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Digitalisierung an Schulen: Es gibt noch viel zu tun
WLAN bis zur Hauswand

Wie gut Homeschooling funktionieren kann, hängt auch davon ab, ob die Schulen mit schnellem Internet versorgt sind. Wenn das Glasfaserkabel dann auf dem Schulhof endet, kann’s schwierig werden …
  • Wie gut Homeschooling funktionieren kann, hängt auch davon ab, ob die Schulen mit schnellem Internet versorgt sind. Wenn das Glasfaserkabel dann auf dem Schulhof endet, kann’s schwierig werden …
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  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

damo Siegen/Kirchen/Wenden. Als die Schulen im März von heute auf morgen dichtgemacht worden sind, mussten die Lehrer die Wissensvermittlung neu erfinden. An vielen Schulen lief das nach einem naheliegenden Muster: Die Eltern konnten Pakete mit Aufgaben für ihre Kinder abholen, und zwar Woche für Woche. „Das war auch völlig in Ordnung, und die Eltern haben gut mitgemacht“, blickt Lars Lamowski auf den ersten Lockdown zurück. Weil er aber nicht nur Leiter der Kirchener Grundschule ist, sondern zugleich Gewerkschafter, schaut er auch voraus: „Ich denke aber, dass die Eltern nach neun Monaten Pandemie mittlerweile zu Recht eine andere Erwartungshaltung haben.

damo Siegen/Kirchen/Wenden. Als die Schulen im März von heute auf morgen dichtgemacht worden sind, mussten die Lehrer die Wissensvermittlung neu erfinden. An vielen Schulen lief das nach einem naheliegenden Muster: Die Eltern konnten Pakete mit Aufgaben für ihre Kinder abholen, und zwar Woche für Woche. „Das war auch völlig in Ordnung, und die Eltern haben gut mitgemacht“, blickt Lars Lamowski auf den ersten Lockdown zurück. Weil er aber nicht nur Leiter der Kirchener Grundschule ist, sondern zugleich Gewerkschafter, schaut er auch voraus: „Ich denke aber, dass die Eltern nach neun Monaten Pandemie mittlerweile zu Recht eine andere Erwartungshaltung haben.“

Spürbar unterschiedliche Rahmenbedingungen

Grund genug für die SZ, bei einigen Schulen in der Region und in den beiden zuständigen Ministerien in Düsseldorf und Mainz nachzufragen: Was hat man aus dem ersten Lockdown gelernt? Sind die Schulen mittlerweile so ausgestattet, dass Lehrer ihren Unterricht per Videostream in die Zimmer ihrer Schüler übertragen können? Oder hakt es noch?
Was in den Gesprächen mit den drei Schulleitern aus Siegen, Wenden und Kirchen deutlich wird: Die Schulen haben für die Zeiten ohne Präsenzunterricht ihre Konzepte in der Schublade. Aber: Die Rahmenbedingungen, mit denen sie sich arrangieren müssen, können sich von Schule zu Schule spürbar unterscheiden.

Keine Experimente per Streaming ohne WLAN

Einfaches Beispiel: Die Gesamtschule Wenden ist seit dem Sommer mit schnellem Internet versorgt. „Wir haben Glasfaserkabel bis ins Haus und unser WLAN ausgebaut. Da sind wir echt gut aufgestellt“, sagt der stellv. Schulleiter Dieter Karrasch. Ganz anders sieht's auf dem Kirchener Molzberg aus: „Bei uns bleibt das Breitband draußen an der Hauswand“, berichtet Lamowski. Bis heute seien keine Handwerker angerückt, um den Glasfaserkasten auf dem Schulhof anzuzapfen. Hybridunterricht, in dem ein Teil der Schüler im Klassenraum sitzt und der Rest zu Hause, wird so nicht möglich sein.
Ein ähnliches Bild skizziert Sven Berghäuser, Rektor des Siegener Gymnasiums Auf der Morgenröthe: „Glasfaser und WLAN werden noch auf sich warten lassen. Und ohne WLAN in allen Räumen kann ich keine Experimente im Physikunterricht streamen.“
Er habe aber auch schlichtweg nicht damit gerechnet, dass die digitale Ausstattung der Schulen innerhalb weniger Monate deutlich verbessert werden könnte: „Man kann nicht in neun Monaten die Versäumnisse der Jahre zuvor aufarbeiten.“

Endgeräte versprochen, aber nicht geliefert

Diese Erwartungshaltung hat auch Lamowski, der im Hauptpersonalrat die Interessen seiner Kollegen vertritt, nicht – aber eine andere: „Wenn es dauert, die Schulen vernünftig auszustatten, dann muss das wenigstens klar aus Mainz kommuniziert werden.“ Stattdessen würden Lehrer-Laptops und Tablets versprochen, aber nicht geliefert. „Wir brauchen die Geräte, aber wir werden sie frühestens im Frühling bekommen. Das ist so, als würde man einen Maurer ohne Kelle auf die Baustelle schicken.“ Und wenn dann noch signalisiert werde, dass die Schulen aufgerüstet würden, wecke das Erwartungen bei den Eltern, die die Akteure vor Ort kaum erfüllen könnten.

Lehrer haben sich fortgebildet

Um sich trotz teils lückenhafter Ausstattung fürs Homeschooling zu wappnen, haben die Schulen selbst an Lösungen gefeilt. „Jede Schule hat überlegt, wie sie ihre Schüler am besten erreichen kann“, sagt Berghäuser. Zugleich haben die Lehrer die Kompetenzen, die ihnen plötzlich und unvermittelt abverlangt wurden, ausgebaut: Das Kollegium der Morgenröthe zum Beispiel habe etliche Fortbildungen zum Thema digitaler Unterricht hinter sich. Und mit der Software „Microsoft Teams“ sei ein gezielterer Heimunterricht möglich als bisher – zum Beispiel, indem Aufgaben nicht mehr wochenweise, sondern tages- und sogar stundenaktuell herausgegeben werden können. Selbst digitale Gruppenarbeit sollte möglich sein – zur Not eben, indem ein Handy als Hotspot das WLAN ersetzt.

Kleine Schritte in die richtige Richtung

Auch die Kirchener Grundschule geht besser vorbereitet in die nächste Phase ohne Präsenzunterricht – in Rheinland-Pfalz schließen sich zwei Wochen Homeschooling an die Weihnachtsferien an. Zum einen hat sich das Lehrerteam vorbereitet, zum anderen steht diesmal dank eines Pilotprojekts eine neue Online-Lernplattform zur Verfügung. Damit wird nicht nur die Kommunikation mit den Eltern spürbar erleichtert, berichtet Lamowski. Denn auf dieser Cloud können Dokumente passgenau für einzelne Schüler zur Verfügung gestellt und bearbeitet hochgeladen werden.
Es gibt sie also überall, die kleinen Schritte in die richtige Richtung – aber bis die Knallgasprobe live aus sämtlichen Chemieräumen der Republik in 4K übertragen werden kann, wird noch Zeit vergehen. Und in einem Punkt sind sich alle Gesprächspartner der SZ einig: Echte Schule gibt’s sowieso nur im Klassenraum.

Ein Thema, zwei Meinungen Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass die zuständigen Ministerien auf Anfrage der SZ betonen, dass sie ihren Job gut gemacht und Lehren aus dem ersten Lockdown gezogen haben. Allerdings: Diese Einschätzung bleibt nicht unwidersprochen – zumindest das Mainzer Bildungsministerium bekommt reichlich Gegenwind in Gestalt eines offenen Briefes des Landesvorsitzenden der Gewerkschaft VBE, Gerhard Bold. Die Positionen im Überblick: Aus dem Düsseldorfer Bildungsministerium bekam die SZ positive Töne zu hören: „Die Pandemie hat uns gezeigt, dass es richtig war, dass diese Landesregierung das Lernen mit digitalen Medien von Anfang an konsequent vorangetrieben hat, wenngleich derzeit auch deutlich wird, dass noch viel zu tun bleibt.“ In Zeiten der Pandemie werde umfassend investiert: „Beim Digitalpakt Schule lagen mit Stand vom 30. November 2020 in Nordrhein-Westfalen Förderanträge mit einem Gesamtvolumen von rund 223 Millionen Euro vor, davon waren zum Stichtag rund 146 Millionen Euro bewilligt.“ Dazu kommen nach Angaben des Ministeriums weitere 116 Millionen Euro aus dem Sofortausstattungsprogramm für Schüler und 72 Millionen Euro aus dem Programm für die Ausstattung der Lehrer mit digitalen Endgeräten. Zudem werde in Lehrerfortbildungen und digitale Plattformen investiert – und nicht zuletzt sollen mittelfristig weitere Ausgaben folgen: „Bis Ende 2022 sollen alle Schulen mit gigabitfähigen Leitungen versorgt sein.“ Auch das Mainzer Bildungsministerium zieht eine positive Zwischenbilanz aus der Zeit nach dem ersten Lockdown: „In den vergangenen Monaten hat sich sehr viel getan. Es wurden etwa neue Serverkapazitäten geschaffen, damit digitale Lernplattformen auch unter Volllast stabil laufen, allen Schulen wurde ein Videokonferenzsystem zur Verfügung gestellt. Es wurden Mittel für mehrere Zehntausend digitale Endgeräte bereitgestellt, damit bedürftige Schüler am digitalen Lernen teilhaben können.“ Auch in Rheinland-Pfalz werde großzügig investiert: „Insgesamt stehen in Rheinland-Pfalz Bundes- und Landesmittel in Höhe von über 330 Millionen Euro für die digitale Bildung bereit.“ Und auch, wenn man 1600 Schulen mit mehr als 41 000 Lehrkräften nicht über einen Kamm scheren könne und es durchaus Unterschiede in der digitalen Ausstattung gebe, fällt die Bilanz positiv aus: „Es wurden viele Schwachstellen ausgeräumt, unsere Schulen sind gut aufgestellt.“ Diese Selbsteinschätzung des Mainzer Ministeriums lässt der Landesvorsitzende der VBE allerdings nicht unwidersprochen stehen. In seinem offenen Brief an Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig wirft er der Landesregierung Planlosigkeit vor – unter anderem fehle es an grundlegenden Konzepten: „Es ist ein Trauerspiel, dass Sie – eine zweite Welle war absehbar – noch immer wie das Kaninchen vor der Schlange stehen: Unfähig, sich zu bewegen – handlungsunfähig im Sinne praxisorientierter Empfehlungen für die Schulen.“ Der Gewerkschaftler bemängelt aber auch, dass die digitale Ausstattung der Schulen noch spürbar zu wünschen übrig lasse: „Es ist ein Armutszeugnis, dass neun Monate nach den ersten Schulschließungen noch immer nicht wie versprochen alle Schüler mit einem digitalen Endgerät ausgestattet sind – ganz zu schweigen von den digitalen Endgeräten für alle Lehrer. Bis wann wollen Sie damit noch warten?“
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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