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Buch: "Die Vögel des Siegerlandes"
Wertvolle Sammlung für Naturschützer

Klarer Verlierer der Landschaftsveränderung: das Braunkehlchen.
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goeb Siegen. Naturfreunde und Vogelkundler haben lange auf diesen „Wälzer“ gewartet. Fünf Jahre hat das Team um die Hauptautoren Jürgen Sartor, Dr. Hartmut Müller und Klaus Schreiber an dem Mammutprojekt über „Die Vögel des Siegerlandes“ gearbeitet. Ab sofort ist das 784 Seiten starke, fünf Pfund schwere und beim Verlag Vorländer in der üblichen Qualität gedruckte Buch erhältlich. Herausgeber ist der NABU-Kreisverband Siegen-Wittgenstein.
Trupbacher Heide ist ornithologischer HotsportDie SZ traf sich auf der Trupbacher Heide mit Jürgen Sartor, Klaus Schreiber sowie Prof. Dr. Klaudia Witte, die neue 1. Vorsitzende des NABU.

goeb Siegen. Naturfreunde und Vogelkundler haben lange auf diesen „Wälzer“ gewartet. Fünf Jahre hat das Team um die Hauptautoren Jürgen Sartor, Dr. Hartmut Müller und Klaus Schreiber an dem Mammutprojekt über „Die Vögel des Siegerlandes“ gearbeitet. Ab sofort ist das 784 Seiten starke, fünf Pfund schwere und beim Verlag Vorländer in der üblichen Qualität gedruckte Buch erhältlich. Herausgeber ist der NABU-Kreisverband Siegen-Wittgenstein.

Trupbacher Heide ist ornithologischer Hotsport

Die SZ traf sich auf der Trupbacher Heide mit Jürgen Sartor, Klaus Schreiber sowie Prof. Dr. Klaudia Witte, die neue 1. Vorsitzende des NABU. Nicht von ungefähr dort oben: „Die Trupbacher Heide ist der ornithologische Hotspot des Siegerlandes“, sagte der Geisweider Schreiber und blickte dabei augenzwinkernd Jürgen Sartor an. Der Wahlbacher korrigierte lächelnd: „Einer der Hotspots.“
In 261 Artkapiteln werden die Vogelarten – sowohl Brutvögel als auch Durchzügler und Wintergäste – mit Angaben zur Verbreitung, Lebensraum, Bestand und Entwicklung, Fortpflanzung, Zuggeschehen sowie Gefährdung und Schutz vorgestellt.

250 Jahre Vogelkunde

Da kann man nur staunen: Das Buch fasst rund 250 Jahre Vogelkunde in der Region zusammen. Die ältesten Erwähnungen beschäftigten sich schon mit dem Schutz von Arten wie der Nachtigall, die damals durch „Vogelstellerei“ gefährdet war.
Solche Bücher entstehen natürlich nicht aus dem Nichts. Wichtige Meilensteine bilden die Werke des unermüdlichen Wilgersdorfer Ornithologen Artur Franz (†) und Sartor von 1979 sowie Schriften von weiteren Vogelkundlern inklusive Kompendien aus dem 19. Jahrhundert. Die Trupbacher Heide habe man gewählt, weil hier eine ganze Reihe „wertgebender Vogelarten“ vorkommt – noch. Anderswo sind viele Arten ins Schlingern geraten, bedingt durch Flächenfraß, Verödung, intensive Forst- und Landwirtschaft oder durch Klimawandel und Freizeitdruck.

Lebensraum für Arten von der Roten Liste

Auf der Heide, wo sich Wald und Offenland abwechseln, wo früher die Belgier ihre Panzer rollen ließen, teilen sich seltene Rote-Liste-Arten den Raum mit Spaziergängern, Radlern, Joggern und Hundebesitzern. Zwar kann der Lebensraum Heide, ein Lebensraum „aus zweiter Hand“, nur bewahrt werden, indem immer wieder Rohboden freigeschoben und der Ginster beseitigt wird, die Natur dankt es aber. 25 Baumpieper-Reviere finden sich rund um den Kirrberg und elf Brutpaare der Heidelerche. Wenn die könnte, wie sie wollte, kämen genügend Junge nach.

Störende Hunde und Spaziergänger

Doch leider, das bedauerten die Naturschützer zutiefst, werden die meisten Bodenbruten der Lerchen durch stöbernde Hunde uneinsichtiger Spaziergänger zerstört. Dieses Jahr kam nur eine einzige Brut durch. Und damit wären wir mitten in einem der Problemfelder heutiger Naturlandschaften.
Sartor rückte den Fokus ein wenig weg von den Seltenheiten. „Darüber wird vergessen, dass frühere Allerweltsarten, wie beispielsweise Stare, Misteldrosseln oder Wacholderdrosseln, in den letzten Jahren große Probleme bekommen.“

Frühe Rückkehr aus dem Winterquartier

Klaudia Witte vom Institut für Biologie an der Uni Siegen hat in dem Buch Trendlinien für viele Arten anhand von Daten der Vögel von 1960 bis heute erstellt, und zwar hinsichtlich der Erst- und der Letztbeobachtung der Zieher. Ganz auffällig dabei: Zugvogelarten kehren mutmaßlich wegen der Klimaveränderung immer früher aus den Winterquartieren zurück. Einen Rattenschwanz an Schwierigkeiten zieht das nach sich. Was, wenn der heimkehrende Kuckuck in den Nestern seiner Wirtsvögel nicht Eier, sondern Jungvögel vorfindet? Das könnte das Aus dieser Art bedeuten.
Die Vögel, das zeigen die Beispiele Heidelerche und Kuckuck, sind zudem nicht zu unterschätzende Bioindikatoren. Von ihrem Vorkommen oder Fehlen in einem Gebiet lässt sich viel über den Zustand eines Lebensraumes ableiten.

Gewinner und Verlierer

Interessant ist deshalb auch die im Buch aufgeführte Liste der Gewinner und Verlierer seit dem letzten Erscheinen der Vogelfauna 1979. Wertvolle Bachtäler sind verschwunden. Große Bereiche der Talauen wie z. B. im Ferndorftal bei Kreuztal oder im Siegtal sind heute bebaut.
„Die großen Verlierer sind vor allem die Vogelarten der offenen Landschaft“, betonte Schreiber: Rebhuhn, Kiebitz und Bekassine etwa, Feldlerche, Neuntöter, Sumpfrohrsänger, Braunkehlchen, Wiesenpieper, Bluthänfling und Rohrammer. Manche sind ausgestorben, manche überleben im Siegerland nur noch in Schutzgebieten.
Und wer weiß: Wenn immer mehr Fichten dem Borkenkäferfraß zum Opfer fallen, könnte man in einigen Jahren nostalgisch an Haubenmeise, Tannenmeise, Sperlingskauz, an die Goldhähnchenarten oder auch an den Buchfink zurückdenken, die dann womöglich die Rote Liste verlängern.

Appell an die Politik

Das Buch, das durch Eigenmittel des NABU und Spenden auf einem sensationell niedrigen Preis gehalten werden konnte, und das neben viel Wissenvermittlung wunderschöne Fotos enthält, ist ein großer Wurf. Die Autoren verstehen es auch als Aufforderung an die Politik, mehr für die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu tun. 
Jürgen Sartor, Hartmut Müller, Klaus Schreiber und Mitarbeiter haben „Die Vögel des Siegerlandes“ verfasst. Es besitzt 784 Seiten (etliche Daten aus 2020 wurden noch eingearbeitet), 293 Fotos, 281 Diagramme, 247 Tabellen, 111 Verbreitungskarten, 81 Trendlinien-Grafiken und 24 flächenbezogene Bestandserfassungen. Herausgeber ist der Naturschutzbund Deutschland: Kreisverband Siegen-Wittgenstein. Das Buch kann beim NABU Siegen-Wittgenstein (www.nabu-siwi.de) und im Buchhandel erworben werden und kostet 29,95 Euro.

Kommentar: Wir alle müssen unsere Natur besser schützen Das sechste Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt, heißt ein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch von Elisabeth Kolbert, in dem das derzeitige weltweite Massensterben der Tier- und Pflanzenarten thematisiert wird. Einen solchen Preis möchte man auch den Autoren dieses Meilensteins gönnen. Fünf Jahre Arbeit haben sie in „Die Vögel des Siegerlandes“ gesteckt – aus Liebe zur Natur und aus Verantwortungsgefühl. Und ihre Arbeit baut wiederum auf Daten im sechsstelligen Bereich früherer Naturfreunde auf. Man kann diese Grundlagenarbeit nicht hoch genug bewerten. „Es ist unsere Verantwortung, dass diese Daten aufgenommen und weitergegeben werden“, fasste es Prof. Witte auf der Trupbacher Heide in Worte. Für die Naturschützer von morgen sind sie von unschätzbarem Wert. Gleichzeitig verstehen die Autoren und Herausgeber ihr Buch als einen Arbeitsauftrag an die Politik, endlich mehr zu tun für die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt. Der Ort der Buchvorstellung war nicht zufällig ausgewählt. Im Kleinen zeigt sich nämlich das Große. Zwar gibt es ein fertig vorliegendes Besucher-Leitkonzept der Uni für die Trupbacher Heide als einem der wertvollsten Lebensräume des Siegerlandes, aber die Politik setzt es nicht um. Stattdessen erlebt das Gelände jeden Sommer eine wahre Invasion von Freizeit-Touristen mit Barbecue und Stereo. Und viele lassen ihre Hunde auf dem Gelände frei laufen. Das kostet die Bodenbrüter – Rote-Liste-Arten allesamt – im Frühling und im Sommer regelmäßig ihren Bruterfolg. Und wenn man die Betreffenden darauf anspricht, wird noch mit Schläge gedroht. a.goebel@siegener-zeitung.de
Klarer Verlierer der Landschaftsveränderung: das Braunkehlchen.
Klaus Schreiber, Prof. Dr. Klaudia Witte und Jürgen Sartor (v.l.) vom Naturschutzbund Deutschland stellten auf der Trupbacher Heide das neue Werk "Die Vögel des Siegerlandes" vor.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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