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Impfen gegen Corona
Wie es anfängt - und wie es weitergeht

Die Handhabung des Impfstoffes ist nicht ganz einfach.
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ihm Weidenau. Als die Glocken der St.-Josefskirche kraftvoll zum Gottesdienst riefen, hatten die ersten 20 Bewohner des Marienheims in Weidenau schon ihre Corona-Impfung erhalten. Manche erschienen mit ihrem Rollator sogar vor dem Frühstück am Impfraum im Erdgeschoss: „Dann habe ich es hinter mir!“
106 Bewohner lassen sich impfenHeimleiter Jörg Boenig organisierte die größte Impfaktion, die das Heim je gesehen hat, mit Ruhe und Übersicht. 116 Bewohner leben im Marienheim, davon sind sechs allerdings zurzeit im Krankenhaus. Von den 110 Anwesenden haben sich 106 zur Impfung bereiterklärt – 96,3 Prozent Zustimmung! „Das ist eine tolle Quote, da hatten wir nicht mit gerechnet“, freut sich Boenig.

ihm Weidenau. Als die Glocken der St.-Josefskirche kraftvoll zum Gottesdienst riefen, hatten die ersten 20 Bewohner des Marienheims in Weidenau schon ihre Corona-Impfung erhalten. Manche erschienen mit ihrem Rollator sogar vor dem Frühstück am Impfraum im Erdgeschoss: „Dann habe ich es hinter mir!“

106 Bewohner lassen sich impfen

Heimleiter Jörg Boenig organisierte die größte Impfaktion, die das Heim je gesehen hat, mit Ruhe und Übersicht. 116 Bewohner leben im Marienheim, davon sind sechs allerdings zurzeit im Krankenhaus. Von den 110 Anwesenden haben sich 106 zur Impfung bereiterklärt – 96,3 Prozent Zustimmung! „Das ist eine tolle Quote, da hatten wir nicht mit gerechnet“, freut sich Boenig. Beigetragen zur großen Impfbereitschaft hat sicher eine intensive Aufklärung – auch der Angehörigen.

Keine ganz einfache Handhabung

Um 6.30 Uhr am Sonntagmorgen fuhr der Kleintransporter vor dem Marienheim vor, der die wertvolle Fracht geladen hatte. Eine Transportkiste – ähnlich wie ein Pizzakarton – wurde ausgeladen. Dr. Thomas Gehrke, Leiter des Impfzentrums Siegen-Wittgenstein, und die Heimärzte Dr. Florian Becher und Dr. Michael Klock nahmen die Kiste in Empfang. Gekommen war auch Kreisvertrauensapotheker Dr. Gero von Fircks, denn so ganz einfach ist die Handhabung des Impfstoffs nicht.
Immerhin enthält die Transportkiste nicht nur die Fläschchen mit dem Serum, sondern auch die Spritzen und Kanülen sowie die Kochsalzslösung, mit der der Impfstoff aufbereitet werden muss. Die Zahl der Fläschchen war übrigens eine Überraschung. Gerechnet hatte man mit 24. Warum eines fehlte, weiß niemand.
Das im Vorfeld so heiß diskutierte Thema Kühlung ist unterdessen längst nicht mehr so brisant. Fünf Tage, so Dr. Gehrke, überstehe das Serum auch bei gemäßigten Temperaturen. Selbst bei Zimmertemperatur kann es eine Zeitlang liegenbleiben.

Richtiger Schwung wichtig

Ein Fläschchen enthält 0,55 Milliliter Impfstoff. Zugefügt werden müssen 1,8 Milliliter Kochsalzlösung. Und dann kommt es auf den richtigen Schwung an. Dr. Gero von Fircks erklärt: „Man darf nicht schütteln und nicht rühren. Locker aus dem Handgelenk hin- und herbewegen muss man das Fläschchen. Zehnmal vor dem Zufügen der Kochsalzlösung, zehnmal danach.“
Dann wird mit der Kanüle die Impfdosis aus dem Fläschchen gezogen. Alles streng aseptisch. 0,3 Milliliter werden gespritzt. Aus einem Fläschchen von 2,35 Millilitern können rechnerisch also sieben Impfdosen gewonnen werden. Der Hersteller erlaubt in Deutschland aber nur fünf Portionen. Dr. Klock: „Wir hoffen darauf, dass bald wenigstens sechs Tranchen genehmigt werden.“

Zweite Impfung nach drei Wochen

Erika Löwer (95) wird als erste an diesem Morgen geimpft. Sie weiß genau, dass sie in drei Wochen noch einmal dran ist. Dann nämlich sollen die Abwehrkräfte mit einer zweiten Dosis Impfstoff so richtig auf Trab gebracht werden. Mindestens 21 und höchstens 28 Tage dürfen zwischen der ersten und der zweiten Impfung liegen. Was passiert, wenn jemand in der betreffenden Woche einen heftigen Infekt hat? Dr. Gehrke: „Dann geht es nicht, dann ist die erste Impfung leider verloren. Aber wir gehen heute davon aus, dass ein leichter Infekt kein Hinderungsgrund für die Impfung ist.“

Blutung unwahrscheinlich

Im Marienheim geht es nun Schlag auf Schlag. Die Bewohner geben sich die Klinke in die Hand. Ein kurzes Gespräch mit dem Arzt, die Unterlagen werden gesichtet, dann kommt der Piks in den Oberarmmuskel. Auch Bewohner mit Blutgerinnungsstörung werden geimpft. Die Kanüle ist recht dünn, da ist die Gefahr von Blutungen gering. „Feste drücken!“, gibt Dr. Becher seinen Patienten mit auf den Weg.

Schutz erst nach der zweiten Impfung

Wer geimpft ist, darf gleich wieder in sein Zimmer. Eine Viertelstunde lang schauen die Altenpflegerinnen genauer nach den Impflingen. Aber niemand zeigt kritische Reaktionen.
Kurz nach 15 Uhr ist es geschafft. Das Impfteam hat 89 Bewohner und 16 Mitarbeiter des Marienheims geimpft. Zehn Portionen des Serums liegen noch im Kühlschrank für die Bewohner, die sich am Sonntag nicht wohl gefühlt haben oder die in den nächsten Tagen aus dem Krankenhaus zurückkehren. Dr. Gehrke: „Wir wollen ja nichts verfallen lassen. Was wir haben, wird auch verimpft.“
Bis sie wirklich aufatmen können, müssen Heimleiter Jörg Boenig und seine Mitarbeiter, aber auch Hans-Jürgen Winkelmann als Geschäftsführer der Marien-Gesellschaft noch drei Wochen warten. Erst nach der zweiten Impfung sind die hochbetagten Bewohner, denen eine Infektion mit dem Coronavirus so sehr zusetzen würde, geschützt. Und dann kann im Marienheim wieder ein Stück Normalität einkehren.

Wie es im Kreis weitergeht Am Montag wird es voraussichtlich keine Impfstofflieferung für Westfalen-Lippe geben. Am Dienstag erwartet man die nächste Fracht im Kreis Siegen-Wittgenstein, dann wird es mit der Impfung in den Altenheimen weitergehen. Große Häuser wie Haus Elim in Bad Laasphe-Oberndorf und das Haus an der Weiß in Niederdielfen stehen weit oben auf der Liste. Nicht geimpft werden kann in Einrichtungen, in denen es zu einem Corona-Ausbruch gekommen ist. Dazu gehören das Altersheim Freier Grund in Neunkirchen, aber auch das Fliednerheim in Siegen. Am 4. Januar, so hofft Hans-Jürgen Winkelmann, Geschäftsführer der Marien-Gesellschaft, kann das Impfzentrum im St.-Marien-Krankenhaus seine Arbeit aufnehmen. „Wir haben 1300 Impfdosen bestellt und gehen von 70 Prozent Impfbereitschaft aus.“ Die Mitarbeiter des Krankenhauses, der Altenheime, Kindergärten und aller anderen Einrichtungen, die zur Gesellschaft gehören, werden an der Kampenstraße geimpft. Auch die anderen Krankenhäuser stehen ganz oben auf der Impfliste. Etwa am 15. Januar soll dann das Impfzentrum des Kreises Siegen-Wittgenstein an der Eiserfelder Straße seine Arbeit aufnehmen. Der ärztliche Leiter Dr. Thomas Gehrke geht davon aus, dass zunächst zwei der sechs Impfstraßen in Betrieb gehen. „Wir müssen das ja auch erst einüben.“ Dann kommen alle Bewohner des Kreises an die Reihe, die 80 Jahre und älter sind. Sie rufen die Telefonnummer 116 117 an, um einen Termin zu vereinbaren. Genauer: Sie bekommen die Daten für beide Impfungen. Allerdings ist jetzt noch keine Terminvereinbarung möglich. Dr. Gehrke appelliert an die Impflinge: „Bitte bringen Sie ihren Impfausweis mit! Das ist ein wichtiges Dokument für uns.“ Wer seinen Impfausweis nicht zur Hand hat, wird aber auch geimpft. Er bekommt ein Dokument, auf dem Impfdatum, Impfstoff und sogar die Produktions-Charge stehen. Denn die zweite Impfung muss aus derselben Charge erfolgen wie die erste. Wenn alle sechs Impfstraßen laufen, können in Eiserfeld 1500 Menschen pro Tag geimpft werden. Bestellt und geliefert wird der Impfstoff „just in time“. Wenn angekündigte Impfaspiranten nicht kommen und man am Ende des Tages Impfstoff übrig hat, gibt es auch einen Plan. Gehrke: „Dann rufen wir die Feuerwehr an und impfen die Rettungskräfte. Wir wollen keinen Impfstoff verfallen lassen.“
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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