Wie Schimmel, nur lauter

Jan Weiler las und erzählte im Lÿz, aus seinem Leben, von seiner Familie natürlich, und von manchem mehr.  Foto: nik
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nik Siegen. Wenn ihm der Familien-Stoff einmal ausgehen sollte, dann kann der vielreisende Jan Weiler immer noch Geschichten über das Zugfahren erzählen. Andererseits steht nicht zu befürchten, dass das so schnell der Fall sein könnte, denn wie heißt es so schön: Wenn es einmal läuft, dann läuft es. Und für Weiler, den Autor des verfilmten Bestsellers „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, läuft es ziemlich gut. Am Freitagabend war er im Siegener Medien- und Kulturhaus Lÿz zu Gast; mitgebracht hatte er allerdings nicht die Romane über seine deutsch-italienische Sippe, sondern seine Kolumnen „Mein Leben als Mensch“.

Weil zu Jan Weilers Leben als Mensch aber eben genau jene gehören, dank derer er jetzt ein gefeierter Schriftsteller ist, sitzen Ehefrau Sara, Tochter Carla, Sohn Nick und natürlich Schwiegervater Antonio Marcipane samt Gattin „Urrrrsula“ bald neben ihm, unsichtbar zwar, aber da. Der Papa, Ehemann, Schwiegersohn, der im Gegensatz zu seinen Familienmitgliedern zumindest auf dem Papier nicht altert, verteilt erst Süßes, dann Saures. Jedenfalls ein bisschen. Denn so richtig dauerböse, politisch-böse oder gar verbittert-böse wird Jan Weiler nie.

Seine Geschichten haben den „Das kenne ich doch!“-Effekt, beschreiben und überspitzen jene Alltäglichkeiten, über die jeder schon einmal gelacht oder den Kopf geschüttelt hat. Wie viele Eltern sind im Publikum, die zuhause ein „Pubertier“ haben oder hatten, so ein früher nettes, jetzt meist missgelauntes Kind wie Carla? Vermutlich einige. Und so geht es von den väterlichen Kreuzverhören am Frühstückstisch („Küsst Ihr mit Zunge?“ – „Wir sind doch keine Perversen! Hallo?!“) über Antonio, den Auftragshasen, wegen dem bei Weilers das ganze Jahr über Ostern ist, in die Küche, in einem Parforceritt der Wiedererkennungskomik bis hin zu Saras Freundin Mareike-Luna, die nach Blutgruppen kocht.

Man ahnt den Kern der Wahrheit, weiß nie genau, was Dichtung ist und was übertrieben. Aber darin liegt natürlich auch der besondere Reiz, und für viele dürfte der Abend deshalb auch weniger eine Lesung als ein Wiedersehen mit liebgewonnenem Personal gewesen sein. Natürlich ist so ein italienischer Schwiegervater anstrengend bis peinlich, wenn er im Elektronikfachmarkt, diesem „Purgatorium des Konsums“, die Verkäufer aufmischt, weil er „eine Flakebilde“ kaufen will (mit schwarzem Klavierlack auf dem Rahmen, wie bei Papas Sarg).

Und als Weiler-Leser weiß man schon im Vorhinein, dass es keine so begnadete Idee ist, diesem Musteritaliener eine Behandlung bei der Kosmetikerin zu schenken. Frau Dörfer, die „dermatologische Stalinorgel“, kann vielleicht mit ihren Stimmbändern Bin Laden selbst aus seinem Versteck quälen, aber aus Antonio einen Softie machen, der Walgesänge mag – niemals!Wenn Weiler Antonio seine Stimme leiht, dann klingt das nach Zuneigung und nie respektlos, deswegen verzeiht man ihm auch gern Sachen wie: „Antonio ist wie Schimmel, aber lauter. Und man kriegt ihn besser weg.“ Dann lauscht Weiler, der auftritt wie der höfliche Spätstudent von nebenan und nicht wie ein 42-jähriger Familienvater mit einigen Karrierekilometern auf dem Tacho, seinen eigenen Sätzen nach und grinst.Oft ereignen sich die Geschichten auch ganz abseits der Familienbande: Es geht darum, wie die Bundeskanzlerin dem Steinmeier Telefonstreiche spielt („Angela, ich sehe deine Nummer am Display“) etwa. In der Pause signiert Jan Weiler Bücher, bei Bedarf gibt es auch mal ein Martin-Walser-Autogramm. Das ist natürlich ein bisschen kokett. Dieser Mann, der so gekonnt in Bildern spricht und manches Klischee biegt, bis es fast bricht, kann sich des herzlichen – und verdienten! – Applauses am Schluss ganz sicher sein.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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