Was wirklich ist …

Der Theaterdirektor (Roberto Ciulli) und die Präfektin (Petra von der Beek) diskutieren ihre Standpunkte. Foto: ciu
  • Der Theaterdirektor (Roberto Ciulli) und die Präfektin (Petra von der Beek) diskutieren ihre Standpunkte. Foto: ciu
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

ciu Siegen. Was wird hier gespielt? Ein Schmierenstück, eine Scharade? Oder ist das wahre Leben so verrückt, so unberechenbar, so beängstigend? Die Präfektin, Ihre Exzellenz de Caro, jedenfalls ist völlig verstört; ihr Sein ist von jetzt auf gleich außer Kontrolle geraten. War gerade noch alles geordnet, hatte alles seinen Platz und seine Funktion, liegen die Dinge plötzlich anders. Chaos macht sich breit im Salon der Präfektur. Wo alles wie tot war, kalt und nass, das Herbstlaub vom Wind hereingefegt, die Vorgänge des Vorgängers auf dem Tisch, die Bediensteten auf immer den gleichen Bahnen unterwegs, pulsiert auf einmal das Leben, haben Liebe und Verzweiflung, Ohnmacht und Rache, Sehnsucht und Herzeleid Raum. Hineingetragen von Menschen, dem Arzt, dem Pfarrer, dem Apotheker, der Grundschullehrerin, die zuvor nur Namen auf einer Gästeliste waren. Aber sind sie es wirklich? Oder sind sie nur gespielt? De Caro kann nicht sicher sein. Sollte der Theaterdirektor, Oreste Campese, der sie um Unterstützung gebeten und nicht bekommen hat, ein Stück in ihrem Haus inszenieren?

Das bleibt in Eduardo De Filippos Schauspiel „Die Kunst der Komödie“, am Freitag vom Mülheimer Theater an der Ruhr im Siegener Apollo-Theater gegeben, bis übers Ende hinaus offen. Zwar scheint der tote Apotheker tatsächlich tot zu sein, doch ob der Maresciallo wirklich befugt ist, die Präfektin (oder den Theatermann) zu verhaften? Eine Antwort gibt es nicht; reglos verharren die Protagonisten in der Erwartung dessen, was kommen wird. Eine gute Weile, dann löst sich die Spannung, die fast zwei Stunden getragen hat, in lang anhaltendem Applaus – für das gesamte Ensemble, aber vor allem für Petra von der Beek, die als Staatsdienerin zunächst die Staatsgewalt verkörperte (energisch, gefasst, streng) und zusehends zerbröselte. Von Campese (den italienischen Theaterchef gab der Mülheimer Theaterchef, Roberto Ciulli) auf den Boden – im wörtlichen und im übertragenen Sinne – geholt, vom Arzt Bassetti (Steffen Reuber) zu ungewöhnlichsten Handlungen getrieben, von Padre Salvati (Peter Kapusta) an den Rand des Wahnsinns gebracht und von der paranoiden Lehrerin Petrella (Simone Thoma) ganz klein gemacht, verliert die Präfektin Fassung und Fasson.

Genial arbeitet die Inszenierung Ciullis mit Doppeldeutigkeiten. So wie es inhaltlich ums Verstellen (der Persönlichkeit) geht, wird im Laufe des Stücks auch die Bühnenanordnung verstellt (der Schreibtisch, der Stuhl). Standpunkte werden diskutiert und tatsächlich eingenommen; und der Raum, in dem die Geschichte spielt, hat Länge und Tiefe und Höhe und mehr noch: Über Lautsprecher ist für mehr als einen Augenblick rätselhaftes Keuchen zu hören, was irritiert und dem Ganzen eine weitere Dimension gibt. Geht es hier mit rechten Dingen zu? Vermutlich nicht. Deshalb hält die Verunsicherung an. Roberto Ciulli und sein Oreste Campese beherrschen sie eben, die Kunst der Komödie! Und ganz nebenbei sagen sie aus, was Theater sein kann: ein Spiegel des Lebens.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen