16. Dezember 1944: Als die Bomben fielen …
… war Klaus Müller mit einer Sammelbüchse unterwegs

Nur noch eine zerbombte Trümmerlandschaft ist von der  Höhstraße in Siegens Oberstadt übriggeblieben.
  • Nur noch eine zerbombte Trümmerlandschaft ist von der Höhstraße in Siegens Oberstadt übriggeblieben.
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sz Siegen. Klaus Müller erinnert sich an den Angriff auf Siegen am 16. Dezember 1944. Hier sein Bericht:
Ab 1943 spürten wir, dass sich der Zweite Weltkrieg unserer Heimat näherte. Die alliierten Streitkräfte hielten die Bevölkerung durch regelmäßige, nächtliche Flüge in Alarmbereitschaft. Nacht für Nacht ertönten die Sirenen, und wir mussten eiligst Schutz suchen. Wir, Bewohner unserer Straße am Siegener Häusling, nutzten einen vorhandenen Schieferstollen als Schutzbunker.
Der Stollen war u-förmig im Berg angelegt. Aus- und Eingang wurden mit starken Betonwänden und dicken Stahltüren gesichert. An den Decken des Stollens hatten die Männer in Eigenleistung Blechtafeln angebracht, um das tropfende Wasser über die Wände abzuleiten. Ebenfalls in Eigenleistung wurden Holzbänke gezimmert, damit wir provisorische Sitzgelegenheiten hatten. So hofften wir, dass dieser Stollen ein sicherer Ort für uns alle würde.

Geburtstag feiern auch im Krieg

 Am 16. Dezember hatte mein Vater Geburtstag. Meine Mutter wollte, trotz aller Not und Sorgen, diesen Tag für meinen Vater etwas schöner gestalten und hatte Kuchen gebacken. In einer Geburtstagsrunde wollte die Familie Vaters Geburtstag feiern. Es war ein trüber Samstag. Mein Vater war in dieser Zeit in der Maschinenfabrik Waldrich tätig, die ihren Sitz auf dem jetzigen Gelände des Dornseifer-Marktes an der Leimbachstraße hatte.
Als er nach der Arbeit nach Hause kam, hatte er eine Sammelbüchse mit einem Strauß Trockenblumen dabei. Damit sollte über das Wochenende für eine Hilfsorganisation gesammelt werden. Auch der Vater meines Kinderfreundes Kalli sollte sammeln. Beide Väter beauftragten uns, die Sammelaktion zu übernehmen, was wir auch gerne taten. Wir waren beide zehn Jahre.
Wir stellten uns auf die Siegbrücke, vor den damals noch dort stehenden Hüttenmann. Jeder Spender durfte sich eine Trockenblume aus dem Strauß ziehen. Es wurde vor Weihnachten gerne gespendet, und schnell waren unsere Blumen verteilt. Mein Freund hatte Verwandtschaft im Kirchweg, die ein Café/Bäckerei betrieben. Er schlug vor, diese Verwandten zu besuchen, denn es war noch viel Zeit, bis die Geburtstagsfeier meines Vaters begann. Wir wurden freundlich aufgenommen, und auch dort schmeckte der Kuchen gut …
Der

Fliegeralarm kam beim Kaffeetrinken

Während unseres Aufenthaltes wurde über das laufende Radio ein Fliegeralarm gemeldet, der kurz danach auf akute Luftgefahr für Siegen erhöht wurde. Es dauerte nicht lange, als hierfür eine Entwarnung erfolgte: Der Luftverband habe seine Flugrichtung geändert. Wir gerieten aber in Panik, als etwa eine Viertelstunde später erneut eine Durchsage erfolgte, die vor erhöhter Luftgefahr für Siegen warnte. Der alliierte Luftverband näherte sich bereits Siegen.
Wir eilten sofort in den nahe liegenden Charlottenbunker. Auf der Straße sahen wir bereits einen großen Pulk von niedrig fliegenden Flugzeugen am Himmel, die bündelweise kleine Bomben abwarfen. Später hörte ich, dass es Brandbomben waren.
Auf dem Weg zum Bunker schlugen schon Bomben neben uns ein, einige Häuser brannten bereits. Wir erreichten den schützenden Bunker aber unversehrt. Dort harrten wir voller Angst bis ca. 22.30 Uhr aus, bis wir den Bunker verlassen durften. Auf dem Heimweg sahen wir bereits vom Bunkerausgang aus, dass die Häuser in Flammen standen. Wir gingen durch die Charlottenstraße, Leimbachstraße, St.-Johann-Straße, die Dr.-Ernst-Straße hoch und kamen, oberhalb der damals noch kleinen Tennisanlage, in den Häusling.
Beim Gang über den Häusling hatten wir freien Blick auf die Oberstadt. Es war für uns ein grausamer Anblick. Alles stand in Flammen. Kirch- und Schlosstürme, ganze Häuserfronten. Unter Tränen begrüßte mich meine Mutter. Sie war mit meinen jüngeren Geschwistern in „unseren“ Stollen im Häusling geflüchtet. Mein Vater war zu Hause geblieben und hatte Brandbomben, die durch unser Haus bis in den Keller durchgeschlagen waren, aus dem Haus geworfen und dadurch bei uns einen Hausbrand vermieden. In einem leerstehenden Nachbarhaus, dessen Besitzer uns den Haustürschlüssel zur Hauspflege übergeben hatte, konnte er so einen Brand des Hauses verhindern. Ein weiteres Nachbarhaus brannte allerdings völlig aus.

Wo waren die Schwestern?

Große Sorgen machten sich meine Eltern und wir Kinder um meine zwei älteren Schwestern. Beide waren zum Einkauf in die Stadt gegangen. Erst am folgenden Morgen trafen sie wieder zu Hause ein. Sie hatten sich in der Oberstadt beim Einkauf getrennt, und bei Fliegeralarm hatten sie in Siegberg- undBurgstraßen-Bunker Schutz gesucht. Sie durften die Bunker erst am Vormittag des folgenden Sonntags verlassen. Beide konnten in der Zwischenzeit keinerlei Nachricht an die Eltern geben.
Siegen wurde bei dem Angriff in wenigen Minuten zu 90 Prozent zerstört. 348 Menschen verloren ihr Leben … Klaus Müller

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Redaktion Kultur

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