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SZ-Interview mit Psychologie-Professor Andreas Kastenmüller
Weihnachten unter Corona-Stern

Weihnachten 2020: Trotz aller Besinnlichkeit sitzt das Schreckgespenst Corona irgendwie mit unter dem Christbaum.
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tile Siegen. Es wird ein anderes Weihnachten als in den vergangenen Jahren werden. Lichterglanz und Zimtgeruch können wohl kaum vermeiden, dass das Schreckgespenst Corona irgendwie mit unter dem geschmückten Christbaum sitzt. Oder doch? Die Siegener Zeitung sprach mit dem Psychologen Prof. Dr. Andreas Kastenmüller von der Universität Siegen über getrübte Vorfreude, Einsamkeit und positive Energie.
Weihnachten steht in diesem Jahr unter einem besonderen Stern: Was kann ich tun, um mich trotz der Umstände auf das Fest und die Zeit zwischen den Jahren zu freuen?
Die Freude auf ein Wiedersehen mit der Familie wird dieses Jahr in Zweifel gezogen, das ist frustrierend. Wer frustriert ist, wird auch leichter wütend oder igelt sich schneller ein.

tile Siegen. Es wird ein anderes Weihnachten als in den vergangenen Jahren werden. Lichterglanz und Zimtgeruch können wohl kaum vermeiden, dass das Schreckgespenst Corona irgendwie mit unter dem geschmückten Christbaum sitzt. Oder doch? Die Siegener Zeitung sprach mit dem Psychologen Prof. Dr. Andreas Kastenmüller von der Universität Siegen über getrübte Vorfreude, Einsamkeit und positive Energie.
Weihnachten steht in diesem Jahr unter einem besonderen Stern: Was kann ich tun, um mich trotz der Umstände auf das Fest und die Zeit zwischen den Jahren zu freuen?

  • Die Freude auf ein Wiedersehen mit der Familie wird dieses Jahr in Zweifel gezogen, das ist frustrierend. Wer frustriert ist, wird auch leichter wütend oder igelt sich schneller ein. Die Erwartungen an die Festtage sollten deshalb nicht zu hoch sein, damit die mögliche Frustration gering bleibt. Ansonsten: Es ist immer eine ruhige, besinnliche Zeit – warum soll ich mich nicht darauf freuen?

Wie vermeide ich, dass Weihnachten unter dem Eindruck der Pandemie zur Belastung wird?

  • Zum Beispiel indem man dankbar ist, überhaupt feiern zu dürfen, nach Möglichkeit mit ein paar Liebsten. Dankbarkeit ist eine positive Emotion. Und man darf die gegenwärtige Situation auch als Gelegenheit begreifen, um neue Fähigkeiten herauszubilden, um sich auszuprobieren. Alternative Möglichkeiten des Wohlbefindens können helfen: etwa ein neuer Outdoor-Sport, ein Buch lesen, mit jemanden telefonieren, mit dem man vorher nicht telefonieren konnte. Außerdem ist Akzeptanz wichtig, die Annahme der Situation: Wir leben gerade jetzt in einer zum Teil unveränderbaren Welt. Die Regierung will uns nicht ärgern, die getroffenen Maßnahmen dienen unserem Schutz.

Helfen die festliche Atmosphäre und traditionelle Rituale dabei abzuschalten?

  • Rituale, etwa das Baumschmücken mit den Kindern, oder auch ein klar strukturierter Tag sind wichtig, weil keine neuen Entscheidungen zu treffen sind. Das entlastet die Psyche und die Willensstärke sehr. Wenn die Willensstärke aufgebraucht ist, lässt sich die Wut nicht mehr gut regulieren, so können Konflikte entstehen. Um diese zu vermeiden, empfiehlt es sich, vorab Erwartungen, aber auch die eigene Gemütslage – Belastungen, Sorgen etc. – zu kommunizieren. Und: Permanent neue Informationen abstellen! Also das Smartphone einmal liegen lassen. Es reißt einen immer wieder aus der Situation heraus. Das Wieder-Hineinfinden kostet Energie.

Was bedeutet die aktuelle Situation für Menschen, die an den Festtagen einsam sind oder unter einer Depression leiden?

  • Depressive bzw. Menschen mit psychischen Erkrankungen zeigen laut Studien aus Kanada und Indien in der gegenwärtigen Situation ein verstärktes Risikoverhalten, beispielsweise in Form von Alkohol- und Cannabis-Konsum. Einsamkeit, nicht das Alleinsein, ist ebenfalls ein großes Problem. Einsamkeit ist so gefährlich wie Rauchen, es verkürzt nach US-Studien das Leben um acht Jahre. Auch gefühlte Einsamkeit.

Ist schwermütigen Personen ihr Gemütszustand in Gesellschaft anzumerken?

  • Wenn ich mich verstellen muss, kostet das immer viel Kraft. Aber manche sind inzwischen so geübt darin, dass es für sie keine große Kraftanstrengung mehr bedeutet.

Wie wirken sich Kontaktbeschränkungen aus?

  • Der Mensch möchte das Gefühl haben, autonom zu handeln. Diese Autonomie ist nun eingeschränkt worden. Die Einschränkungen für sich genommen sind nicht so schlimm, aber es summiert sich auf. Es ist ein langsamer, zermürbender Prozess. Wir wissen: Eine einzelne schwere Belastung wird weniger schwerwiegend wahrgenommen als viele kleine, weil man in der Regel soziale Unterstützung erfährt. Für „Kleinigkeiten“ ist das Verständnis nicht so groß.

Sind in diesem Jahr mehr Selbstmorde als üblich zu befürchten?

  • Hoffnungslosigkeit, Depression und Einsamkeit sind oft Auslöser für Suizid-Gedanken. Ich sehe die Gefahr schon. In Indien und anderswo forscht man unter der Hypothese, dass die Pandemie die Selbstmordrate erhöht.

Für die Mehrheit dürfte Weihnachten aber ein Stimmungsaufheller sein. Wie gelingt es, diese positive Energie mit in den Alltag zu nehmen?

  • Man sollte die guten Gefühle diesmal noch bewusster auskosten. Positive Emotionen aktivieren uns – für neue Fähigkeiten, neue Interessen, neue Kontakte. Aber sie verflüchtigen sich schneller als negative. Deswegen muss man diese Emotionen manchmal „triggern“, also gezielt auslösen: Jeden Tag drei Dinge aufschreiben, auch Kleinigkeiten, für die man dankbar ist, ist eine gängige Methode.

Blicken wir ein paar Tage weiter nach vorn: Silvester wird gerne zum Anlass für einen „Neustart“ genommen. Gerade jetzt setzen viele Menschen Hoffnungen in das neue Jahr. Braucht die Psyche solche Daten, eine „Stunde Null“ und gute Vorsätze?

  • Man sollte sich Ziele setzen, die erreichbar sind, um mehr Wohlbefinden zu erlangen. Lieber mit kleinen Schritten beginnen, sonst verkehrt sich die zunächst starke Motivation ins Gegenteil. Dann gehen die guten Vorsätze über Bord. Das merkt sich das Unterbewusstsein und ich kann mir selbst nicht mehr trauen. Also Ziele so setzen, dass ich sie auch an schlechten Tage erreiche. Das ist viel befriedigender.

Welchen Tipp hat ein Professor für „positive Psychologie“ für den Umgang mit der momentanen Situation?

  • Zum Beispiel neue Techniken. Meditation ist eine gute Möglichkeit. Und Achtsamkeitsübungen. Achtsam sein bedeutet, aufmerksam sein, ohne zu bewerten. Menschen bewerten automatisch und sofort – auch sich selbst. Oft bewerten wir uns selber kritischer als andere Menschen. Diese Bewertungen sind aktiv zu hinterfragen. Treffen sie überhaupt zu? Dadurch lässt sich die automatische Bewertung neu justiert. Und so ist auch die aktuelle Situation immer wieder zu hinterfragen. Wie schlimm ist es tatsächlich?
Weihnachten 2020: Trotz aller Besinnlichkeit sitzt das Schreckgespenst Corona irgendwie mit unter dem Christbaum.
Prof. Dr. Andreas Kastenmüller forscht unter anderem im Bereich Kommunikationspsychologie, pro- und antisoziales Verhalten sowie positive Psychologie.
Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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