Wisente wandern zur Landesgrenze

 Fernab der Heimat und ohne Kontakt zu Herde und Leitkuh sorgen diese beiden Wisentbullen auf ihrem „Junggesellenausflug“ für Staunen. Nachdem sie am Freitag in Gilsbach gesehen und fotografiert wurden, überlegt die Kreisverwaltung jetzt, ob die beiden Tiere betäubt und wieder zurück nach Wittgenstein gebracht werden sollen. Foto: Werner Engelberth
  • Fernab der Heimat und ohne Kontakt zu Herde und Leitkuh sorgen diese beiden Wisentbullen auf ihrem „Junggesellenausflug“ für Staunen. Nachdem sie am Freitag in Gilsbach gesehen und fotografiert wurden, überlegt die Kreisverwaltung jetzt, ob die beiden Tiere betäubt und wieder zurück nach Wittgenstein gebracht werden sollen. Foto: Werner Engelberth
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dima - Die beiden Gilsbacher Jagdaufseher trauten am Freitagmittag ihren Augen nicht, aber Hirsche waren das ganz sicher nicht, die vor ihnen in der Mittagssonne grasten. Vielmehr handelte es sich um zwei ausgewachsene Wisentbullen, die sich das saftige Grün auf einer Wildwiese im Grenzbereich zwischen Gilsbach und Wiederstein schmecken ließen. „Die hatten keine Hektik“, beschreibt Werner Engelberth, einer der beiden Jäger, das Verhalten der mächtigen Tiere. Von seinem Bruder, der mit Revierarbeiten beschäftigt war, informiert, griff Engelberth zur Digitalkamera und machte ein paar Fotos, um die ihn viele Naturfotografen beneiden würden. Obwohl er mit Wisenten wenig Erfahrung hat, schätzt er den einen Bullen auf ein Alter von einem Jahr. Der andere sei allerdings älter gewesen. Engelberth ist davon überzeugt, dass die Gäste aus Wittgenstein nur auf der Durchreise waren. So seien sie am Donnerstagabend bereits in einem Wiedersteiner Wald gesehen worden.

Die SZ berichtete schon Anfang Juli von den „Fernreisen“ der ausgewilderten Wisente. Damals waren drei Wisentbullen in Kirchhundem-Varste, rund 30 Kilometer Luftlinie von ihrem Auswilderungsort Kühhude bei Bad Berleburg entfernt, gesehen worden. Sie schauten aber auch in Silberg und Burgholdinghausen vorbei. Am vergangenen Freitag wurden sie bei Altenteich, also zwischen Erndtebrück und Lützel beobachtet. Anschließend scheinen sie dann Kurs auf die Kalteiche und das südliche Siegerland genommen zu haben. Und obwohl der immer größer werdende Aktionsradius der Tiere eigentlich den Zielen des international bedeutsamen Naturschutzprojektes entspricht, erklärte Arno Wied, Dezernent für Bauen, Umwelt und Wirtschaft der Kreisverwaltung Siegen-Wittgenstein, auf SZ-Nachfrage, dass man zurzeit in Erwägung ziehe, die beiden Jungbullen zu betäuben und nach Wittgenstein „rückzuführen“.

Nachdem es hier eigentlich um ein Auswilderungsprojekt geht, werden die Wisente den Verantwortlichen jetzt scheinbar doch eine Spur zu wild. Denn: „Unter Umständen überschreiten die Bullen in Kürze die Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz“, so Arno Wied. Noch wisse er nicht, ob das ein Problem werden könnte. Es sei aber fraglich, ob die dortigen Behörden mit der Situation und dem Artenschutzprojekt vertraut seien. Eventuell würde die Situation durch das Jagd- und Artenschutzrecht in Rheinland-Pfalz anders bewertet. Erst einmal habe man die Bürgermeister, die Ordnungsbehörden, die Polizei inklusive Autobahnpolizei über den Aufenthaltsort der Bullen informiert. Schließlich wisse niemand, wie sich die beiden Tiere fernab ihrer Herde verhalten würden, so Wied. Die Herde samt Leitkuh grase jedenfalls am Rothaarkamm, sei vor einiger Zeit sogar noch einmal im ursprünglichen Auswilderungsgehege gesehen worden und dann in Richtung Jagdhaus weitergezogen.

Nachdem Arno Wied am Freitag niemanden beim Ministerium erreichte, aber Düsseldorf per E-Mail über die Situation informierte, soll Anfang der kommenden Woche über das weitere Vorgehen gesprochen werden. „Wir müssen überlegen, wie wir damit umgehen“, so Arno Wied schließlich.

Alles ist gut, solange Du wild bist“. Diesen Leitspruch der „Wilden Kerle“ aus dem gleichnamigen Kinderfilm haben sich auch die Wisente auf ihre Fahnen geschrieben. Im April 2013 startete in Kühhude mit der Auswilderung von einem Bullen, fünf Kühen und zwei Jungtieren ein ambitioniertes Naturschutzprojekt. Die faszinierenden Tiere, einst vom Aussterben bedroht, sollten ihre eigenen Wege gehen. Seither sorgen sie in freier Natur für Nachwuchs, jedes Kalb stellt eine Bereicherung des Genpools und einen wichtigen Schritt zum Erhalt der Art dar. Dass die Tiere jetzt ihre eigenen Wege gehen, ist für Biologen keine Überraschung. Überrascht ist man nur im Kreishaus. Und zwar so sehr, dass man dort überlegt, die zwei Wandergesellen zu betäuben, einzufangen und zurück nach Wittgenstein zu bugsieren. Schließlich könnten die Amtskollegen in Rheinland-Pfalz und Hessen die Situation anders bewerten. Prof. Bernhard Grzimek hätte sich kaputtgelacht. Drei Jahre lang hätte man Zeit gehabt, das Projekt mit den Nachbarbehörden zu besprechen. Oder hoffte man, dass die Vierbeiner vorher ein Visum beantragen würden? Man muss doch zumindest geahnt haben, dass es hier nicht um den Betriebsausflug von Verwaltungsbeamten geht, sondern um wilde Tiere, die ihr Revier ausdehnen wollen. Dabei geht es um neue Lebensräume, aber nicht um Landesgrenzen. Das scheint jedoch immer noch ein zu wilder Gedanke zu sein. Dirk Manderbach

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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