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Leipzigs Oberbürgermeister zum Tag der deutschen Einheit
„Wer soll das bitte sein – Wessi, Ossi?“

„Ohne den 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Menschen das SED-Regime friedlich in die Knie zwangen, hätte es auch keinen 9. November in Berlin und damit keine Wiedervereinigung gegeben. Dass Zehntausende damals in der DDR ihre Furcht überwunden haben und für Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße gegangen sind, das sollte uns mit Stolz erfüllen“, so Leipzigs heutiger Oberbürgermeister Burkhard Jung.
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  • „Ohne den 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Menschen das SED-Regime friedlich in die Knie zwangen, hätte es auch keinen 9. November in Berlin und damit keine Wiedervereinigung gegeben. Dass Zehntausende damals in der DDR ihre Furcht überwunden haben und für Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße gegangen sind, das sollte uns mit Stolz erfüllen“, so Leipzigs heutiger Oberbürgermeister Burkhard Jung.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ch Leipzig. Ja, dieser 3. Oktober 2020 ist ein besonderer „Tag der Deutschen Einheit“. Vor genau 30 Jahren wurde aus zwei deutschen Staaten wieder ein Land. Burkhard Jung, gebürtiger Gosenbacher, war damals Lehrer am „EVAU“, also am evangelischen Gymnasium in Weidenau. Dann wechselte er „rüber“, baute in Leipzig ein Schulzentrum in kirchlicher Trägerschaft mit auf. Und startete seine Karriere in der Verwaltung der ostdeutschen Großstadt. Im Interview mit der Siegener Zeitung spricht der heutige Oberbürgermeister Leipzigs – mit sozialdemokratischen Parteibuch – darüber, wie er die Einheit im Jahr 1990 erlebt hat und heute erlebt, welche Erwartungen es in der Politik und auch in der Bevölkerung gab.

ch Leipzig. Ja, dieser 3. Oktober 2020 ist ein besonderer „Tag der Deutschen Einheit“. Vor genau 30 Jahren wurde aus zwei deutschen Staaten wieder ein Land. Burkhard Jung, gebürtiger Gosenbacher, war damals Lehrer am „EVAU“, also am evangelischen Gymnasium in Weidenau. Dann wechselte er „rüber“, baute in Leipzig ein Schulzentrum in kirchlicher Trägerschaft mit auf. Und startete seine Karriere in der Verwaltung der ostdeutschen Großstadt. Im Interview mit der Siegener Zeitung spricht der heutige Oberbürgermeister Leipzigs – mit sozialdemokratischen Parteibuch – darüber, wie er die Einheit im Jahr 1990 erlebt hat und heute erlebt, welche Erwartungen es in der Politik und auch in der Bevölkerung gab. So bilanziert er drei Jahrzehnte deutsche Wiedervereinigung aus einem speziellen Blickwinkel, nämlich als „Ostdeutscher aus Überzeugung“.
Herr Jung, wie und wo haben Sie vor
30 Jahren den ersten Nationalfeiertag, den Tag der Einheit, verbracht?

  • Ganz unspektakulär habe ich den Tag in Ferndorf verbracht und habe diesen Moment abends vor dem Fernseher verbracht.

Und wo und wie werden Sie an diesem Samstag den Feiertag begehen?

  • In den vergangenen Jahren war ich als Leipziger Oberbürgermeister immer von Botschaftern der Bundesrepublik in die jeweiligen Auslandsvertretungen eingeladen worden, zum Beispiel in Israel, Südkorea oder Houston. Wir haben dort den Tag der Deutschen Einheit gefeiert, mit vielen Gästen aus der deutschen Community vor Ort und auch mit Vertretern des Gastlandes. Im vergangenen Jahr zum Beispiel waren wir mit einer großen Delegation in Bukarest und haben dort auch eine Ausstellung zum Thema Herbst 89 gezeigt. Wegen Corona fällt das in diesem Jahr alles aus. Ich werde den 3. Oktober daher das erste Mal seit Jahren vor allem privat verbringen.

Denken Sie, dass die Einheit inzwischen in den Köpfen aller angekommen ist?

  • Ja, das ist sie. Wer heute 30 ist, kennt nur ein geeintes Deutschland. Selbst wer 40 Jahre alt ist, hat kaum echte Erinnerungen an Mauer und Stacheldraht. Es gibt zwar immer noch einige Menschen aus den alten Ländern, die noch nie in Leipzig, Erfurt, Rostock oder Schwerin waren. Aber das gegenseitige Interesse aneinander ist – Gott sei Dank – in den vergangenen Jahren stark gewachsen.

Sind Sie, als „Westler”, der in den Osten gegangen ist, um etwas zu bewegen, die immer noch ständigen Ost-West-Zuschreibungen eigentlich leid?

  • Leipzig ist wahrscheinlich die erste gesamtdeutsche Stadt – wenn man vom Berliner Sonderstatus einmal absieht. Die Unterscheidung zwischen Ost und West begegnet einem hier kaum noch. Wer soll das bitte auch sein – Wessi, Ossi? Muss man in dem jeweiligen Gebiet geboren sein? Aufgewachsen sein? Ist eine 20-Jährige, die in Jena geboren wurde, eine „Ostlerin“? Und wie unterscheidet die sich von einem Altersgenossen aus Siegen? Ist ein 62-Jähriger, der vor 29 Jahren nach Leipzig gekommen ist, ein Westdeutscher, nur weil er zum Beispiel in Siegen geboren wurde?

Haben Sie sich nicht mal als „ostdeutsch” bzw. als „Ostdeutscher aus Überzeugung“ bezeichnet? Warum?

  • Man kann in seiner Arbeit einen Fokus legen auf ostdeutsche Probleme, die es unbenommen immer noch gibt. Das wirtschaftliche Gefälle ist ja nach wie vor da, auch bei Arbeitszeiten und Gehältern ist es zu spüren. Sich dafür einzusetzen, dass dies 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ein Ende findet, halte ich für sehr gerechtfertigt. Und wer möchte, kann dies als „ostdeutsch“ bezeichnen.
Burkhard Jung ist Oberbürgermeister der Stadt Leipzig.

Gibt es Angleichungen, die Sie auch als Präsident des Deutschen Städtetages gerne anführen? Oder gar ein Zusammenwachsen, wenn ja, in welchen Feldern oder Lebensbereichen?

  • „Es wächst zusammen, was zusammen gehört“ – mit diesem Satz hatte Willy Brandt Recht. Wir hatten zu Anfang nur die Hoffnung, dass es viel schneller gehen würde. Es ist aber eine Generationenaufgabe, die man in Jahrzehnten betrachten muss. Wenn ich die jungen Leute anschaue, die nicht mehr zwischen Ost und West unterscheiden, dann bin ich sehr optimistisch, dass das Zusammenwachsen mit jedem Jahr ein bisschen besser gelingt.

Welche Baustellen sehen Sie dennoch?

  • Wirtschaftlich sehe ich noch immer großen Nachholbedarf. Es gibt im Osten nach wie vor keinen DAX-Konzern mit Stammsitz, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist immer noch spürbar geringer. Gesamtgesellschaftlich ist ohne Zweifel die größte Baustelle die Polarisierung und Angriffe auf die Demokratie; ohne Zweifel erscheint sie im Brennglas im Osten stärker ausgeprägt.

Es gibt auch 31 Jahre nach dem Mauerfall immer wieder Menschen, die die Mauer wieder zurück wollen. Was entgegnen Sie einer solchen Forderung?

  • Ich höre diese – entschuldigen Sie den Ausdruck: völlig blöde – Forderung zum Glück kaum noch. Sie kommt von Menschen, die sich mit unserer Geschichte nicht auseinandergesetzt haben oder nicht wollen. Wir sollten glücklich sein, dass sich vor 31 Jahren diese großartige Chance ergeben hat und wir sie genutzt haben.

Dann anders gefragt: Wie erklären Sie uns „Wessis” demzufolge die Wende als Auslöser für die Wiedervereinigung?

  • Ohne den 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70 000 Menschen das SED-Regime friedlich in die Knie zwangen, hätte es auch keinen 9. November in Berlin gegeben. Dass Zehntausende damals in der DDR ihre Furcht überwunden haben und für Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße gegangen sind, das sollte uns mit Stolz erfüllen. In Ost wie West. Wir leben heute in einem Deutschland, dessen Grundlage der friedliche Bürgerprotest war. Das hat es vorher nie gegeben! Dessen sollten wir uns häufiger bewusst werden.
„Ohne den 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Menschen das SED-Regime friedlich in die Knie zwangen, hätte es auch keinen 9. November in Berlin und damit keine Wiedervereinigung gegeben. Dass Zehntausende damals in der DDR ihre Furcht überwunden haben und für Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße gegangen sind, das sollte uns mit Stolz erfüllen“, so Leipzigs heutiger Oberbürgermeister Burkhard Jung.
Burkhard Jung ist Oberbürgermeister der Stadt Leipzig.
Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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