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Hygieniker im Gespräch: Corona-Impfung steht und fällt mit Akzeptanz
Weiter Weg zum Herdenschutz

Dr. Andreas Farnschläder ahnt schon jetzt: Die Diskussionen um die Begleiterscheinungen der Corona-Impfung werden die Akzeptanz des Impfstoffs beeinflussen.
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  • Foto: Klinik
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

damo Siegen. Noch kein Hoffnungsträger in der langen Geschichte der Menschheit dürfte einen ähnlich holprigen Namen gehabt haben wie BNT162b2. Aber alle Welt wartet auf den Impfstoff aus den Biontech-Laboren, und allein das ist Grund genug für die SZ, mit einem Mann zu reden, dem die sperrige Buchstaben-Ziffern-Kombination schon jetzt flüssig über die Lippen kommt: Dr. Andreas Farnschläder.
Er ist im St.-Marien-Krankenhaus als Hygieniker tätig, daher prägt nicht nur das Coronavirus seinen Berufsalltag, sondern auch das Impfen. Und das hat viel mit Psychologie zu tun, macht Dr. Farnschläder im Dialog deutlich.

damo Siegen. Noch kein Hoffnungsträger in der langen Geschichte der Menschheit dürfte einen ähnlich holprigen Namen gehabt haben wie BNT162b2. Aber alle Welt wartet auf den Impfstoff aus den Biontech-Laboren, und allein das ist Grund genug für die SZ, mit einem Mann zu reden, dem die sperrige Buchstaben-Ziffern-Kombination schon jetzt flüssig über die Lippen kommt: Dr. Andreas Farnschläder.
Er ist im St.-Marien-Krankenhaus als Hygieniker tätig, daher prägt nicht nur das Coronavirus seinen Berufsalltag, sondern auch das Impfen. Und das hat viel mit Psychologie zu tun, macht Dr. Farnschläder im Dialog deutlich.

50 Prozent der Probanden mit Symptomen

Denn für ihn zeichnet sich schon jetzt ab, dass das große Fragezeichen auf dem Weg zur Herdenimmunität weder die Wirksamkeit noch die Verfügbarkeit des Impfstoffs sein wird: „Entscheidend ist die Akzeptanz. Wie viele Leute lassen sich tatsächlich impfen?“ Und Dr. Farnschläder ist sich sicher: „Es wird Vorbehalte geben.“
Denn die klinischen Studien zeigten zwar einerseits, dass die Impfung einen 90-Prozent-Schutz bieten wird: „Das ist in Placebo-Tests nachgewiesen.“ Aber andererseits weisen laut Dr. Farnschläder eben auch 50 Prozent der Probanden spürbare Symptome der Immunantwort auf: Schüttelfrost, Müdigkeit, Fieber oder Kopfschmerzen treffen laut Statistik jeden Zweiten, nachdem er die erste der beiden Impfdosen bekommen hat – wenn auch meist nur von kurzer Dauer.
Dr. Farnschläder erklärt das – vereinfacht dargestellt – als normale Begleiterscheinungen der Abwehrreaktion des Körpers. Wenn die menschlichen Zellen erstmals mit der RNA des Coronavirus in Kontakt kommen, bilden sie Antigene und schließlich Antikörper. Und das ist ein Kraftakt. Ergo kann man laut Dr. Farnschläder nicht im eigentlichen Sinne von Nebenwirkungen sprechen – aber man braucht keine Kristallkugel um zu ahnen, dass genau dieses Wort in der öffentlichen Diskussion auftauchen wird.

Gute Gründe, sich pieksen zu lassen

Und die „Nebenwirkungen“ werden die Akzeptanz des Impfstoffs beeinflussen, prophezeit der Mediziner. Er veranschaulicht das mit einem einfachen Beispiel: „Eine Darmspiegelung macht niemandem Spaß. Weil ein Karzinom weit weg erscheint, verzichten viele Menschen auf die unangenehme Prävention.“ So könnte es auch bei der Corona-Impfung sein.
Dabei gibt es laut Dr. Farnschläder gute Gründe, sich pieksen zu lassen. Der 90-Prozent-Schutz sei sehr hoch – die Grippeimpfung verspreche beispielsweise nur einen Schutz von nicht einmal 65 Prozent. Und selbst, wenn das Virus mutiert, wäre die Impfung nicht vergebens. „Natürlich ist das ein Worst-Case-Szenario“, sagt der Mediziner. „Aber selbst, wenn man gegen eine Virus-Variante geimpft wird, die in einem Jahr nicht mehr aktuell ist, bietet die Impfung jetzt den vollen Schutz.“
Allerdings: Selbst im St. Marien-Krankenhaus wird es keine umfassende Impfempfehlung für die Belegschaft geben. Denn: Jeder Einzelne – und das gelte für die Bevölkerung genauso wie für das medizinische Fachpersonal – müsse seine ganz persönliche Risiko-Nutzen-Rechnung aufstellen.

Zwei Drittel müssen geimpft werden

In der Praxis bedeutet das: Wer z. B. als Krankenpflegerin ein hohes Infektionsrisiko aufweist, zieht einen größeren Nutzen aus der Impfung als jemand, der mit der üblichen AHA-Formel dem Virus halbwegs verlässlich aus dem Weg gehen kann. Oder: Wer zu den Risikogruppen gehört, darf ebenfalls einen großen Nutzen in seine Waagschale werfen.
Auch altruistische Motive könnten bei der Impfquote eine Rolle spielen, meint Dr. Farnschläder. Er ist durchaus optimistisch, dass viele die unbequemen Begleiterscheinungen der Impfung in Kauf nehmen, um andere zu schützen.
Denn erst wenn zwei Drittel der Bevölkerung geimpft sind, könne von einem wirksamen Herdenschutz gesprochen werden. Zwar sei das Virus dann immer noch nicht verschwunden – aber das Infektionsgeschehen würde nicht mehr einem Flächenbrand gleichen. „Damit würde auch das Gesundheitssystem nicht mehr an die Belastungsgrenze stoßen.“
Erst das wäre der Punkt, an dem auch die Restriktionen gelockert werden könnten. Im Umkehrschluss heißt das: „Ohne Impfung würde sich die Lage im nächsten Sommer sicher entspannen – und dann kämen im Herbst wieder massive Einschränkungen.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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