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Universität Siegen nimmt Stadtteil Achenbach unter die Lupe
Wie leben die Menschen im Problemquartier am Heidenberg?

Günter Langer (r.) skizziert im Garten am Sozialkaufhaus ein paar Ideen des Projektes „Reallabor“. Die Menschen am Heidenberg sollen zum Beispiel wieder lernen, einen Gemüsegarten mit zueinander passenden Pflanzen anzulegen.  Foto: mir
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  • Günter Langer (r.) skizziert im Garten am Sozialkaufhaus ein paar Ideen des Projektes „Reallabor“. Die Menschen am Heidenberg sollen zum Beispiel wieder lernen, einen Gemüsegarten mit zueinander passenden Pflanzen anzulegen. Foto: mir
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mir Siegen. Sag einer, die Universität Siegen schmort im Elfenbeinturm vor sich hin. Ganz das Gegenteil: Kanzler Ulf Richter hatte gestern Abend in Achenbach nicht weniger als vier Professoren (Stevens/IT-Sicherheit bzw. Verbraucherinformatik, Wulf/Wirtschaftsinformatik, Buchmann/Berufspädagogik und Schäfer/Soziologie) im Schlepptau, um gemeinsam mit dem Heimatverein Achenbach das Projekt „Reallabor im Stadtteil Achenbach“ offiziell zu starten. Stadtverordneter Peter Schulte fand das super: „So eine geballte universitäre Präsenz hat das Sozialkaufhaus noch nicht erlebt.“

Dass die Uni nicht nur in die Stadt kommt, sondern ausgerechnet ein zuweilen problematisches Quartier wie den Heidenberg erforschen will, findet Günter Langer, der Vereinsvorsitzende, außerordentlich wichtig.

mir Siegen. Sag einer, die Universität Siegen schmort im Elfenbeinturm vor sich hin. Ganz das Gegenteil: Kanzler Ulf Richter hatte gestern Abend in Achenbach nicht weniger als vier Professoren (Stevens/IT-Sicherheit bzw. Verbraucherinformatik, Wulf/Wirtschaftsinformatik, Buchmann/Berufspädagogik und Schäfer/Soziologie) im Schlepptau, um gemeinsam mit dem Heimatverein Achenbach das Projekt „Reallabor im Stadtteil Achenbach“ offiziell zu starten. Stadtverordneter Peter Schulte fand das super: „So eine geballte universitäre Präsenz hat das Sozialkaufhaus noch nicht erlebt.“

Dass die Uni nicht nur in die Stadt kommt, sondern ausgerechnet ein zuweilen problematisches Quartier wie den Heidenberg erforschen will, findet Günter Langer, der Vereinsvorsitzende, außerordentlich wichtig. 40 Prozent der in Siegen registrierten Hartz-IV-Klienten wohnen dort am Berg, trotzdem sieht Langer gute Chancen, einen liebenswerten Stadtteil zu gestalten, das Leben miteinander gut zu lösen.

Urknall ein Facebook-Post: Lebensmittelspenden gesucht

Studentische Impulse sind allseits willkommen. Und die hat es bereits gegeben: Gleich zu Beginn der Corona-Pandemie fiel die Siegener Tafel als Versorger aus, der Heimatverein wollte und musste 170 Bedürftige mit Essen versorgen: „Studenten waren sofort bereit mitzuhelfen, das finden wir toll“, hört sich Langers Lob allumfassend an. Genauer gesagt: Der Urknall für das Projekt war ein Facebook-Post des Heimatvereins: „Lebensmittelspenden gesucht.“ Die Studenten lasen das, fanden es gut und packten an.

Wie lässt sich die Lebensqualität heben?

Einer der Mitmacher in Achenbach ist Philip Butzeneder, Student und Aktivist bei Foodsharing Siegen. Er (und viele andere) Aktive haben klare Vorstellungen von einem Reallabor in Achenbach: „Wir wollen gemeinsam herausfinden, welche Bedürfnisse und Fähigkeiten haben die hier lebenden Menschen, wie kann man diese entwickeln und die Lebensqualität im Stadtteil heben.“ Als aktiver Foodsharer hat er natürlich (auch) den Ansatz, einen Verteilerposten am Heidenberg zu etablieren.

Garten als Ort nachhaltigen Wirtschaftens

Aber nein, Gemüse und andere Lebensmittel beim Discounter abholen und vor dem Verrotten zu retten, das ist nicht das alleinige Ziel. „Okay, dann machen wir einen Garten, einen mit Gemüsepflanzen. Wir wollen ein Bewusstsein schaffen für ein nachhaltiges Wirtschaften“, sagt Butzeneder. Kochabende wird es geben, wo die eigene Ernte aus dem Garten hinter dem Sozialkaufhaus vertan wird. Butzeneder: „Es wird keine Prüfung geben, wer ist bedürftig und wer nicht. Gemeinsam wollen wir das soziale Miteinander üben und lernen, was wir tatsächlich zum Leben brauchen und wie wir das teilen können.“

Und der Garten grünt schon sehr üppig, die ersten Gemüsepflanzen stecken im Boden. Eine Mithelferin hat 300 Kohlpflanzen mitgebracht. Die sollten anderswo entsorgt werden. Kanzler Richter und andere Freiwillige haben die ersten paar Setzlinge gepflanzt, ein symbolischer Akt mit Bedeutung – kein Spatenstich. Überhaupt, Richter findet die studentischen Aktivitäten „beeindruckend“.

Ganz bewusst wolle die Universität nicht nur mit tollen Gebäuden in der Stadtmitte ankommen, sagt der Uni-Kanzler: „Zugleich wollen wir zu den Menschen gehen, die hier in Achenbach wohnen und leben.“

Der Garten wird noch viele Funktionen bekommen. Zwischen den alten Bäumen soll ein begehbares Baumhaus entstehen, in einem bisher ungenutzten Flachbau kann sich Günter Langer einen Jugendraum für alle vorstellen.

Typisch Günter Langer, immer hat er die Politik mit im Blick, will undemokratische Gruppen am äußerst rechten Rand nicht dulden, schon gar nicht am Heidenberg. Er kämpft für einen bunten Stadtteil. Menschen mit Migrationshintergrund sind ihm willkommen: „Diese Menschen kennen noch alte Gartentechniken, die vielfach verloren gegangen sind.“ Einer von ihnen ist ein Syrer (73) aus Damaskus, früher Geschäftsmann: In englischer Sprache erzählt er stolz über seinen 16-jährigen Enkel, der in Siegen ein Gymnasium besucht und einer der Besten in seinem Jahrgang ist.

Kreativwerkstatt angedacht

Beim Projekt Reallabor mitmachen will außerdem Martin Zielke, früher Konrektor an der Hauptschule nebenan. Viele Siegener kennen ihn anhand der bunten Stromkästen in der Stadt. Sein Beitrag am Heidenberg: Er will mit anderen Menschen ein Quartiersatelier, also eine Kreativwerkstatt, aufbauen. Mit Künstlern und Schülern. Die Uni Siegen macht mit, Kanzler Richter habe das zugesagt, berichtet Zielke.

Ach ja, als beinahe schon das Essen kalt zu werden droht, kommt Videotechnik zum Einsatz. Von zu Hause zugeschaltet ist mit Niko Paech ein fünfter Professor – ein Nachhaltigkeitsforscher und Wachstumskritiker. Ausführlich äußert er sich zum nachhaltigen Leben, wie wichtig das ist: „Das will gelernt sein. Aber was der Mensch nicht geübt hat, kann nicht gelingen.“ Klingt irgendwie logisch. Dem Achenbacher Reallabor gibt er eine wichtige Bedeutung: „Es muss eine soziale Dynamik eingeleitet werden.“

Kurz gesagt: Achenbach ist im Fokus der Universität Siegen angekommen. Es gibt viel zu tun.

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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