Weinen, Sorgen, Zagen . . .

ars Siegen. Jens Amend wohnt in Staufenberg, wirkt an der Walpurgiskirche in Alsfeld, gewann vor wenigen Wochen einen Orgelwettbewerb in Luxemburg, an dem über 70 Konkurrenten aus 20 Nationen teilnahmen. Er brachte ein gehaltvolles Orgelprogramm mit in die Martinikirche Siegen und verzauberte die Zuhörer mit kraftvoll-energischem, aber fast kammermusikalisch durchsichtigem Spiel. Der sympathische junge Mann wirkte so gar nicht wie ein kraftstrotzender Athlet, aber sein Spiel an der großartigen Mebold-Orgel riss mit, erstaunte, erschreckte, überwältigte.

Im Zentrum seines Programms stand eine wie auf sein Spiel zugeschnittene dramatische Dichtung von Franz Liszt, die Variationen über „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“. Dieses umfangreiche Werk über einen Basso continuo von Johann Sebastian Bach endet mit dem gut hörbaren Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ versöhnlich, aber der Weg zur Versöhnung reißt den Hörer mit in einen expressiv aufgeladenen Strudel von unterschiedlichen starken Gefühlen; das emotionale Brodeln und Brausen, das auch ins Weinerlich-Zagende wegsacken kann, wurde schnell und schlagkräftig, auch atemlos, vorgetragen, in glühenden Farben, kontrastreich bis zur Überfülle, inszeniert wie ein Schauspiel, das auf die erlösende Katharsis hinhetzt. So hat man dieses Werk selten gehört – oder darf einmal mit der Anmutung gespielt werden: so hatte man dieses Werk noch nie gehört?!

Eingerahmt wurde diese ausufernde Partitur von zwei schwergewichtigen Werken Bachs, der Fantasie und Fuge g-Moll und dem Praeludium G-Dur, die in einer ebenso kraftvollen Darstellung den logischen und chronologischen Rahmen für Franz Liszt und den mit zwei Kompositionen vertretenen Felix Mendelssohn Bartholdy abgaben, also nicht nur für sich standen (was auch schon gereicht hätte bei der kompositorischen Dichte und dem beherzten Ausgriff der Interpretation), sondern die formale Abhängigkeit der „Romantiker“ Liszt und Mendelssohn von Bach und der deutschen Orgelschule schlagend vor Ohren stellte.

Mendelssohns Praeludium und Fuge c-Moll op. 37,2 und die Sonate f-Moll op. 65,1 erklangen als ein gleichmäßig fortdrängender Strom, dabei klar und durchsichtig, mustergültig in der Balance von Formstrenge und Ausdrucksgehalt, von Bach vor allem durch die Farben und die Harmonien verschieden, strukturell an ihn angelehnt, ohne ins Epigonale zu gleiten. Bei der Wiedergabe der Sonate entzückte die dynamisch ausgereifte, aber auch sehr einheitliche, geschlossene Herangehensweise, deren athletische Kraft erst einmal überraschte, nach und nach aber auf die Feinheiten des klangschönen Werkes lenkte, auf die an der klassischen Sonate angelehnte Formkraft.

Mit einem zeitgenössischem Werk, Guy Bovets „Salamanca“, durchbrach Amend augenzwinkernd, mit dem Schalk im Nacken, den deutschen Tiefsinn, die formale Strenge. In Salamanca stampft es, rhythmische Gischt wie spanischer Tanz und Pferdegetrappel brandet auf, der groteske Studenten-Ulk bindet sich allein durch das Kraftvoll-Hochvirtuose an das eigentliche Programm. Aber der Meister will es so, brilliert auch im Scherz und Abseitigen.Der an der Frankfurter Musikhochschule ausgebildete Musiker war, das lässt sich so schon konstatieren, die eigentliche Entdeckung und Überraschung der 15. Siegener Orgelwochen 2009.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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