SZ

Verspätungen und Ausfälle die Regel
Warum der Intercity 34 ein Misserfolg ist

Formschön und auch innen komfortabel kommt der neue IC daher. Doch den Fahrplan kann er nur mit größten Schwierigkeiten einhalten. Oft peilt er direkt Weidenau an und spart Siegen aus Zeitgründen aus.
4Bilder
  • Formschön und auch innen komfortabel kommt der neue IC daher. Doch den Fahrplan kann er nur mit größten Schwierigkeiten einhalten. Oft peilt er direkt Weidenau an und spart Siegen aus Zeitgründen aus.
  • Foto: Kay-Helge Hercher
  • hochgeladen von Silas Münker

goeb Siegen. Siegen – Münster – Norddeich: Kommt er oder kommt er nicht? Die mit Euphorie und Optimismus angekündigte Intercity-Verbindung über Siegen hat inzwischen viel mit Glücksspiel gemein. Fahrgäste ärgern sich über Verspätungen, über die "Umgehung" von Siegen und über die regelmäßig vorkommenden Totalausfälle der vermeintlich schnellen Verbindung. Im Zweistundentakt reicht sie in Richtung Süden bis Frankfurt Hauptbahnhof, im Norden bis nach Dortmund, Münster und einmal am Tag bis an die Nordsee nach Norddeich – theoretisch.
Intercity...

goeb Siegen. Siegen – Münster – Norddeich: Kommt er oder kommt er nicht? Die mit Euphorie und Optimismus angekündigte Intercity-Verbindung über Siegen hat inzwischen viel mit Glücksspiel gemein. Fahrgäste ärgern sich über Verspätungen, über die "Umgehung" von Siegen und über die regelmäßig vorkommenden Totalausfälle der vermeintlich schnellen Verbindung. Im Zweistundentakt reicht sie in Richtung Süden bis Frankfurt Hauptbahnhof, im Norden bis nach Dortmund, Münster und einmal am Tag bis an die Nordsee nach Norddeich – theoretisch.

Intercity 34 fährt Hauptbahnhof Siegen regelmäßig nicht an

Weil der Intercity 34 schlecht durchkommt auf seiner Strecke, nimmt er regelmäßig die "Abkürzung" von Dillenburg durch den Rudersdorfer Tunnel und den Giersbergtunnel und peilt dann direkt Weidenau an, um über Kreuztal das Siegerland wieder zu verlassen. Siegen wird sozusagen links liegen gelassen, um 10 Minuten Verspätung herauszufahren. Wochenlang wies ein ausgehängter Zettel am Eingang zum Bahnhofsgebäude auf eine Fahrplanänderung hin. „Der Zug kann durch Auslassen des Hauptbahnhofs Siegen etwa 10 Minuten Fahrzeit herausfahren", bestätigte am Montag die Deutsche Bahn auf SZ-Nachfrage und rechtfertigte das mit der wiederhergestellten Pünktlichkeit an den Zielbahnhöfen. Dort sollen die Züge dann pünktlich wieder in Gegenrichtung losfahren. "Optimal ist das nicht", räumte der Sprecher unumwunden ein.

Norddeich Mole hat für Urlauber natürlich Klang, aber die Verbindung funktioniert mehr schlecht als recht.
  • Norddeich Mole hat für Urlauber natürlich Klang, aber die Verbindung funktioniert mehr schlecht als recht.
  • Foto: Grüne
  • hochgeladen von Silas Münker

Experte: Qualitätsstandards der DB weit verfehlt

Schlechte Noten gibt auch Verkehrsexperte Achim Walder dem Projekt, das kaum ein halbes Jahr alt ist.  Er beschäftigt sich seit 50 Jahren mit Nahverkehr, gründete beispielsweise früh die Interessensvertretung der Bus- und Bahnbenutzer Südwestfalen und war lange Jahre Vorsitzender der Verkehrsclubs Deutschland in der Region. "Leider sind die Erfahrungen nach den ersten Betriebsmonaten ernüchternd", bilanziert er. Was während der Osterferien permanent der Fall war, schleicht sich jetzt zunehmend ein. Für die Reisenden, die in Siegen einsteigen wollen, bedeute die "Umfahrung" Siegens nichts anderes als den Ausfall des Zuges. Betroffen sind demnach auch Fahrgäste des Nahverkehrs, da die Intercitylinie in vielen Fällen zwischen Siegen und Letmathe den Regionalexpress ersetzt, so Walder weiter.

Grüne wollen Klarheit Auch die Kreistagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen kritisiert die Zugausfälle des IC 34 und sieht darin eine Bremse für den beabsichtigten Umstieg vom motorisierten Individualverkehr zur Bahnnutzung. Gerade als Alternative zur Autofahrt über die Autobahn 45 mit der gesperrten Talbrücke Rahmede sei eine verlässliche Verbindung wichtig. Die Fraktion möchte von der Kreisverwaltung u.a. beantwortet wissen, wie oft Siegen umfahren wird, wie groß die Verspätungen sind und ob ihr Informationen zur Zukunft der Verbindung vorliegen.

"Das ist ein dermaßen unzuverlässiges System geworden", schimpft Walder. "Schulkinder kommen nicht rechtzeitig zur Schule, Berufspendler schauen in die Röhre und bekommen Ärger mit dem Arbeitgeber. Und wenn der IC nicht fährt, fährt kein Ersatzzug. Wir wollen verlässlichen Verkehr, bei dem die Fahrgäste nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen."

Achim Walder beschäftigt sich seit über 50 Jahren u.a. mit Nahverkehrsfragen im ÖPNV. Das Projekt Intercity-Anbindung Siegen, mit dem sogar die Uni wirbt, sieht er sehr kritisch.
  • Achim Walder beschäftigt sich seit über 50 Jahren u.a. mit Nahverkehrsfragen im ÖPNV. Das Projekt Intercity-Anbindung Siegen, mit dem sogar die Uni wirbt, sieht er sehr kritisch.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Silas Münker

Die Qualitätsstandards der Deutschen Bahn Fernverkehr und des für den Nahverkehr verantwortlichen Zweckverbands (NWL) würden weit verfehlt.  Reisende, die nach der Fahrt mit dem Intercity noch weitere Anschlusszüge erreichen wollten, müssten frühere Züge nehmen und damit auf den IC verzichten, um nicht auf halber Strecke hängen zu bleiben.

Reparaturen oder vorausfahrende Züge laut Bahn Schuld

Die Bahn gibt als Grund für die Unregelmäßigkeiten häufig Reparaturen am Zug oder vorausfahrenden Zügen als Ursache an. Reisende am Bahnsteig hören dann regelmäßig über Lautsprecher die Begründung "Verspätungen aus voriger Fahrt". Auch das führt zu Frust. Gelegentlich erreichen die Züge Frankfurt nicht und kehren stattdessen bereits in Bad Nauheim wieder um.

Walder hält es für einen Fehler, die Verbindung mit Gewalt in den Nahverkehrsplan einzupassen. Es gebe überlastete und blockierte Fahrstraßen in Siegen. Gerät das System durcheinander, muss beispielsweise vorm eingleisigen Giersbergtunnel gewartet werden. Wenn demnächst der Güterverkehr zunehme (Entlastung Rheintal) werde sich das noch zuspitzen.

Nach Dafürhalten von Walder kämpft das IC-2-Modell auch mit Software-Problemen. "Innen ist die Ausstattung schön und komfortabel, aber davon hat man wenig, wenn man die Anschlüsse verpasst." Dabei wolle die Bahn doch Fahrgäste zurückgewinnen. Walder abschließend: "Die Verkehrswende ist so jedenfalls nicht zu schaffen."

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

8 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
2 Bilder

Neues Angebot auf 57immo.de
Jetzt Immobilie von Experten bewerten lassen

Gründe für eine Immobilienbewertung gibt es viele: Sie kann erforderlich sein für den Kauf oder Verkauf eines Hauses, beim Schließen eines Ehevertrages oder auch beim Verschenken des Eigentums an die Kinder. Allgemein gilt: Wer den Wert seiner Immobilie kennt, hat in vielen Situationen einen Vorteil. Mit der Immobilienbewertung der Vorländer Mediengruppe bekommen Haus- und Wohnungsbesitzer nun ein passendes Werkzeug zur schnellen und zuverlässigen Einschätzung des Wertniveaus an die Hand – und...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.