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Babyflaute in NRW
Warum immer weniger Kinder geboren werden

Bereits seit 1972 sei die Geburtenbilanz negativ. Was sind die Gründe?
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  • Bereits seit 1972 sei die Geburtenbilanz negativ. Was sind die Gründe?
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sls Siegen. Im Januar 2022 erblickten in Nordrhein-Westfalen rund 11 Prozent weniger Babys das Licht der Welt als im Vorjahr. Darüber informiert eine Statistik des Landesbetriebs Information und Technik (IT) NRW. Liegt der zurückgehende Trend der Geburten an einem steigenden beruflichen Interesse junger Menschen? Ist er durch finanzielle Angst begründet? Oder ist für viele die Zukunft ihrer Nachkömmlinge zu unsicher? Die SZ sprach mit Prof. Dr. Simon Forstmeier, Professor für Entwicklungs- und klinische Psychologie der Lebensspanne.
Weniger Schwangerschaften wegen der Covid-19-Impfung?
„Die genauen Gründe kann niemand wissen”, macht der Professor deutlich. Trotzdem hat er einige Vermutungen, von denen eine direkt mit der Corona-Pandemie verknüpft ist.

sls Siegen. Im Januar 2022 erblickten in Nordrhein-Westfalen rund 11 Prozent weniger Babys das Licht der Welt als im Vorjahr. Darüber informiert eine Statistik des Landesbetriebs Information und Technik (IT) NRW. Liegt der zurückgehende Trend der Geburten an einem steigenden beruflichen Interesse junger Menschen? Ist er durch finanzielle Angst begründet? Oder ist für viele die Zukunft ihrer Nachkömmlinge zu unsicher? Die SZ sprach mit Prof. Dr. Simon Forstmeier, Professor für Entwicklungs- und klinische Psychologie der Lebensspanne.

Weniger Schwangerschaften wegen der Covid-19-Impfung?

„Die genauen Gründe kann niemand wissen”, macht der Professor deutlich. Trotzdem hat er einige Vermutungen, von denen eine direkt mit der Corona-Pandemie verknüpft ist. „Ein denkbarer Zusammenhang wäre die Covid-19-Impfung”, spekuliert er. Viele Menschen hätten der Impfung ohnehin skeptisch gegenüber gestanden, daher sei es nicht unwahrscheinlich, dass viele Frauen sich im vergangenen Jahr aus Unsicherheit und Vorsicht gegen ein Kind entschieden hätten. Die gesundheitlichen Sorgen seien berechtigt. „Niemand wusste, wie eine Schwangerschaft auf das immunisierende Mittel reagiert”, betont Forstmeier. Die Impfung könne somit maßgeblichen Einfluss auf das Fertilitätsverhalten genommen haben. „Diese Annahme würde speziell den Rückgang der Geburten in diesem Jahr begründen”, erklärt der Psychologe.

Prof. Dr. Simon Forstmeier, der im Lehrstuhl für Entwicklungs- und klinische Psychologie der Lebensspanne an der Uni Siegen tätig ist, hat einige Vermutungen, die den Geburtenrückgang erklären könnten.
  • Prof. Dr. Simon Forstmeier, der im Lehrstuhl für Entwicklungs- und klinische Psychologie der Lebensspanne an der Uni Siegen tätig ist, hat einige Vermutungen, die den Geburtenrückgang erklären könnten.
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Wie steht es um den finanziellen Aspekt?

Die Pandemie der vergangenen zwei Jahre kann jedoch nicht die einzige Ursache dafür sein, dass immer weniger Paare Nachwuchs bekommen. Laut Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) sei die Geburtenbilanz bereits seit 1972 negativ. 2021 sei somit das 50. Jahr in Folge, das ein Defizit an Geburten in Deutschland aufzeichne. In den vergangenen fünf Jahrzehnten seien demnach 6,1 Millionen Menschen mehr gestorben, als zur Welt gekommen seien. Welche anderen Gründe können erklären, dass beispielsweise in NRW durchschnittlich nur 1,55 Kinder pro Frau geboren werden?

Forstmeiers zweite Vermutung gilt dem finanziellen Aspekt von Kindern: „Ökonomische Unsicherheit in bestimmten soziodemokratischen Schichten mag ein weiterer Hintergrund sein.” Für viele Menschen sei die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hoch, berufliche Perspektiven seien unsicher. Und auch wenn Kinder nicht als finanzielle Belastung angesehen werden sollten, müssen sich Paare mit dem Thema Geld auseinandersetzen. „Wie kann ich mein Kind ernähren? Wer diese Frage nicht beantworten kann, denkt bestimmt noch einmal darüber nach”, veranschaulicht der Professor. Kinderwunsch hin oder her – für viele sind die monatlichen Ausgaben bei Familienzuwachs einfach zu hoch.

Dr. Christian Stoffers, Sprecher des St.-Marien-Krankenhauses in Siegen, sieht Gründe für den generellen Rückgang an Geburten zwar auch in der Psychologie, weiß aber, dass die Schwankungen der Geburtenrate in den vergangenen zwei Jahren normal sind.
  • Dr. Christian Stoffers, Sprecher des St.-Marien-Krankenhauses in Siegen, sieht Gründe für den generellen Rückgang an Geburten zwar auch in der Psychologie, weiß aber, dass die Schwankungen der Geburtenrate in den vergangenen zwei Jahren normal sind.
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Es handele sich um natürliche Schwankungen

„Vielleicht liegt es auch an der Angst vor einer unsicheren Zukunft für die Nachgeborenen”, ergänzt Forstmeier seine Liste an Annahmen. Zwar könne der aktuelle Krieg in der Ukraine keinen Einfluss auf die Nachwuchs-Entscheidung gehabt haben, andere Geschehnisse bereiteten jedoch genug Grund zur Sorge um das Wohlergehen der Sprösslinge: Klimawandel, Ressourcenverknappung oder beispielsweise die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich seien nur einige der Herausforderungen, die in Zukunft überdacht werden müssten. 

Dr. Christian Stoffers, Sprecher des St.-Marien-Krankenhauses in Siegen, relativiert die Aussage des Professors. „Bei den Zahlen handelt es sich um natürliche Schwankungen, die auch in dieser Größenordnung vorkommen”, wendet er ein. Das Hauptargument könne nicht auf psychologischer Ebene gefunden werden, sondern sei auf die generelle demografische Entwicklung in Deutschland zurückzuführen. „Hierzulande gibt es immer weniger jüngere Menschen, die als Eltern infrage kommen, was sich in dem NRW-Trend ausdrückt und sich zunehmend auch in Siegen bemerkbar macht”, weiß er.

Autor:

Redaktion Siegen aus Siegen

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