Welche Freiheit hätte unter islamischen Gesetzen Bestand?

Die Vorstellungen des Zentralrats der Muslime für Deutschland / Vortrag des Vorsitzenden Dr. Nadem Elyas

ewi Siegen. Viele verdienstliche Hinweise, noch mehr wohlwollendes Verständnis für den Islam, aber kaum Kriterien für eine objektive Herangehensweise an die zentrale Lehre einer Religion, die sich seit dem 11. September 2001 – großenteils gewiss unberechtigt – schwersten Verdächtigungen ausgesetzt sieht. Der jüngste Versuch einer Annäherung an die dritte monotheistische Weltreligion geriet in der Ringvorlesung Forum Siegen zur unmittelbaren Berührung, indem der Vorsitzende des 1994 gegründeten »Zentralrats der Muslime in Deutschland« (ZMD), der in Mekka geborene saudische Frauenarzt Dr. Nadem Elyas, Gelegenheit erhielt, eine spezifische Variante der islamischen Welt- und Religionssicht vorzutragen. Die Position des ZMD gilt nicht als repräsentativ, auch nicht für alle Muslime in Deutschland, aber sie scheint sich in das deutsche Verfassungssystem einzufügen. Elyas – bekannt für seine eingängige Kommunikation des Islam – ließ auch in Siegen nur an wenigen Punkten durchschimmern, ob einer islamischen Rechtsordnung letztlich doch Vorrang vor einer freiheitlich-rechtsstaatlichen nach westlichem Verständnis zu geben sei.

»Schutz und Würde der Geschöpfe – Ethische Perspektiven im Islam« lautete das Vortragsthema. Elyas, der seit 1964 in Deutschland lebt, ließ keinen Zweifel daran, dass aus islamischer Sicht Moral und Recht nichts gänzlich Eigenständiges abseits der Religion darstellen. Moral könnte nicht in Abwesenheit von Religion diskutiert werden, lautete die erste Feststellung. So finde sich im Koran die Aussage Mohammeds: »Ich wurde bloß entsandt, um den edlen Charakter zu vervollkommnen.« Den engen Zusammenhang von Moral und Glauben belegte der Zentralratsvorsitzende z. B. mit den Geboten zur Hilfe für den Nächsten, den Bettler.

Der Koran befasse sich auch mit »Moral und Ethik des Gemeinwesens«. So gelte es, dessen Angelegenheiten untereinander »durch Beratung« zu regeln. Die »vier ethischen Prinzipien« des Islam im Staat sind nach der Lesart von Elyas das Prinzip der Führung, dasjenige der Rechtsstaatlichkeit, das der Gerechtigkeit und das der gegenseitigen Beratung.

Ursprünglich habe ein optimaler Zustand der Vernunft gegolten, erklärte der Referent, nur sei es »durch negative Umwelteinflüsse und Neigungen« zur Schieflage gekommen, weshalb eine Offenbarung Gottes nötig wurde, die die Prinzipien der Vernunft in Erinnerung rief. Widerstreit zwischen Offenbarung und Vernunft kenne der Islam nicht. Wer sich an die Vorgaben des Islam hält, beachtet auch die von Gott gesetzten Grenzen. Vernunft und Verstand seien herausgefordert, nach den Gründen der Verbote zu suchen. »Die Offenlegung der Zeichen Gottes ist die Hilfe, die der Islam zur Verfügung stellt.«

Die moralischen Grundsätze haben laut Elyas den Sinn, die »fünf Prioritäten« zu sichern: den Schutz des Lebens, den Schutz des Verstandes (daher das Alkoholverbot), den Schutz des Glaubens, den der Ehre und den des Vermögens. Deshalb setze der Islam auch Grenzen für das gesellschaftliche Leben. Jede Freiheit muss im Staat ihre Grenzen haben. Zügellosigkeit und Blasphemie können nicht zugelassen werden. Presse, Kunst und Wissenschaft seien durch die islamische Moral Grenzen gesetzt. Für die Wissenschaft z. B. gilt es, die Schöpfung zu erkennen, um so zu ihrem Schöpfer zu gelangen. Daraus leiten sich die Grenzen der Wissenschaft und deren Anwendung auf aktuelle Themen wie z. B. die Biotechnologie ab. Der Referent demonstrierte dies an den Regeln für eine Organverpflanzung, wobei er zu weitgehend deckungsgleichen Ergebnissen mit den heute geltenden Regelungen kam.

Die ethische Realität in der islamischen Welt, stellte Elyas fest, spreche eine andere Sprache als die Theorie. Die Menschenrechtsdeklaration könnten eigentlich auch islamische Staaten bis auf einzelne Formulierungen unterzeichnen. Die Missachtung der Menschenrechte seitens der Staaten der islamischen Welt stehe in krassem Widerspruch zur islamischen Lehre und Ethik. Auch in Deutschland müsse das Bekenntnis aller Muslime zu den Menschenrechten klar sein. Deshalb verurteile der Zentralrat den Terrorismus und z. B. auch die Anschläge auf nichtislamische Gotteshäuser. »Mehr können wir nicht tun.« Die Probleme der Welt zeigten, dass sich die Menschen auf einen gemeinsamen Nenner einigen müssten. Um den Islam nach dem 11. September zu beurteilen, müsse man auf die breite Basis schauen und nicht auf »Randfiguren«, die es überall gebe. Gewiss erscheine die Lehre des Islam streng. Aber er böte Sicherheit und Befreiung, nicht Bevormundung.

Elyas' Antworten auf einige Fragen der Zuhörer ließen erkennen, dass es für Muslime trotz des Bekenntnisses des ZMD zum Grundgesetz und seiner gewaltenteiligen, rechtsstaatlichen und demokratischen Ordnung hierzulande noch viel zu tun gibt. Sollte es eine andere politische Mehrheit geben, müsse man z. B. die Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften abschaffen. Der Islam kenne nur die Ehe, und alles andere könne nur zum Schaden führen. Allgemein kenne der Islam die Trennung von Religion und Staat nicht, aber auch nicht den theokratischen Staat. Die Prinzipien des Islam könnten »eingebettet werden« in ein pluralistisches System wie das deutsche. Die Methode der Führung sei »nicht so entscheidend«. Wohl aber habe der Islam »ein anderes Verhältnis zu den Gesetzen«. Welche Änderungen Elyas diesbezüglich bei anderen Mehrheiten vorschweben, blieb indes offen.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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