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Paradebeispiel Marburg
Wenn die Uni in der Stadt ist

Die Alte Universität liegt mitten im Marburger Zentrum.
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js Marburg. Der Turm der Lutherkirche zu Füßen des Landgrafenschlosses ist krumm wie eh und je. Marburger wissen, was das bedeutet: Erst wenn eine Frau ungeküsst von der Universität gegangen ist, wird sich das geneigte Bauwerk richten. Trübe Aussichten für Symmetrieliebende – wohl aber ein Zeichen dafür, dass es an der Lahn gesellig zugeht. Das liegt nicht zuletzt an der Philipps-Universität, der ältesten noch bestehenden protestantischen Hochschule der Welt. Die ist im hessische Oberzentrum geradezu omnipräsent. „Dem Marburger geht es gut, wenn er ein Haus, eine Ziege und einen Studenten hat“ , lautet eine weitere Weisheit. Vielsagend.

js Marburg. Der Turm der Lutherkirche zu Füßen des Landgrafenschlosses ist krumm wie eh und je. Marburger wissen, was das bedeutet: Erst wenn eine Frau ungeküsst von der Universität gegangen ist, wird sich das geneigte Bauwerk richten. Trübe Aussichten für Symmetrieliebende – wohl aber ein Zeichen dafür, dass es an der Lahn gesellig zugeht. Das liegt nicht zuletzt an der Philipps-Universität, der ältesten noch bestehenden protestantischen Hochschule der Welt. Die ist im hessische Oberzentrum geradezu omnipräsent. „Dem Marburger geht es gut, wenn er ein Haus, eine Ziege und einen Studenten hat“ , lautet eine weitere Weisheit. Vielsagend.

Der Blick vom Schloss über die Lutherkirche zum Rathaus  - und darüber hinaus. Im Hintergrund sind die Türme  der Philfak zu erkennen. Uni-Klinik und Campus Lahnberge sind hinter der Bergkuppe nicht zu erkennen.
  • Der Blick vom Schloss über die Lutherkirche zum Rathaus - und darüber hinaus. Im Hintergrund sind die Türme der Philfak zu erkennen. Uni-Klinik und Campus Lahnberge sind hinter der Bergkuppe nicht zu erkennen.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Ein direkter Vergleich zur Uni Siegen muss unfair erscheinen – während sich die junge NRW-Hochschule auf ihr 50-Jahre-Jubiläum vorbereitet, stehen die Hessen bereits kurz vor dem 500-Jährigen. Hier wurde die Uni in der Peripherie geschaffen, dort entstand sie mittendrin auf Geheiß des Landgrafen. Marburg entwickelte sich organisch mit und um die Uni herum. „Andere Städte haben eine Universität, Marburg ist eine“, ist noch so eine Weisheit. Doch auch Siegen möchte seinem Beinamen „Universitätsstadt“ mehr und mehr gerecht werden. Die Hochschule kommt auch hier in die Stadt – und kann von „alten Hasen“ wie Marburg lernen.

"Die ganze Stadt besteht aus Uni"

Die Jurastudenten Yvonne Schmidl und Jerome Klein genießen die sonnige Pause auf den Sitzstufen am Lahnufer vor der Mensa.
  • Die Jurastudenten Yvonne Schmidl und Jerome Klein genießen die sonnige Pause auf den Sitzstufen am Lahnufer vor der Mensa.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

23.500 Studenten (es waren sogar schon mal mehr) plus 10.000 Mitarbeiter an Uni und Klinikum auf rund 75.000 Einwohner, 120 Hochschulgebäude über die Stadt verteilt: Die Marburger Zahlenrelationen sprechen für sich. „Fast die ganze Stadt besteht aus Uni“, lacht Jurastudentin Yvonne Schmidl (21) bei der Mittagspause auf den Lahnuferstufen vor der Mensa. Sie freut sich wie Kommilitone Jerome Klein (24) über das Leben in der Stadt, das gerade aus dem Lockdown erwacht. Die zahlreichen Cafés und Kneipen – oft mit studentischem Personal – laden wieder ein. „Wohin man geht, man trifft Freunde und Bekannte“, sagt der gebürtige Ruhrpottler.

Lange Zeit stärkster Wirtschaftsfaktor

Die alte Uni-Bibliothek (rechts) hat ausgedient. Noch im Betrieb sind die Türme der Philfak - aber auch sie sind in die Jahre gekommen. Nicht nur die Lage zwischen Stadtautobahn und Eisenbahnlinie ist problematisch.
  • Die alte Uni-Bibliothek (rechts) hat ausgedient. Noch im Betrieb sind die Türme der Philfak - aber auch sie sind in die Jahre gekommen. Nicht nur die Lage zwischen Stadtautobahn und Eisenbahnlinie ist problematisch.
  • Foto: Jan Schäfer
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

Die Uni ist im Herzen Marburgs gewachsen, war lange Zeit der stärkte Wirtschaftsfaktor – bis die Pharmabranche (neuester Clou: die Impfstofffabrik von Biontech) aufholte. Mitte des 20. Jahrhunderts war es eng geworden in den Uni-Gebäuden. Verwaltung und Hörsaalgebäude wurden errichtet, es folgten Mensa und die Türme der Geisteswissenschaften („Philfak“) am Stadtrand, aber noch immer in fußläufiger Nähe zur City. Steigende Studentenzahlen machten damals große Neubauten nötig – außer Sichtweite in den drei Kilometer entfernten Lahnbergen. Seither lebt die Uni Marburg mit zwei Standorten.

Die neue Uni-Bibliothek wurde bewusst zentral gebaut.

Neue Ausrichtung bei Campusplanungen

Heute würde man anders vorgehen, und genau das wird auch gemacht. Nach der Jahrtausendwende kam neuer Schwung in die Campusplanungen. Das Universitätsklinikum wurde privatisiert, in der Folge zogen zahlreiche Fachkliniken aus der Nordstadt in die Berge. Das bringt neue Freiheiten: Die freigezogenen Immobilien werden nach und nach aus- und umgebaut zum Campus Firmanei, der eines Tages die Zentrale der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sein soll. Herzstück des akademischen Viertels ist die moderne neue Universitätsbibliothek, die vor drei Jahren bewusst zentral neben dem Alten Botanischen Garten und damit am Tor zur Innenstadt errichtet wurde.

Marburg ist topografisch übrigens nicht minder herausfordernd als Siegen. Wer die Höhenunterschiede meistern möchte, muss jedoch nicht zwingend fit wie ein Turnschuh sein. Öffentliche Aufzüge sind seit Jahrzehnten Teil der Infrastruktur. Auch in Marburg ist die Uni stärkste Schubkraft für die Verkehrswende: Das Auto hat kaum Platz und wenig Chancen; per Bus, zu pedes oder per Rad läuft’s am besten. Und man trifft sich.

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Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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