achim Rück als Pan schnitt mit markigem Bass gut ab, aber auch Jens Hamann, ebenfalls Bass, verkörperte den hohen Ton des Gottes mit der Leier überzeugend. Alles endet mit einem festlichen Schlusschor, wunderschöne, sangbare Chorpartien lassen uns glauben, dass die hohe, die ernste Kunst siegen wird.

„Die erste Walpurgisnacht“ von Felix Mendelssohn Bartholdy stellt viel dramatischer und wuchtiger die Auseinandersetzung zwischen herrschendem Christentum und heimlichem Heidentum in den Mittelpunkt eines mitreißenden Geschehens. Ein Druide will mit seinem Volk den alten heiligen Brauch begehen, Allvater für das Erwachen der Natur im Frühling zu loben. Um die christlichen Wächter zu überlisten, die heidnische Rituale mit dem Tod bestrafen, wird ein nächtlicher Hexen- und Höllenzauber veranstaltet, der die abergläubischen Christen in die Flucht schlägt: die erste Walpurgisnacht.

Schon die Ouvertüre entfaltete eine Welt, aufgespannt zwischen Naturgewalt und Geheimnis. Das akzentuierte Dirigat ließ das Orchester sehr genau und subtil die große dynamische Spanne ausloten. Der Chor agierte meisterlich, gab dem Zentrum der Komposition, dem „Kommt mit Zacken und mit Gabeln“ die Kraft und die Wucht und das Quantum Hysterie, das diese Kernstelle zwischen Wolfsschlucht und Janitscharenmusik benötigt, um den Hexensabbat glaubhaft zu verkörpern. Die Christen fliehen, das Heidenvolk singt hymnisch, ja, ekstatisch von Allvaters Licht, das niemand rauben kann. Auch hier also ein versöhnliches Ende, das den Zusammenprall der Kulturen eher verharmlost. Alles in allem ein schönes Konzert, das zum Weiterdenken anregte.

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