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Immer weniger Handwerk-Azubis
Wie sinnvoll ist die Akademisierung?

Das Handwerk hat goldenen Boden. Vor allem in Branchen, in denen es einen hohen Spezialisierungs- und Technisierungsgrad gibt, lässt sich gutes Geld verdienen, vergleichbar mit Einkommen akademischer Berufe.
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  • Das Handwerk hat goldenen Boden. Vor allem in Branchen, in denen es einen hohen Spezialisierungs- und Technisierungsgrad gibt, lässt sich gutes Geld verdienen, vergleichbar mit Einkommen akademischer Berufe.

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goeb Siegen. IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener fasste das Problem der zunehmend unbesetzt bleibenden Lehrstellen am Montag im Fellinghausener Aus- und Weiterbildungszentrum Bau (AWZ) bei einem Krisengespräch mit dem Begriff „besorgniserregend“ (SZ berichtete) zusammen. Vor Corona seien im IHK-Bezirk im Schnitt pro Jahr 2272 Lehrverträge in Industrie und Handel unterzeichnet worden, 2020 seien es nur noch 1820 gewesen.
Zehnprozentiger Rückgang an Ausbildungsverträgen
Was in Handel und Industrie schwappt, kennt auch das Handwerk. Schulen qualifizieren gern weiter. Es lockt irgendwann die Universität. Matthias Rink von der Kreishandwerkerschaft Olpe beklagt, dass es im Vorjahr in seinem Bericht einen mehr als zehnprozentigen Rückgang an Ausbildungsverträgen gegeben hat.

goeb Siegen. IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener fasste das Problem der zunehmend unbesetzt bleibenden Lehrstellen am Montag im Fellinghausener Aus- und Weiterbildungszentrum Bau (AWZ) bei einem Krisengespräch mit dem Begriff „besorgniserregend“ (SZ berichtete) zusammen. Vor Corona seien im IHK-Bezirk im Schnitt pro Jahr 2272 Lehrverträge in Industrie und Handel unterzeichnet worden, 2020 seien es nur noch 1820 gewesen.

Zehnprozentiger Rückgang an Ausbildungsverträgen

Was in Handel und Industrie schwappt, kennt auch das Handwerk. Schulen qualifizieren gern weiter. Es lockt irgendwann die Universität. Matthias Rink von der Kreishandwerkerschaft Olpe beklagt, dass es im Vorjahr in seinem Bericht einen mehr als zehnprozentigen Rückgang an Ausbildungsverträgen gegeben hat.

Betriebe müssen um Azubis kämpfen

Vor 20 Jahren war es noch jeder Dritte eines Schulabgängerjahres, den es an die Uni zog, im Jahr 2019, so ist den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu entnehmen, nahmen 57 Prozent der jungen Frauen und Männer ein Studium auf. Angesichts des schon jetzt spürbaren Fachkräftemangels im Handwerk und der haarsträubenden Prognosen muss man sich ernsthaft die Frage stellen, wie sinnvoll die galoppierende Akademisierung der Gesellschaft noch ist.

Spiegelbildlich zum „Akademisierungswahn“ verhält es sich mit der Bereitschaft der Jugend, eine Ausbildung in Deutschland zu beginnen. Noch einmal die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Sicher muss man beim Coronajahr 2020 Abstriche machen, aber mit 462.000 Lehrverträgen stießen so wenige Auszubildende in die Arbeitswelt vor wie zuletzt 1990.

Lange Wartezeiten bei Handwerksbetrieben

Das bekommen inzwischen viele Kunden zu spüren, die einen Handwerksbetrieb suchen. Die Wartezeiten sind oft lang, und bei den Preisen, die inzwischen verlangt werden (können), müssen manche schlucken.

„In den Branchen, in denen es einen hohen Spezialisierungs- und Technisierungsgrad gibt, gibt es natürlich auch einen starken Wettbewerb um Fachkräfte“, bestätigt Stefan Simon, der neue Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd. Gewinner sind zum Beispiel Berufe im Haupt- und Nebengewerbe Bau, aber auch im Elektro- und IT-Bereich sowie Heizung und Sanitär.
Zwar sind die Vergütungen für Lehrlinge nicht zu üppig, aber als Geselle und noch mehr als Techniker oder Meister stößt man heute in Gehaltsstufen vor, die sich mit denen einer akademischen Laufbahn vergleichen lassen. Nicht umsonst hat man diese Abschlüsse im Handwerk jetzt zum „Bachelor professionel“ zusammengefasst.

Stefan Simon, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd.
  • Stefan Simon, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd.
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,,Bachelor professionel'' für eine gewisse Vergleichbarkeit

„Das wurde ins Leben gerufen, um eine gewisse Vergleichbarkeit herzustellen“, erläutert Simon. „Und, klar: Das Angebot hat immer schon den Preis bestimmt. Richtig gute Leute können heute sehr selbstbewusst auftreten und eine entsprechende Vergütung verlangen“, verrät Simon.
Einer neueren Untersuchung des IAW zufolge, des Tübinger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, haben Meister bzw. Techniker nach zwölf Berufsjahren (ab Ausbildungsende) sogar 120.000 Euro mehr verdient als Akademiker. Erst ab dem 60. Lebensjahr holen Hochschulabsolventen das wieder auf.

Beim Renteneintritt sind es zurzeit aber nur wenige Prozent, die Akademiker mehr an Lebenseinkommen haben als die Praktiker. Natürlich hängt das immer auch vom Studienfach bzw. von der Wahl des Ausbildungsberufs ab. Klar ist aber auch: Setzt sich die Verknappung an Praktikern beiderlei Geschlechts in diesem Maße fort – und danach sieht es aus – könnte das zugunsten der Praktiker kippen. „Mir sind Fälle zu Ohren gekommen, da wird mit einem Dienstwagen gelockt“, ergänzt Stefan Simon. Auch bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Haus unterstützen manche Arbeitgeber, die Personal binden möchten. Die Metzgerei Schmidt in Daaden machte auf sich aufmerksam, als sie ihren Lehrlingen ein „Azubi-Car“ zur Verfügung stellte.

Bewusstseinswandel dank der Corona-Pandemie

Für einen Bewusstseinswandel braucht es wohl noch ein paar Jahre. Gerade die Corona-Pandemie hat vor Augen geführt, dass sogenannte systemrelevante Berufe eher in praktischen bzw. sozialen Berufen angesiedelt sind und höheres Prestige genießen als man denkt.

Übrigens müssen sich praktische Berufe bezüglich der Zufriedenheit, die Menschen haben, die gerade diese Berufe gewählt haben, nicht verstecken. Praktiker sehen die Früchte ihrer Arbeit am Ende des Arbeitstages deutlicher vor Augen als manche Akademiker. Nicht zufällig gibt es ja den Begriff Handwerkerstolz.

Mit und ohne: der Vergleich

Eine studierte Architektin kommt laut Stepstone-Gehaltsreport auf ein durchschnittliches Bruttojahresgehalt in Höhe von 51.700 Euro, ein Bauleiter bzw. sein weibliches Pendant (ohne Studium) hat am Ende des Jahres 55.750 Euro verdient. Auch der Malermeister toppt mit knapp 47.000 Euro die Grafikdesignerin (studiert, ca. 38.600 Euro). Deutliche Unterschiede auch beim Bankkaufmann (49.200 Euro) und einem Sozialpädagogen (44.500 Euro). Top-Gehälter können IT-Projektmanager (ohne Studium) und Controller (mit Studium) erwarten. Zwischen 60.000 und 65.000 Euro Jahresgehalt brutto sind durchschnittlich drin.

Das Handwerk hat goldenen Boden. Vor allem in Branchen, in denen es einen hohen Spezialisierungs- und Technisierungsgrad gibt, lässt sich gutes Geld verdienen, vergleichbar mit Einkommen akademischer Berufe.
Stefan Simon, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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