SZ

Lockdown Grund für den Rückgang?
Weniger frühe Frühchen

Für manche Winzlinge kommt die Geburt viel zu früh. Die moderne Medizin kann den Frühchen heute viel bessere Überlebenschancen bieten. Ob der Lockdown dazu beigetragen hat, die Zahl ganz früher Frühgeburten zu vermindern, bleibt umstritten.
  • Für manche Winzlinge kommt die Geburt viel zu früh. Die moderne Medizin kann den Frühchen heute viel bessere Überlebenschancen bieten. Ob der Lockdown dazu beigetragen hat, die Zahl ganz früher Frühgeburten zu vermindern, bleibt umstritten.
  • Foto: pixabay
  • hochgeladen von Marc Thomas

goeb Siegen. Eine Veröffentlichung aus Dänemark hat in der Medizin für Aufsehen gesorgt. Zu Pfingsten im vergangenen Jahr gab das „Statens Serum Institut“ bekannt, dass die Zahl der sehr frühen Frühgeburten in dem skandinavischen Land während des Lockdowns vom 12. März bis 14. April stark zurückgegangen war.

Die Zahl der sehr kleinen Frühgeborenen, die vor der 28. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblickten, sank im Vergleich zu Zeiträumen zwischen 2015 und 2019 in diesem Abschnitt um 90 Prozent, wie einem Artikel in der Deutschen Hebammen Zeitschrift zu entnehmen ist. Gerechnet hatte man statistisch mit 27 Frühgeborenen im Monat, tatsächlich waren es plötzlich nur drei.

Saisonale Schwankungen, so entnimmt man dem Fachblatt, sind allerdings normal.

goeb Siegen. Eine Veröffentlichung aus Dänemark hat in der Medizin für Aufsehen gesorgt. Zu Pfingsten im vergangenen Jahr gab das „Statens Serum Institut“ bekannt, dass die Zahl der sehr frühen Frühgeburten in dem skandinavischen Land während des Lockdowns vom 12. März bis 14. April stark zurückgegangen war.

Die Zahl der sehr kleinen Frühgeborenen, die vor der 28. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt erblickten, sank im Vergleich zu Zeiträumen zwischen 2015 und 2019 in diesem Abschnitt um 90 Prozent, wie einem Artikel in der Deutschen Hebammen Zeitschrift zu entnehmen ist. Gerechnet hatte man statistisch mit 27 Frühgeborenen im Monat, tatsächlich waren es plötzlich nur drei.

Saisonale Schwankungen, so entnimmt man dem Fachblatt, sind allerdings normal. Insofern war man in Deutschland sehr gespannt, ob sich diese Tendenz auch hier zeigen würde. Hierzulande kommt etwa jedes zwölfte Kind zu früh zur Welt. Obwohl aufwändige geburtsmedizinische Anstrengungen unternommen werden, ist es bislang nicht gelungen, die Frühgeburtenzahl noch weiter zu senken.

Tendenz auch in Siegen-Wittgenstein

Dr. Flutura Dede, Chefärztin der Geburtshilfe und Pränatalmedizin im Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen, erkennt die oben geschilderte Tendenz auch in unserer Region.

„Mehrfach wird davon berichtet, dass es während des Lockdowns zu einer Reduktion von Frühgeburten gekommen ist. Dies hat sich 2020 auch in unserem Hause so bestätigt“, berichtet sie.

„Wir zählten 48 Frühgeburten (Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm). Bei insgesamt 1663 Geburten im vergangenen Jahr entspricht dies einer Frühgeburten-Rate von 2,8 Prozent. Dies ist auffällig niedrig im Vergleich zu den Vorjahren, etwa dem Jahr 2018. Hier zählten wir 71 Frühgeburten (5,3 Prozent).“

Hinweise auf den Einfluss des Lockdowns auf die Schwangerschaft liefert auch eine kleine Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt, die neben Dänemark, Irland und den USA auch Deutschland zu den Ländern zählt, in denen der Rückgang der Frühgeburten registriert worden ist.

Krankenkassen verfügen über Zahlenmaterial

Über belastbares Zahlenmaterial verfügen die Krankenkassen. Die Techniker Krankenkasse untersuchte die Zahl der Frühgeburten in Zeitraum von Januar bis September 2020 in Deutschland. Lag der Anteil der Frühgeburten im Jahr vor Corona bei 6,3 Prozent, sank er im besagten Zeitabschnitt des ersten Corona-Jahres auf 4,7 Prozent.

Nun wird natürlich lebhaft darüber diskutiert, woran es liegen könnte. Ein Aspekt könnte das verordnete Abstandhalten zu den Mitmenschen sowie das Tragen der Maske sein. Dass das Infektionsrisiko dadurch erstaunlich sinkt, darüber war auch in dieser Zeitung schon mehrfach zu lesen.

Erkältungsmedikamente sind Ladenhüter geworden, in Kinderarzt- und Hausarzt-Praxen werden viel weniger Menschen mit sogenannten „banalen Infekten“ behandelt.

Reduktion von beruflichem Stress für Schwangere

„Wie genau sich dieser Effekt erklären lässt, ist Thema aktuell laufender Untersuchungen“, ergänzt Chefärztin Dede. Zunächst einmal sei das Spekulation. „Es wäre denkbar, dass eine Reduktion von beruflichem Stress für die Schwangeren entstanden ist (zum Beispiel durch die Möglichkeit zum Homeoffice) oder dass vermehrte Unterstützung zu Hause durch den Partner und die Familie besteht."

"Wie genau sich dieser Effekt erklären lässt,
ist Thema aktuell laufender Untersuchungen."

Dr. Flutura Dede
Chefärztin Pränatalmedizin

Auch das erhöhte Bewusstsein für Hygiene, mehr Schlaf, die Abnahme von Luftschadstoffen und das gewissenhaftere Befolgen der Impfempfehlungen durch das RKI (Influenza u. a.) könnten eine Rolle gespielt haben.

Für den Perinatologen Priv.-Doz. Dr. Holger Maul, Chefarzt Chefarzt der Frauenkliniken der Asklepios-Kliniken Barmbek – Wandsbek – Nord-Heidberg in Hamburg, steht laut Hebammen Zeitschrift, jetzt schon fest: Covid-19 hat auch dazu geführt, Risiken neu zu bewerten und Abläufe auf den Prüfstand zu stellen. Wirklich belastbare Ergebnisse wird erst die Analyse der Daten mit einem gewissen Abstand ergeben.

Prof. Dr. Schleußner: Wahrscheinlich nur die gefühlte Wahrheit Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Jena, den die Siegener Zeitung um seine Einschätzung bat, äußerte sich skeptisch zur derzeit herrschenden Euphorie bezüglich zurückgehender Zahlen bei frühen Frühchen. Die dänischen Autoren vermuteten, dass möglicherweise wegen der Mobilitätseinschränkung sich der Zeitpunkt der Frühgeburt in einigen Hochrisikoschwangerschaften in höhere Schwangerschaftswochen verschoben hätte. Zu dem Thema seien inzwischen zwölf Studien veröffentlicht – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Sechs bestätigten die Beobachtungen der Dänen nicht, fünf attestierten eine Reduktion der Frühgeburtenrate und eine Studie aus Nepal gehe sogar von einem höheren Risiko während des Lockdowns aus. Schleußner hält auch die Vergleichbarkeit für eine Crux. Datenbasis und Methodik der Auswertung in den Ländern seien doch sehr unterschiedlich. Die Thüringer Perinatalerhebung jedenfalls – einzige publizierte deutsche Datenerhebung in diesem Kontext – zeige keine Unterschiede im Vergleich zu Vorjahren. Er gab ferner zu bedenken, dass der Lockdown in Deutschland zu keiner Zeit so strikt gewesen sei wie in Dänemark. Ob die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in Deutschland tatsächlich zur Verminderung extremer Frühgeburten geführt habe, werde die Auswertung der Perinatalerhebung der Länder zeigen. Das dauere noch einige Monate, sagte der Klinikdirektor. Sein Optimismus ist also etwas gedämpft: „Ja, ich höre diese Berichte auch immer wieder. Leider ist es wahrscheinlich nur die gefühlte Wahrheit.“
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen