Wenn die Selbstwertbeziehung zum Kampf drängt

Islam und Islamismus sind zweierlei und gehören doch zusammen / Vortrag von Prof. Dr. Dawud Gholamasad

ewi Siegen. Mit einer ganz anderen Zuordnung des Islamismus zum Islam als die Referenten vor ihm hat der aus dem Iran stammende Soziologe Prof. Dr. Dawud Gholamasad in der Ringvorlesung Forum Siegen den Blick dafür geöffnet, dass die Islamisten breiten Rückhalt unter den Muslimen finden. Der Wissenschaftler, der seit 1962 in Deutschland lebt und an der Universität Hannover lehrt, charakterisierte den Islamismus als »sozialen Habitus« in der islamischen Welt. Insofern sich die unterschiedlichen islamistischen Gruppen um ihrer vom Westen gekränkten Selbstwertbeziehung willen zur Selbstverteidigung berufen fühlen, träten sie durchaus für ihre Religion ein.

Der Islam, so Gholamasad, sei ein bis zu den Kalifen zurückreichendes »erinnertes Wandlungskontinuum«, das viele Muslime idealisieren. Gerade nach dem 11. September 2001 werde durch die Reaktionen des Westens die Verwestlichung der islamischen Lebensformen noch mehr als Bedrohung empfunden als zuvor. Osama Bin Laden besitze inzwischen Sympathien der Hälfte aller Muslime, betonte der Sozialwissenschaftler. »Beten und Kämpfen - Die vielen Gesichter des Islamismus« lautete sein Thema, das er gegen zwei Theorietypen abgrenzte: Der monistische Ansatz sehe Islamismus und Islam als Einheit und vernachlässige die Unterschiede, der dualistische Ansatz aber vernachlässige die Gemeinsamkeiten. Richtig sei vielmehr, Islam und Islamismus zu unterscheiden, aber nicht zu trennen.

Religion, so Gholamasad, stelle sich dar als Vorstellung der sozialen Welt. Die Gesellschaft besteht nicht einfach nur aus den Einzelnen, sondern auch aus den Vorstellungen, die sie von sich, von anderen und vom kollektiven Leben haben. Dabei werden gemeinsam geteilte Ideale festgehalten, die zu den existenziellen Bedingungen des sozialen Lebens gehören. So ist der Islam, der dem Individuum nicht gerade den größten Raum lässt, bis zurück zum Propheten Mohammed erinnerte Kontinuität und damit ein Orientierungswissen. Die Kommunikation erfolgt in einer Sprache, die selbst die Gedanken formt und zugleich Schema und Anleitung ist. Jeder einzelne Moslem ist damit im Sinne eines Zivilisationsmusters geprägt. Da dennoch die Gesellschaft abseits von allen Vorstellungen mannigfaltig gegliedert ist, führt der Individualisierungsprozess zu teilweise unterschiedlichen Gruppenüberzeugungen.

Doch das Leben solcher Gesellschaften verläuft nicht mehr selbstbestimmt. Die Auswirkungen der Globalisierung, die wechselseitigen Abhängigkeiten werden immer dichter. Daraus hat sich für die moslemischen Gesellschaften z. T. eine »Beziehungsfalle« entwickelt. Die beruflichen und staatlichen Bindungen der Menschen sind durch die Globalisierung einer steten Transformation unterworfen, doch ihr Bewusstsein hinkt der Transformation hinterher. Eine steigende »vertikale Mobilität« wird als sozialer Auf- oder Abstieg verstanden, während die »Gesättigten der Welt« selbstgerechte Theorien über Konflikte mit den Verlierern verbreiten.

So wird die Hoffnung auf Teilhabe an den Errungenschaften des Westens weitgehend enttäuscht. Wohl aber verstärkt sich die Kränkung durch ein westliches Auftreten, das signalisiert, man sei etwas Besseres. Die Selbstwertbeziehung der Menschen leidet. Formen des Islamismus entstehen. Einzelne Gruppen setzen Zeichen der Aufbruchbereitschaft. Sie konzipieren deshalb aktivistische Durchsetzungsformen zur Neuverteilung der Symbole der Überlegenheit in dieser Welt. Ihre gekränkte Selbstwertbeziehung fordert Kompensation bis hin zur Bereitschaft zum Kampf.

Dessen ungeachtet gelten für Islamisten wie für alle Muslime die fünf Grundpflichten: Bekenntnis zu Allah, regelmäßiges Gebet, Almosen für Bedürftige, Fasten und Wallfahrt. Der Unterschied liegt allein in der sechsten Grundpflicht, dem Djihad. Die Islamisten interpretieren ihn als Glaubenskrieg, andere als Glaubensanstrengung (vgl. SZ vom 4. 12. 02). Die Erfahrung der Bedrohung, so der Referent, führe bei den Islamisten zu einer hohen, spezifisch gefärbten Emotionalität, was die Chance selbstkritischer Kontrolle verringert. Die Religion bestimmt um so mehr ihre Vorstellungen auch vom Leben nach dem Tod. Die Kraft, die Schwierigkeiten des Lebens zu überwinden, wird gesteigert. Religion wirkt als Befreiung.

Den Selbstmordattentätern schließlich erscheint die gegenwärtige Machtverteilung gemessen an der erinnerten Epoche einer islamischen Vormachtstellung als ungerecht. Statt auf Erlösung zu warten, wird das Selbstmordattentat zur Selbsterlösung. Die Täter kommen dabei nicht etwa aus den untersten Schichten, sondern aus wohlhabenden und gebildeten Kreisen der islamischen Gesellschaften.

Gholamasad sieht bei den Islamisten auch Demokratisierungsbestrebungen am Werk. Die Machtschwächeren würden sich mit zunehmender Demokratisierung ihrer Macht bewusst, ohne ihre verschwörungstheoretischen Ansichten aufzugeben.

Die in der Diskussion aufgeworfene Frage der SZ, ob man bei zugegebener Kränkung durch den Westen die tatsächlichen Unterschiede der islamischen und der westlichen Gesellschaften einfach nivellieren könne und ob nicht der freiheitliche Rechtsstaat auch als Errungenschaft gelten müsse, ließ der Referent unbeantwortet. Er schien sogar das Fehlen freiheitlich-rechtsstaatlicher Lebensformen in der islamischen Welt nicht zuletzt dem Westen zuzuschreiben, der in der Zeit des Antikommunismus demokratische Entwicklungen im Orient vernichtet habe. Dass damals Ost und West oft gegeneinander ausgespielt wurden und dabei so manches erpresst wurde, erwähnte der Soziologe nicht.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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