»Wertvollste sozialpolitische Tat«

Hallenbad Weidenau vor 50 Jahren eröffnet / 407000 Schwimmer in zwei Jahren

mir Weidenau. Vor exakt 50 Jahren waren die Weidenauer nicht nur stolz, sie jubilierten ob einer besonderen Errungenschaft: Am 4. November 1956 eröffnete das neu erbaute Hallenbad am Bismarckplatz. Von der »wertvollsten sozialpolitischen Tat« der vergangenen Jahrzehnte war bei der großen Einweihungsfeier die Rede. Weidenau dachte inmitten seines Aufstrebens zur Stadt an seine Jugend, wollte den Bürger nach dem baulichen Verfall des alten Freibads etwas bieten. Natürlich auch in Konkurrenz zum »großen Nachbarn« Siegen, aber auffallend freundlich gegenüber den Geisweidern. Ja, deren großes Freibad wurde als sinnvolle Ergänzung gepriesen. Ob sich da schon mehr anbahnte? Etwa die spätere »Fusion« zur Stadt Hüttental?

Wie dem auch sei, betont feierlich ging die Bad-Eröffnung an diesem 4. November vonstatten: Oberkreisdirektor Dr. Moning und Dutzende Honoratioren hockten auf Stühlen am Beckenrand, hielten Reden. Mit im Mittelpunkt der »glanzvollen Veranstaltung«, wie die Siegener Zeitung damals schrieb, stand das »Aufschwimmen der Schuljugend«. Es sollte sinnfällig die edlen Motive dokumentieren, denen der Bau zugrunde lag: Von der Volksgesundheit war die Rede, das Bad sollte »jung und alt fröhlich machen«. Zugleich stelle es eine gute Gelegenheit zur sinnvollen Freizeitgestaltung dar im Zeichen »der kommenden 45-Stunden-Woche«. Nicht 35! 1,4 Mill. DM kostete der Neubau, an dem 18 Monate gewerkelt wurde. Seine klare, äußere Form mit altdeutschem Kellenputz fand viel Lob, von anheimelndem Stil war die Rede.

Erwähnung fanden aber auch die zweckvolle Einrichtung und als »Clou« eine Milchbar mit Blick auf den Bismarckplatz, dazu am Treppenaufgang ein großes Aquarium für Warmwasserfische. Der damalige Deutsche Kraulmeister Manfred Fugger-Herringen war einer der ersten Schwimmer am Eröffnungstag und erzielte einen Hallenrekord von 58,5 Sekunden über 100 m Kraul. Aber auch fürs Auge gönnten sich die Weidenauer etwas, etwa »Reigenspiele der Neuwieder Nixen« und »humoristisches Springen«, wie der Chronist verzeichnete.

60 Pfennig Eintritt

Die Eintrittspreise anno 1956 konnten sich sehen lassen: 60 Pfennig, für Kinder nur die Hälfte, die Zehnerkarte kostete 5 DM (Kinder 2 DM). Eine der modernsten Badeanlagen in Westfalen war entstanden. Geradewegs ein Projekt in Boomzeiten. An die 60 Hallenbäder entstanden bundesweit in jenen Jahren, wie die Deutsche Gesellschaft für Badewesen meldete.

Knatsch gab es im Vorfeld dennoch: Der Weidenauer Rat hatte sich entschlossen, den markanten Neubau ohne Beteiligung der heimischen Architektenschaft durchzuführen. Der Bund Deutscher Architekten protestierte deshalb, »keiner der hiesigen Architekten habe bereits einmal ein Hallenbad gebaut«. Ergänzung in einem SZ-Artikel: »Aber der für die Bearbeitung des Planes vorgesehene Baubeamte auch noch nicht.« Mit einem offenen Brief zog man zu Felde gegen die Verbeamtung, gegen die Überspannung der Verwaltungstätigkeit im Bauwesen.

Asbestsanierung und Krebsfälle

Das Gemeindebauamt Weidenau zeichnete verantwortlich, orientierte sich als Vorbild am Hallenbad in Wanne-Eickel. Um der schlechten Schallentwicklung zu begegnen, wurden die Innenwände mit einem neuartigen Akustik-Asbest-Spritz-Putz versehen. Niemand ahnte damals, welche Folgekosten durch Asbest später entstehen sollten. 1992 musste das Bad wegen hochgradiger Asbestverseuchung für 20 Monate geschlossen werden. Die Sanierung verschlang nicht weniger als 3,4 Mill. DM. 1997 gab es erneut Aufregung: sieben Krebsfälle bei Bad-Bediensteten. Ein Zusammenhang mit der Asbest-Verseuchung machte die Runde, die Behörden dementierten dies.

Der Badebetrieb jedenfalls lief in den Anfangsjahren auf vollen Touren. 1957 im September war von durchschnittlich über 820 Badegästen pro Tag die Rede. Konnten früher nur 20 Prozent eines Schulentlassjahrgangs schwimmen, so schnellte die Quote jetzt auf 90 Prozent hoch. Im TuS AdH Weidenau organisierte sich eine eigene Schwimmabteilung, 1961 fand der erste Wettkampf gegen Schwimmfreunde aus Plettenberg, Werdohl, Altena und Lünen statt.

1958, also zwei Jahre nach Eröffnung, hatte das Hallenbad nicht weniger als 407000 Badegäste erlebt. Eine enorme Zahl. Aber auch in den 70er und 80er Jahren stand das Bad in voller Blüte, zumal 1975 ein zweites Becken hinzugekommen war. 130000 bis 140000 Besucher per anno waren die Regel. Highlights gab es noch etliche, etwa das 24-Stunden-Schwimmen im Jahr 2000: 1000 Schwimmer kamen auf 1447 Schwimmkilometer; jede Bahn brachte 50 Pfennig Spendengeld für die MS-Kranken.

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