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So tödlich ist das Virus
Wie Corona die Sterblichkeit ansteigen lässt

ihm Siegen. Am 26. März 2020 starb der erste Mensch in Siegen-Wittgenstein an Corona. Seitdem sind hier 147 Covid-Todesfälle zu beklagen, im deutlich kleineren Kreis Olpe sind es 140. Sind die Sterbezahlen durch Corona auch statistisch gestiegen? Anders gefragt: Lässt sich die Aktivität des Virus an den Sterbezahlen ablesen? Wenn das nicht so wäre – sind dann nicht die scharfen Einschränkungen des öffentlichen Lebens vollkommen überzogen, weil ohnehin so viele Menschen sterben wie sonst?

Virologen, Statistiker und die Politik diskutierten den Begriff der „Übersterblichkeit“ sehr kontrovers. Unter Übersterblichkeit versteht man das Überschreiten der statistisch zu erwartenden Todesfallzahlen.
Das statistische Landesamt NRW hat eine überraschende Auswertung veröffentlicht.

ihm Siegen. Am 26. März 2020 starb der erste Mensch in Siegen-Wittgenstein an Corona. Seitdem sind hier 147 Covid-Todesfälle zu beklagen, im deutlich kleineren Kreis Olpe sind es 140. Sind die Sterbezahlen durch Corona auch statistisch gestiegen? Anders gefragt: Lässt sich die Aktivität des Virus an den Sterbezahlen ablesen? Wenn das nicht so wäre – sind dann nicht die scharfen Einschränkungen des öffentlichen Lebens vollkommen überzogen, weil ohnehin so viele Menschen sterben wie sonst?

Virologen, Statistiker und die Politik diskutierten den Begriff der „Übersterblichkeit“ sehr kontrovers. Unter Übersterblichkeit versteht man das Überschreiten der statistisch zu erwartenden Todesfallzahlen.
Das statistische Landesamt NRW hat eine überraschende Auswertung veröffentlicht. Danach starben im Februar 2021 deutlich weniger Menschen als im Januar oder im Dezember – obwohl Corona nach wie vor das Land im Griff hat. 17 101 Tote wurden im Februar gezählt gegenüber 21 290 im Januar. Das ist ein Rückgang um 20 Prozent. Entspannt sich die Lage also?

Zahlen allein sagen nicht genug

Auch der Kreis Siegen-Wittgenstein meldet einen deutlichen Rückgang der Todeszahlen: 328 Gestorbene im Januar, 254 im Februar. Anders sieht es im Kreis Olpe aus: 137 Tote im Januar, 141 im Februar. Die Zahlen allein sagen nicht genug. Warum sterben mehr oder weniger Menschen? An Erklärungsmodellen für den landesweiten Rückgang der Sterbezahlen mitten in der Pandemie mangelt es nicht. Ganz simpel: Der Februar ist kürzer als der Januar. Da könnte der Vergleich mit den Februardaten aus den vergangenen Jahren helfen. In NRW starben im Februar 2020, also noch vor dem Corona-Ausbruch, 17 540 Menschen – über 500 mehr als im Corona-Monat Februar 2021. Auch im Kreis Siegen-Wittgenstein sind 254 Tote vergleichsweise wenig – seit 2015 ist das der zweitniedrigste Februar-Wert.

Von einer Übersterblichkeit kann also im Februar keine Rede sein. Statistiker wissen allerdings, dass bei relativ niedrigen Fallzahlen die Abweichungen recht groß sein können. Deswegen richten sie am liebsten den Blick auf längere Zeiträume.

Übersterblichkeit im Vergleich der letzten sechs Jahre

Für die Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe zeigt sich tatsächlich eine Übersterblichkeit, wenn man die vergangenen sechs Jahre betrachtet. Der Vergleich der zwölf Monate von März bis zum Februar des Folgejahres ist hier besonders interessant, weil dann 2020/21 ein komplettes „Corona-Jahr“ betrachtet wird. 3472 Tote gab es seit März 2020 in Siegen-Wittgenstein, in Olpe 1618. Beide Zahlen markieren das Maximum der vergangenen sechs Jahre. In Siegen-Wittgenstein gab es im Corona-Jahr 198 Tote mehr als im Schnitt der vorherigen fünf Jahre, in Olpe waren es 109. Die Übersterblichkeitsrate beträgt 6 bzw. 7 Prozent.

Zieht man die bestätigten Corona-Toten ab, läge die Sterblichkeit in Siegen-Wittgenstein etwas über dem Durchschnitt, in Olpe sogar darunter. Andererseits: Es gibt womöglich Corona-Tote, die gar nicht erfasst sind. Nur eine Obduktion könnte letztlich den Nachweis bringen.
Erwiesen ist damit immer noch nicht die Ursache für diesen Anstieg. Ist das wirklich Corona oder spielen andere Faktoren eine Rolle? Denkbar wären zum Beispiel:

  • Die Hitzewelle im August 2020: die Todeszahlen stiegen in NRW und in ganz Deutschland im August signifikant an – vermutlich kein Corona-Effekt.
  • Die steigende Lebenserwartung: Es gibt immer mehr ältere Menschen, und deren Sterberisiko ist ohnehin größer. In den USA mit einer jüngeren Bevölkerung und hohen Corona-Infektionszahlen zeigte sich kaum eine Übersterblichkeit. Wissenschaftler Dr. Sebastian Klüsener vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB): „Das bedeutet, dass das Auftreten einer hohen Zahl von Infektionsfällen nicht automatisch zu hoher Übersterblichkeit führen muss.“
  • Der Lockdown selbst: Man vermutet, dass kranke Menschen in dieser Zeit seltener und später zum Arzt gehen und dadurch die Todesrate zum Beispiel durch Schlaganfall oder Herzinfarkt gestiegen ist. Auch Operationen wurden verschoben – der Effekt auf die Gesundheit lässt sich kaum abschätzen.
  • Psychische Ursachen: Einsamkeit und Isolation können zu psychischen Störungen bis hin zum Suizid führen. Zahlen dazu liegen aber noch nicht vor.
  • Es gibt auch Effekte, die die Sterblichkeit vermutlich gesenkt haben. Wieder der Lockdown: Durch die Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen gab es weniger Ansteckungen mit anderen Infekten, es gab auch weniger Verkehrsunfälle und weniger Gewaltverbrechen. Welche Auswirkungen die Coronamaßnahmen letztlich auf die Sterblichkeit hatten, lässt sich kaum statistisch messen. Wie viele Menschen wären zusätzlich gestorben, wenn es keinen Lockdown gegeben hätte? Das weiß niemand.
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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