Wiedererstanden: eine reiche Welt

ars Siegen. Zum 16. Mal laden die beteiligten Kirchengemeinden zu den Siegener Orgelwochen, die auch in diesem Jahr mit hochkarätigen Interpreten aufwarten können (die SZ berichtete). Das erste, von der Kantorei Siegen ausgeführte Konzert, fand in der Nikolaikirche statt. Der 1966 in Havixbeck bei Münster geborene Organist Thomas Berning ist derzeit Domkapellmeister am Hohen Dom zu Paderborn und zugleich Lehrbeauftragter für Orgel und Partiturspiel an der Hochschule für Musik in Detmold.

Passend für die Orgel in der Nikolaikirche hatte Thomas Berning ein reines Barock-Programm mitgebracht, das seinen besonderen Reiz durch den roten Faden der virtuosen französischen Tradition entfaltete. Neben zwei Werken von Franzosen erklangen fünf Werke von deutschen Komponisten, die alle mehr oder weniger vom großen Einfluss der französischen höfischen Musik und der französischen Orgelschule Zeugnis ablegten.

Georg Muffat, der bei Lully in Frankreich und bei Corelli in Italien studiert hat, fasste sein Orgelkönnen fast enzyklopädisch in der Sammlung „Apparatus musico-organisticus“ zusammen, die gewissermaßen das süddeutsche Gegenstück zu den stilbildenden „norddeutschen“ Werken von Buxtehude darstellt. Berning interpretierte die siebte Toccata in klarem C-Dur mit einem feierlich schreitenden Einleitungs-Grave und einem schnelleren Mittelteil mit einem zwischen Ober- und Unterstimme hin und her pendelnden Motiv sehr farbintensiv, frisch und geradezu unverstaubt. Das Stück steigert sich durch eine kunstvolle, mehrteilige Fuge temporeich bis zum Schluss.

Eine andere Form der Steigerung hin zum Schluss vermittelt die „Suite du premier ton“ von Pierre Du Mage, von der sechs Suitensätze erklangen. Eingespannt zwischen „Plein jeu“ und dem vor Saft und Kraft strotzenden „Grand jeu“ war so manch ein ungehörter bis ungehöriger Ton zu hören, eine fast gesuchte Individualität des Tönens bei eher konventioneller Behandlung der Form. Anscheinend ist die seit etwa 1850 so entschieden anders verlaufende Entwicklung der französischen und der deutschen Orgeltradition teilweise schon viel älteren Datums.

Die näselnde Fuge und die erstaunliche Basse de trompette leiteten hin zum Werk, das der Interpret selbst in einer kurzen Einführung als das erstaunlichste des Programms benannt hatte, das obertonreiche, hochartifizielle und „klangexperimentelle“ „Recit de tierce en taille“ von Nicolas de Grigny, dem der Organist seine besondere interpretatorische Aufmerksamkeit widmete. Die virtuosen, schnellen Läufe gegen Ende wiesen dann wiederum voraus auf Bernings Wiedergabe von zwei Großwerken der Tradition, Bachs Präludium und Fuge a-Moll BWV 553 und Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552.Die formale Dichte und emotionale Kraft von Johann Sebastian Bachs Werken, unterstrichen noch durch eine wuchtige, rhythmisch pulsierende, vorwärts drängende, die barocke Pracht unterstreichende Interpretation, ließ alles Vorausgegangene, selbst die bewegte, klangschöne und gelehrte Passacaglia in d BuxWV 161 von Dietrich Buxtehude, ein wenig verblassen. Auch der unterstellte rote Faden des französischen Einflusses relativierte sich durch die ebenso hörbaren italienischen Einflüsse.Und grundsätzlich erscheint bei Georg Muffat, Buxtehude und Bach die wie auch immer geartete deutsche Tradition übermächtig. Eher einsichtig waren Gemeinsamkeiten der virtuosen, farbenreichen Gestaltung mit zum Teil auffallenden Registrierungen. Zwei Choralvorspiele von Johann Sebastian Bach, „An den Wasserflüssen Babylons“ und „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“, ließen zudem kirchliche Gebrauchsmusik auf hohem Niveau, weit ab von Virtuosität und Eleganz, hören.Unabhängig von der Stimmigkeit des Programms lohnte es jedes einzelne Stück, die Augen zu schließen und die Ohren weit zu öffnen für eine reiche Welt, die durch einen trefflichen Interpreten wiedererstand.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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