Wisentbullen-Flirt mit Kuhdamen?

 Diese Wisentbullen sorgten für Aufsehen im südlichen Siegerland. Tagelang grasten sie in Wäldern bei Zeppenfeld und Gilsbach. In Zeppenfeld dokumentierten sie ihren Besuch mit einem Wildkamera-Selfie. Zurzeit sind sie vom „Radar“ verschwunden. Foto: Privat
  • Diese Wisentbullen sorgten für Aufsehen im südlichen Siegerland. Tagelang grasten sie in Wäldern bei Zeppenfeld und Gilsbach. In Zeppenfeld dokumentierten sie ihren Besuch mit einem Wildkamera-Selfie. Zurzeit sind sie vom „Radar“ verschwunden. Foto: Privat
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dima - Spätestens nachdem die Siegener Zeitung über die erstaunlichen Wanderungen zweier junger Wisentbullen berichtete, die sich von der Herde verabschiedeten und bis ins südliche Siegerland trabten, gibt es nur noch ein großes Thema in Jagd-, Forst- und Waldbesitzerkreisen: Die Wisente sind los. Und zwar an verschiedenen Stellen des Kreisgebietes. Meldungen gibt es aus dem Bereich von Kreuztal, Altenteich, vom Lahnhof und eben aus den Wäldern um Gilsbach, Wilden und Zeppenfeld im südlichen Siegerland und sogar von der Biggetalsperre. Die Geschichte des Auswilderungsprojekts hat damit neue Fahrt aufgenommen. Immer neue Meldungen machen jetzt deutlich, dass die Tiere ihren Lebensraum schneller erkunden und ausweiten, als viele gedacht haben. Zurzeit sind sogar zwei mal zwei Wisentbullen unterwegs. Die ausgewilderte Wittgensteiner Herde ist deshalb aktuell von 22 Tieren auf 18 geschrumpft.

Am 21. und 26. August verewigten sich die beiden kräftigen Wisente, von denen die SZ berichtet hatte, noch einmal auf einer Wildkamera in einem Zeppenfelder Revier. Das Foto zeigt zwei entspannte Wiederkäuer, die Mais auf einem Wildacker entdeckt haben. Ein Jagdhüter beobachtete die Tiere sogar noch am 28. August. Drei Tage später erreichte die SZ eine Information, nach der zwei junge Bullen im Bereich des Lahnhofs gesehen wurden. Hier beobachtete man sogar, wie sie über die „grüne“ hessische Landesgrenze schritten und damit in Eigeninitiative ein weiteres Bundesland am Artenschutzprojekt beteiligten.

Glaubten viele zuerst daran, dass es sich hier um die Zeppenfelder „Wanderburschen“ auf dem Rückzug handeln würde, stellte sich am Mittwoch heraus, dass sich insgesamt vier Jungbullen von der Herde entfernt haben. Jochen Born, Ranger des Vereins Wisent-Welt-Wittgenstein, bestätigte auf Nachfrage der SZ: „Ja, es fehlen vier Wisente in der Herde.“ Eine Waldbesucherin habe jetzt zwei vagabundierende Tiere bei Kühhude gesichtet. „Ich rechne definitiv damit, dass es ebenfalls Bullen sind.“

Die Herde, die seit 2013 in freier Wildbahn unterwegs ist, besteht zurzeit nur noch aus 18 Tieren. Sechs davon sind in diesem Jahr geboren worden, so Born. Offensichtlich habe der Bulle Egnar, der Chef der Wisentherde, den Jungbullen klar signalisiert, dass er sie nicht mehr in seiner Nähe sehen möchte. Dass er es ernst meint, hat er in der Vergangenheit gezeigt. Insgesamt drei Jungbullen verletzte Egnar seit Beginn des Projektes bei Rangkämpfen so stark, dass sie starben oder erlöst werden mussten, erklärte Born.

Während die Kreisverwaltung Siegen-Wittgenstein beim jüngsten Bericht gegenüber der SZ noch erklärte, dass man überlege, die wandernden Jungbullen zu betäuben und zur Herde zurückzuführen, weil bei der Überschreitung einer Landesgrenze juristische Probleme entstehen könnten, zeigte sich der Pressesprecher des Vereins Wisent-Welt-Wittgenstein, Dr. Michael Emmrich, jetzt mindestens ebenso entspannt wie die Wisente. Man verfüge über keine Daten, die den Standort der Bullen verrieten. Deshalb habe man habe kein klares Bild, wo sie sich momentan aufhielten. Im Umkehrschluss bedeute das aber auch, dass es keine ernsthaften Probleme gebe. Vermutlich knabberten die Wisente zwar den ein oder anderen Baum an, aber es gebe eben keine Meldungen von Konflikten. Man stehe mit allen Behörden – auch länderübergreifend – im Dialog.

Die Wisente verhielten sich jetzt wie herrenlose Tiere, sagte Emmrich. Und das sei letztlich auch das Ziel des Projekts gewesen. „Sie machen, was sie wollen. Man sieht sie kaum noch.“ Aber auch den Kontakt zu der 18-köpfigen Herde hat man seit einigen Tagen verloren. Wieso man keine Daten von den vier besenderten Tieren der Herde empfängt, konnte der Pressesprecher nicht sagen.

Die SZ fragte Wisent-Ranger Jochen Born bei dieser Gelegenheit, ob sich die Bullen auf ihren Wanderungen vielleicht am Duft attraktiver Hauskühe orientieren würden. In der Literatur sind nämlich durchaus fruchtbare Beziehungen zwischen Wisenten und Hauskühen bekannt, obwohl die Nachkommen unfruchtbar sind. Zu solchen artübergreifenden Liebeleien kam es bisher offensichtlich nur in Gehegen. „Ich kann es mir nicht vorstellen“, so Born. „Wieso sollen die Tiere deshalb nach Zeppenfeld laufen? Sicherlich gibt es am Lahnhof auch attraktive Hauskuhdamen.“

Falls es dennoch zu solchen Flirts mit Folgen kommt, empfahl Born betroffenen Landwirten, Kontakt mit Ex-Landrat Paul Breuer aufzunehmen. Der habe seinerzeit demjenigen Landwirt eine Geldprämie versprochen, der ihm das erste Hybrid-Kalb vorbeibringe. Dirk Manderbach

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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