»Weltmeister sehen anders aus...«

...aber jetzt ist der »Retter der Nation« ja endlich da: Ingo Appelt im ausverkauften Lÿz

aww Siegen. Endlich! Endlich ist er da, der »Retter der Nation«, und sagt uns, woran es in Deutschland hapert. Weil wir – nein, nicht alle, nur die Ossis – Jammerlappen sind. Weil wir lieber die Polen arbeiten lassen, als selbst anzupacken. Weil Angela – wer kennt die überhaupt noch? – sich in erster Linie als »machtpolitische Trüffelsau« hervortut. Weil der »unkaputtbare« Helmut Kohl den neuesten Gammelfleischskandal personifiziert, und weil das Papst-Amt die »Vorstufe zu den Körperwelten« ist. Die »musikalische Sterbebegleitung zum Untergang Deutschlands« liefert derweil Xavier Naidoo.

Es liegt manches im Argen, und der »Retter der Nation« weiß darum. Am Samstagabend im ausverkauften Lÿz-Schauplatz bohrte Ingo Appelt seine Finger schonungslos in jede einzelne Wunde. Und sprach eine klare Sprache: bitterbös’, ziemlich beleidigend, oft haarscharf an der Grenze des guten Geschmacks, hier und da auch jenseits davon. Aber sooo lustig... Obwohl: Das eine oder andere Lachen blieb den Hörern schon im Halse stecken. »Och Herr-schaf-ten«, musste Appelt sein Publikum dann motivieren. Und meinte damit so viel wie: Nun werdet mal ein bisschen locker, schließlich ist das hier Comedy, da darf man das.

Nachdem die aktuelle und frühere politische Führungsriege von Stoiber über Herzog bis hin zum »schnellen Brüter« Ursula von der Leyen so richtig eins verbraten und der Sachse respektive Ossi an sich mächtig eins über die Rübe bekommen hatte, ging Appelt über zu den Kategorien »Schmuddelkram« und »Offene Hose«. »Was ist uns Männern noch geblieben?« fragte der Comedian – nachdem die Herren der Schöpfung nur noch im Sitzen urinieren dürfen. Über die Verhaltensgewohnheiten von Männlein und Weiblein auf öffentlichen Toiletten wurde ausgiebig philosophiert, ebenso über den Umstand, dass deutsche Männer nur noch mit alkfreiem Bier am Elektrogrill stehen und Tofuwürstchen brutzeln dürfen. »Weltmeister sehen anders aus«, konstatierte der »Retter der Nation« (so der Titel von Appelts aktuellem Programm).

Dann waren die Bayern-Fans dran, auch der arme Michael aus dem Publikum, und »Hoeneß« wurde zum »Schimpfwort der Saison« gekürt. Appelt dozierte über explodierende Rentenbeiträge und bedauerte, dass die Rentner es jenen nicht gleichtun. Er beklagte die Hilflosigkeit des Mannes im Kreissaal und den Verlust der männlichen Rollenidentität: Soll man(n) heutzutage eher Macho oder Weichei sein? Herrlich witzig: die Anleitungen zum Entfernen von Körperbehaarung im »toten Winkel« und anderswo.

Seine schwächsten Momente hatte Appelt, wenn er es mit »F-Worten« und Griffen in den Schritt derart übertrieb, dass es einfach zu ordinär wirkte. Seine starken Momente waren glücklicherweise die viel häufigeren. Die allerbesten hatte der begnadete Stimmenimitator, wenn er in die Rollen anderer schlüpfte: Köstlich gab er Grönemeyer, Westernhagen und Lindenberg, und die ganze Politgarde hat er eh drauf. Aufgelockert wurde der Monolog von häufigen Interaktionen mit Zuschauern und einigen Songeinlagen (entweder zur Tonkonserve oder von Appelt selbst souverän am Klavier begleitet).

Nicht oft erlebt man ein solches Dauerfeuer knallharter Pointen – und das über nahezu zweieinhalb Stunden Spielzeit. Selten so satt abgelacht!

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