Wie weit ist es bis zur nächsten Toilette?

Rosemarie Kretzer, Brigite Voßhoff und Dr. Wolfgang Bauch testeten als Spaziergänger die Toiletten-Situation für Inkontinenz-Patienten in Siegens Innenstadt.  Foto: pebe
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pebe Siegen. Wenn die Blase Druck macht, kann das ganz schön unangenehm werden. Vor allem für Menschen, die Kontinenzprobleme haben, die also Harn oder - noch unangenehmer - Stuhl bei Drang nicht halten können. „Inkontinenz isoliert die Betroffenen“, weiß Brigitte Voßhoff. die Vorsitzende der Kontinenz-Selbsthilfegruppe Siegen, „denn viele bleiben wegen der Inkontinenz lieber zu Hause, wo sie eine Toilette in der Nähe haben.“ Wer trotzdem den Gang in die Stadt wagt, der braucht die Gewissheit, schnell genug zu einem offenen „Örtchen“ kommen zu können. Mit Brigitte Voßhoff und Rosemarie Kretzer von der Selbsthilfegruppe und Dr. Wolfgang Bauch, Arzt im Ruhestand und Mitglied des Seniorenbeirats Siegen, machte sich die SZ auf einen Weg durch die Innenstadt und ließ sich zeigen, mit welchen Problemen Menschen mit Inkontinenz zu kämpfen haben.

„Man muss sich orientieren, bevor man in die Stadt geht“, sagt Brigitte Voßhoff. Sicher, es gibt öffentliche Toiletten - wenn sie es denn gibt. Die Anlage am Obergraben ist derzeit geschlossen, demoliert von Unbekannten. 300 Meter weiter den Berg hinauf finden sich die drei „Tester“ vor dem Siegener Haus des Kreisklinikums wieder. Die Toiletten in den öffentlichen Gebäuden der Stadt seien während der Öffnungszeiten der Gebäude nutzbar, wissen die drei. Bei der Suche nach dem rettenden Ort allerdings sind scharfe Augen angebracht: Ein Hinweis befindet sich erst im Gebäude-Inneren, oder Betroffene müssen sich zunächst an die Rezeption wenden. „Das ist ohnehin ein Problem“, gibt Rosemarie Kretzer zu bedenken, „meist sind die Hinweisschilder, ob in Gebäuden oder im Straßenbild, zu klein, so dass sie nicht ins Auge fallen.“ Handtellergroß, findet Dr. Bauch, sollten sie sein, damit sie sofort wahrnehmbar seien. Und, so ergänzt Brigitte Voßhoff, „es müsste auch dabei stehen, wie weit es bis zum nächsten WC ist.“ Zu weit hergeholt? Zu speziell? Brigtte Voßhoff schüttelt den Kopf: „Sie glauben ja gar nicht, wie viele Menschen mit Kontinenzproblemen zu tun haben. Das fängt schon mit der Reizblase an“, könne aber auch ältere Männer mit Prostatabeschwerden treffen. Brigitte Voßhoff denkt für betroffene Männer mit: „Wo können sie Einlagenmaterial entsorgen?“

Gleich neben dem Stadtkrankenhaus prangt das Gesundheitsamt, auch ein öffentliches Gebäude. Unsicher sind sich die „Tester“, ob wohl Rollstuhlfahrer problemlos zur Toilette kommen könnten. Die Irritationen räumt später Christoph Grabe, der Leiter des Gesundheitsamtes, auf Nachfrage der SZ aus: „Wir haben eigens einen Rollstuhlaufzug, für den auch Hilfe gerufen werden kann, und die Rollstuhlfahrer ,landen’ am Behinderten-WC.“ Auch zum fehlenden Hygiene-Eimer auf der Herrentoilette hat er eine klare Antwort: „Ja, das ist ein Problem, aber es ist das kleinste Problem.“ Ein Eimer werde aufgestellt. In den Verbund-Krankenhäusern und diakonischen Altenheimen, so übrigens ein aktueller Hinweis der Diakonie, seien seit neuestem auch in den Herrentoiletten Hygieneeimer aufgestellt – ein Erfolg der Selbsthilfegruppe, die dies angeregt hatte.

Am öffentlichen WC am Rathaus schrecken die drei vor penetrantem Uringeruch zurück. Die Behindertentoilette selbst präsentiert sich in keinem sonderlich hygienischen Zustand, wie Brigitte Voßhoff naserümpfend feststellt. Ablagen für Hilfsmittel sind nicht vorhanden, ein Hygieneeimer ist Fehlanzeige, ebenso in der Anlage am Bahnhof. Die Stadtverwaltung verweist auf Nachfrage an die Firma Ströer Deutsche Städtemedien. „Das größte Problem für uns ist der Vandalismus auf den öffentlichen Toiletten“, erläutert dort Volker Herbert, Technikmitarbeiter des Unternehmens und seit 30 Jahren mit der Instandhaltung öffentlicher Toiletten vertraut. Deshalb verzichteten die Deutschen Städtemedien auf Hygieneeimer, denn „die stehen da maximal einen Tag, dann sind sie weg. Wir haben nur das Nötigste in den Anlagen“. Die Toiletten selbst würden normalerweise zweimal am Tag mit Hochdruck gereinigt.

Ein weiteres Problem: viele Klos verlangen klingende Münze von den Nutzern – es sei denn, Behinderte hätten den „Generalschlüssel“, den sie gegen Vorlage des Behindertenausweises oder einer Bescheinigung ihres Arztes beantragen können. Da kann ein Stadtbesuch für Inkontinente teuer werden: „Das geht ins Geld, wenn Sie ein Blasenproblem haben, mehrmals in der Stadt zur Toilette müssen und dafür jedesmal 50 Cent fällig werden.“Deshalb, so Dr. Bauch, wollen die Selbsthilfegruppe und der Seniorenbeirat bei der Stadt beantragen, mehr allgemein nutzbare WCs im Zentrum und den Mittelpunkten der Stadtteile anzubieten. Einbezogen werden sollen dabei auch die Gaststätten, für deren Service in Sachen Reinigung die Stadt dann einen Obolus entrichten müsste - so die Idee. Es sei in der Stadt noch viel zu tun für Inkontinenz-Betroffene, stellen die drei am Ende des „drängenden“ Spaziergangs ernüchtert fest.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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