SZ

Folgen des Corona-Lockdowns
Wenn die Normalität Angst bereitet

Geliebten und auch fremden Menschen wieder nah sein,  fällt vielen nach dem langen Lockdown schwer. Dr. Heiko Ullrich, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und stellv. Ärztlicher Direktor des Kreisklinikums, sagt, dass man sich erst wieder an die Lockerungen gewöhnen müsse.
  • Geliebten und auch fremden Menschen wieder nah sein, fällt vielen nach dem langen Lockdown schwer. Dr. Heiko Ullrich, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und stellv. Ärztlicher Direktor des Kreisklinikums, sagt, dass man sich erst wieder an die Lockerungen gewöhnen müsse.
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  • hochgeladen von Anja Bieler-Barth (Redakteurin)

gro Siegen.  Am Wochenende ist mittlerweile in der Siegener Innenstadt wieder viel los: Alte Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder, um auf der Poststraße mit einem Bier auf die neugewonnen Freiheiten anzustoßen. Im Schlosspark wird zwischenzeitlich versucht, mithilfe von gemeinsamem Sporttraining die Corona-Pfunde wieder loszuwerden. Über diese Normalität freuen sich jedoch nicht alle Menschen gleichermaßen – denn während manche Menschen lange Zeit auf diese Momente hingefiebert haben, sorgen genau diese bei anderen für Beklemmungen und Angstzustände. Soziale Kontakte werden beispielsweise ganz bewusst vermieden und Geburtstagspartys unter einem Vorwand abgesagt.
Die SZ hat sich bei Dr. Heiko Ullrich, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, umgehört.

gro Siegen.  Am Wochenende ist mittlerweile in der Siegener Innenstadt wieder viel los: Alte Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder, um auf der Poststraße mit einem Bier auf die neugewonnen Freiheiten anzustoßen. Im Schlosspark wird zwischenzeitlich versucht, mithilfe von gemeinsamem Sporttraining die Corona-Pfunde wieder loszuwerden. Über diese Normalität freuen sich jedoch nicht alle Menschen gleichermaßen – denn während manche Menschen lange Zeit auf diese Momente hingefiebert haben, sorgen genau diese bei anderen für Beklemmungen und Angstzustände. Soziale Kontakte werden beispielsweise ganz bewusst vermieden und Geburtstagspartys unter einem Vorwand abgesagt.
Die SZ hat sich bei Dr. Heiko Ullrich, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, umgehört. Ist es normal, dass die Lockerungen manchen Menschen Angst machen, während andere die nächste Party erst gar nicht abwarten können?

Experte gibt Entwarnung

Der Experte gibt Entwarnung: „Das ist vollkommen normal. Wir müssen uns erst wieder an andere Menschen und die Lockerungen gewöhnen. Dies ist ein Prozess, welcher Zeit braucht.“ Man sei das normale Sozialleben einfach nicht mehr gewöhnt. Auch habe sich mit der Zeit eine neue Normalität eingeschlichen. „Wir mussten über ein Jahr auf sehr vieles verzichten“, so Ullrich. Alltägliche Dinge wie Hände schütteln und Umarmungen seien beispielsweise plötzlich vollkommen unangebracht gewesen. „Grundsätzlich muss jetzt jeder für sich selbst versuchen, Stück für Stück in die alte, aber dennoch neue Normalität zurückzufinden“, findet der Psychologe. Jeder habe hier sein ganz eigenes Tempo. „Der Alltag hat sich ja bei jedem auch ganz unterschiedlich stark verändert. Manche mussten plötzlich ins Homeoffice oder in den Distanzunterricht. Andere haben die ganze Zeit über normal weiterarbeiten können“, erklärt er. Dementsprechend individuell sei jetzt auch der Umgang mit den neuen Lockerungen.

Die Situation hat Stress ausgelöst

Grundsätzlich habe auch jeder Mensch ein anderes Grundnaturell. Manche seien eher sorgloser Natur, andere seien hingegen einfach ängstlicher. „Fakt ist: Wenn ich sehr große Angst vor dem Virus habe und mich all die Zeit immer versucht habe an die Regeln zu halten, dann habe ich es jetzt auch schwerer mich an die Lockerungen zu gewöhnen“, fügt der Experte hinzu. Doch was genau hat die Pandemie in uns ausgelöst? Auch darauf hat der Chefarzt eine Antwort: „Zunächst hat die ganze Situation vor allem Stress ausgelöst“, weiß Ullrich. Man unterscheide hier zwischen persönlichem bzw. akutem und chronischem Stress. „Wir wissen, dass beide Arten von Stress sich auf körperliches und seelisches Wohlbefinden auswirkt“, sagt der Experte. Als die Pandemie anfing, habe man sich zunächst Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Liebsten gemacht. Dies habe einen akuten Stress ausgelöst.
„Durch den daraus resultierenden Alltag, die Diskussionen und den neuen Regelungen, ist aus dem akuten Stress in den vergangenen 15 Monaten, ein chronischer Stress geworden. Und dieser verändert uns alle“, behauptet Ullrich.

Jüngere Frauen besonders betroffen

Auch auf seiner Station habe der Chefarzt eine Veränderung wahrgenommen: „Wir haben gemerkt, dass in den Phasen der Infektionswellen die Angst zu groß war, sich Hilfe zu holen und ins Krankenhaus zu kommen. Sobald es Lockerungen gab, stiegen auch die Patientenzahlen drastisch.“ Im vergangenen September habe die Psychiatrie beispielsweise eine Belegung von 120 Prozent gehabt.
„Ich habe keine Zahlen, aber aus dem Gefühl heraus sind aufgrund der Pandemie auch generell mehr Patienten mit Angst- und Panikstörungen in die Notaufnahme gekommen“, weiß der Chefarzt. Gerade jüngere Frauen seien hier sehr stark betroffen.

Autor:

Sarah Groos

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