Was zu sagen bleibt

Wiglaf Droste las, plauderte und amüsierte im Apollo-Foyer. Foto: ne

ne Siegen. „Zwar ist das hier kein Wunschkonzert“, stellte Georg Stanitzek, Dekan des Fachbereichs Germanistik der hiesigen Alma Mater und erfreulich lockerer Moderator der abendlichen Literaturveranstaltung, fest, „aber wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre dies das ,Zigarettchen im Bettchen‘ über Ingeborg Bachmann und den Text über den Gedichtband ,Kiosk‘ von Enzensberger.“ Wiglaf Droste, Mehrfachliteraturpreisträger und vergangenes Jahr Stadtschreiber zu Rheinsberg, konnte denn auch ersteren Wunsch zur Freude aller erfüllen, musste aber den Enzensberger-Text schuldig bleiben, da er diesen, nur in einer Zeitung veröffentlichten, verkramt hatte.

Launig also und mit frechem Wortwitz ging’s zu bei der von Volksbank, Universität, Kreisvolkshochschule und Apollo gemeinsam organisierten Lesung des 1961 im ostwestfälischen Herford geborenen Autors, der, literarisch äußerst vielseitig, diesbezüglich fast alles schon gemacht hat oder noch macht. Er war Redakteur der taz, ist seit 1989 Buchautor, tritt als Sänger zusammen mit den Bands Spardosen-Terzett und Geile Götter auf, ist Kolumnist, Theater- und Lesebühnengründer, war Titanic-Autor, bringt zusammen mit dem befreundeten Sternekoch Vincent Klink eine vierteljährliche Zeitschrift für Kulinarisches heraus – und tourt seit über zehn Jahren erfolgreich mit Lesungen durch die deutschsprachigen Länder.

Die Lesung im Siegener Apollo-Theater war fast perfekt, einziger Wermutstropfen der wohl von den Organisatoren nicht erwartete große Andrang: Das obere Foyer platzte fast, konnte das über hundert Personen zählende Publikum kaum fassen, sodass leider ein paar in der Pause nach Hause gingen, wo die Luft besser war, andere sich schon an der Kasse wieder umgedreht hatten, als sie hörten, dass nur noch wenige Stehplätze, aber keine Sitzplätze mehr zu bekommen waren.

Der bekannte Satiriker indes begeisterte mit seinen genau beobachteten Glossen zu Soziokultur und Sprachwirklichkeit, nahm glänzend eloquent beispielsweise den Regiolekt seiner Geburtsgegend auseinander – Heimat ist für Droste kein Landstrich, sondern die Sprache. Namen diverser Frisiersalons sind ihm „der siebte Kreis der Wortspielhölle“, das „Trommelfell ist das Tor zur Seele“ fällt ihm auf Zugreisen ein. Schön platziert ist die Finanzwirtschaftskritik in Drostes nostalgischem Weltspartagstext, einmalig sind seine Erlebnisse mit Gerüstbauern während des Aufenthaltes in Rheinsberg.

Frech ist seine Bearbeitung des Bob- Dylan-Songs „Blowing In The Wind“ – und böse seine Herbert-Grönemeyer-Parodie. Droste ist ein Satiriker alter Schule, sein Esprit ist bester Provenienz, und seinen breit gefächerten, nahezu bombastischen aktiven Wortschatz wünscht man sich zu Weihnachten.

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