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"Schwere Bedrohung für Nachkriegsgenerationen"
Wie kommen Jugendliche durch die Pandemie?

Wie die Generationen "Z" und "Alpha" durch die Pandemie kommen, wird sich erst noch zeigen.
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sabe Siegen. Sie waren im Aufbruch, als die Welt zum Stillstand kam. Die Pandemie hat die Pläne vieler Jugendlicher zunichtegemacht. Aus Freiheit wird Frust, der Blick in die Zukunft ängstigt, vertreibt die junge Unbefangenheit, nimmt Motivation und Antrieb – so prognostizieren es Fachleute. Wie ist das, wenn das Leben gerade so richtig losgehen soll, Abschluss, Abiball, Australien, und dann drückt ein Virus auf Pause? Die SZ hat mit Entwicklungspsychologin Dr. Ina Faßbender von der Uni Siegen darüber gesprochen, was ein Pandemie-Jahr für ein ganzes Leben bedeutet.
Frau Faßbender, wie sehr verändert Corona den Charakter von jungen Menschen?
Das kommt darauf an.

Worauf?
Wie die Pandemie bzw. die Lockdown-Maßnahmen von den jungen Menschen wahrgenommen werden.

sabe Siegen. Sie waren im Aufbruch, als die Welt zum Stillstand kam. Die Pandemie hat die Pläne vieler Jugendlicher zunichtegemacht. Aus Freiheit wird Frust, der Blick in die Zukunft ängstigt, vertreibt die junge Unbefangenheit, nimmt Motivation und Antrieb – so prognostizieren es Fachleute. Wie ist das, wenn das Leben gerade so richtig losgehen soll, Abschluss, Abiball, Australien, und dann drückt ein Virus auf Pause? Die SZ hat mit Entwicklungspsychologin Dr. Ina Faßbender von der Uni Siegen darüber gesprochen, was ein Pandemie-Jahr für ein ganzes Leben bedeutet.
Frau Faßbender, wie sehr verändert Corona den Charakter von jungen Menschen?
Das kommt darauf an.

Worauf?
Wie die Pandemie bzw. die Lockdown-Maßnahmen von den jungen Menschen wahrgenommen werden. Werden sie als persönlicher Verlust oder auch als umsorgender Schutz, in diesem Falle durch den Staat, verstanden? Die Corona-Pandemie bedeutet für uns alle Einschränkungen, Verzicht, Rücksichtnahme und Bedrohung, aber auch die Erfahrung, dass kollektiv Ziele erreicht werden können.
Interessant wird sein, wie die heutigen Einschränkungen die Generationen „Z“ (Jahrgänge 1997 bis 2012) und „Alpha“ (Jahrgänge 2012 bis 2025)als Erwachsene prägen werden. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Wir wissen es nicht genau. Eine solche Situation gab es noch nie.

Sie versuchen, das mit ihrem Forschungsprojekt „You changed?!“ herauszufinden.
Ja. Wir untersuchen, ob es Veränderungen in der Persönlichkeit von 15- bis 18-Jährigen nach Lebensereignissen gibt. Wir fragen dort nach bildungsbezogenen Ereignissen wie einem Schulabschluss oder auch den Einschränkungen durch die Corona-Schutzmaßnahmen. Es geht dabei um die eigene, persönliche Wahrnehmung. Und diese vergleichen wir dann bei sehr vielen Jugendlichen.

Gibt es bereits Ergebnisse, aus denen sich etwas ablesen ließe?
Nein. Es wäre auch wissenschaftlich ungenau, würde ich mir die bisherigen Antworten jetzt schon ansehen. Die Datenerhebung folgt strengen Gütekriterien. Aus Forschung zu Traumata weiß man aber, dass traumatische Ereignisse die Persönlichkeit individuell verändern können. Prognosen über die Zukunft mit Blick auf die Wirkung der Pandemie sind also schwierig, weil die Messwerte fehlen. Aber wir können anhand von Momentaufnahmen einschätzen, was passieren könnte.

Und, was schätzen sie?
Wenn Sicherheit wegbricht, und das ist aktuell der Fall, wächst der Wunsch nach ihr. Es ist deswegen wohl zu erwarten, dass in der Generation „Z“ der Wunsch nach beruflicher und auch familiärer Sicherheit wichtiger wird. Das bringt die jungen Menschen, obwohl jünger, zurück zu Zielen, die wir heute eher als traditionell bezeichnen würden.

Was heißt das für Beruf und Arbeit?
Dass ein sicherer, vielleicht nicht ganz so gut bezahlter Beruf einem unsicheren Beruf mit hohem Entwicklungspotenzial vorgezogen werden könnte. Wenn auf die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eine Wirtschaftskrise folgt, berufliche Perspektiven vielleicht schlechter werden und junge Menschen bereit sind, für weniger Geld zu arbeiten, könnte insgesamt der Wohlstand sinken.

Also kein Abhauen nach dem Abi mehr?
Diejenigen, die die persönlichen, finanziellen Ressourcen haben, sich einem risikoreichen Abenteuer auszusetzen, werden reisen. Auch hier ist die Frage nach dem eigenen Sicherheitsbedürfnis zentral. Es kann sich kollektiv verändern, weil ein kollektives Ereignis über uns alle hereingebrochen ist. Vielleicht erleben wir, dass junge Menschen erst nach der Ausbildung reisen, anstatt währenddessen oder davor.
Wenn Jobs knapp sind und die eigenen Ressourcen ebenfalls, dann werden Arbeit und Sicherheit wichtiger als Australien.
Es geht also um Resilienz durch Ressourcen. Mehr Ressourcen steigern die Chancen, ohne Schaden oder sogar gestärkt aus einer schwierigen Situation herauszukommen, weniger Ressourcen steigern das Risiko, Schaden zu nehmen. Den einen fängt die Familie vielleicht auf, die andere vielleicht nicht. Die eine hat vielleicht den tollen Freund, den man anrufen kann, und der ist dann der Anker – der andere hat das nicht. Solche Sachen kann man immer nur herausfinden, indem man Einzelpersonen befragt. Wir müssen sicherlich keine ganze Generation therapieren.

Sie sind also kein großer Fan von Verallgemeinerungen. In öffentlichen Debatten geht es aber jetzt schon darum, ob man später von der „Generation Corona“ oder der „Generation Klimaretter“ sprechen wird. Was denken Sie?
Es gibt eben die Generationen „Z“ und „Alpha“, die die Aufgabe bekommen haben, mit der Corona-Krise und der Klima-Krise zwei globale Krisen zu managen und die wirtschaftlichen und sozialen Folgen beider Krisen zu tragen hat. Die Jugendlichen werden sich in ihrer Zukunft mit diesen Themen auseinandersetzen müssen, da gibt es keinen Ausweg. Die Pandemie ist aber aktuell als lebensgefährliche Bedrohung präsenter als die langfristigen Folgen des Klimawandels. Sie wird greifbar, weil die Regierung unserem Alltagsleben in allen Altersgruppen Einschränkungen auferlegt hat, um eine gesundheitliche Katastrophe zu vermeiden. Eine so schwere Bedrohung gab es für die Nachkriegsgenerationen bisher nicht.

Bleiben wir also bei der Prägung durch die Corona-Krise. Gibt es noch ein Zurück zur jugendlichen Unbeschwertheit?

Die Erfahrung, dass ein System ins Wanken geraten kann, dass Wohlstand wegbrechen kann, die prägt. Aber das System wird ja dadurch nicht sterben. Natürlich leiden die Jugendlichen unter den aktuellen Maßnahmen, weil sie in ihrer Ausbildungslaufbahn und in ihrem Bestreben nach Unabhängigkeit gebremst werden. Aber wenn man es runterbricht auf ein ganzes Leben, 80 Jahre, und davon wird ein Jahr eingeschränkt, bedeutet das nicht per se die Zerstörung aller Lebensträume. Die Erfahrung, eine Krise überwunden zu haben, kann auch stärken.

Wie die Generationen "Z" und "Alpha" durch die Pandemie kommen, wird sich erst noch zeigen.
Dr. Ina Faßbender von der Uni Siegen ist Entwicklungspsychologin. Mit ihrem Forschungsprojekt „You changed?!“ will sie herausfinden, ob es zu Veränderungen in der Persönlichkeit von Jugendlichen durch die Pandemie kommt.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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