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Ein Selbsttest im Rollstuhl
Wo es für Rollstuhlfahrer hakt

Unterwegs mit SZ-Praktikantin Alexandra Pfeifer kritisiert Uwe Schneider, dass in der Krönchenstadt mehr Wert auf Optik als auf eine für jeden funktionierende Mobilität gelegt werde.
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ap Siegen. Gelegen auf sieben Hügeln, moderne Innenstadt, romantische Altstadt. Siegen ist eine Stadt mit vielen Facetten – sie zu erkunden kann jedoch sehr beschwerlich sein. Besonders, wenn man zu Fuß nicht mobil ist. Doch nicht nur die Oberstadt, in die Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe erst gar nicht gelangen, sondern auch in der Innenstadt gibt es viel Verbesserungspotenzial.

Die SZ hat bei einem Betroffenen, der tagtäglich mit solchen Problemen zu kämpfen hat, nachgefragt, wo genau es Hürden im Alltag gibt und im Selbsttest überprüft, wie barrierefrei Siegen ist.

„Bordsteine und Bepflasterung stellen für mich die größte Herausforderung dar“, nimmt Uwe Schneider vorweg.

ap Siegen. Gelegen auf sieben Hügeln, moderne Innenstadt, romantische Altstadt. Siegen ist eine Stadt mit vielen Facetten – sie zu erkunden kann jedoch sehr beschwerlich sein. Besonders, wenn man zu Fuß nicht mobil ist. Doch nicht nur die Oberstadt, in die Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe erst gar nicht gelangen, sondern auch in der Innenstadt gibt es viel Verbesserungspotenzial.

Die SZ hat bei einem Betroffenen, der tagtäglich mit solchen Problemen zu kämpfen hat, nachgefragt, wo genau es Hürden im Alltag gibt und im Selbsttest überprüft, wie barrierefrei Siegen ist.

„Bordsteine und Bepflasterung stellen für mich die größte Herausforderung dar“, nimmt Uwe Schneider vorweg. Das Überqueren von viel befahrenen Straßen wird für den 63-jährigen Rollstuhlfahrer daher zum Problem, auch die Wahl des Bodenbelages kritisiert der Niederdielfener. „Hier sind die Fugen viel zu breit. Durch die großen Abstände zwischen den Steinen ist dieser Bereich absolut nicht rollstuhlgerecht“, erklärt Schneider und zeigt auf das Pflaster am Rande des Siegufers. „Da wurde mehr Wert auf die Optik als auf Mobilität gelegt, wie an so vielen Stellen der Innenstadt“, bemängelt er.

Der Rollstuhlfahrer macht darauf aufmerksam, dass es noch mehr Probleme gebe, die man erst in seiner Situation wahrnehme. So seien Parkautomaten oder Verkaufstresen meist zu hoch, Taxis müssten mindestens Kombigröße haben. „Und versuchen Sie doch mal, eine Tür nach außen aufzumachen, wenn Sie im Rollstuhl sitzen“, sagt Schneider herausfordernd.

Der Niederdielfener, der seit acht Jahren mit diesem Handicap lebt, bemängelt zudem: „Die Stadt Siegen hat keinen funktionierenden Behindertenbeirat.“ Anregungen würden lediglich an andere Stellen weitergeleitet, da müsse man schon selbst tätig werden. Mit großem Engagement setzt sich Schneider deshalb seit mehreren Jahren dafür ein, die Stadt Siegen und auch andere Kommunen behindertengerechter zu machen. Viele seiner Vorschläge wurden bereits umgesetzt, neuralgische Punkte beseitigt.

Ein Vorzeigebeispiel sei die Stadt Hilchenbach. Dort gebe es einen ehrenamtlichen Behindertenausschuss und ein zentrales Anliegen sei es, Hindernisse abzubauen und Barrierefreiheit zu schaffen. „Sowas erwarte ich von einer Stadt wie Siegen, die eine Rehaklinik hat, auch“, sagt Schneider.

Aus seiner Sicht gebe es noch viel Handlungsbedarf, um Menschen im Rollstuhl einen Besuch in Siegens Innenstadt zu erleichtern. „Man kann das hier nur noch mit Zynismus ertragen“, zieht der Niederdielfener ein ernüchterndes Fazit.

Der Selbsttest im Rollstuhl 

Was mache ich bloß, wenn ich im Rollstuhl unterwegs bin und es anfängt zu regnen? Wie kann ich bremsen und was, wenn mich an einer Steigung meine Kräfte verlassen? Fragen über Fragen, die mir schon vor meinem Selbsttest im Kopf herumschwirrten. Der Respekt vor dem Selbstversuch war deutlich zu spüren. „Hoffentlich hat der Rollstuhl einen Kippschutz“, hatte mich Uwe Schneider noch gewarnt. Den hat das Gefährt aber glücklicherweise.
Es ist Donnerstag, 16 Uhr, das Thermometer zeigt 15 Grad. Im Rollstuhl fühlt sich das aber mindestens fünf Grad kälter an. Treffpunkt Scheinerplatz. Den fahrbaren Untersatz habe ich von der Redaktion am Obergraben bis hierhin geschoben, erst jetzt setze ich mich hinein. Die Unsicherheit ist nicht nur mir, sondern auch den Gesichtern der Menschen, die auf mich zukommen, deutlich anzumerken. Meine Erwartungen werden jedoch nicht bestätigt. Niemand macht einen Bogen um mich, ganz im Gegenteil. Die Passanten laufen rücksichtslos auf mich zu, starren auf ihre Handys. Kollisionen können im letzten Moment noch vermieden werden. Viel fehlt aber nicht.
Im Getümmel nimmt man Geschwindigkeiten aus dieser Perspektive noch einmal ganz anders wahr. Niemand gewährt mir den Vortritt, als ich versuche, das Sparkassengebäude zu passieren. Alle quetschen sich hektisch an mir vorbei, ich fühle mich wie ein unerwünschtes Hindernis. Eingeengt und fehl am Platz. Ein paar Meter weiter das nächste Problem. Den Schlüssel für die Behindertentoilette hat ein Securitymitarbeiter, der zwar irgendwo, aber nicht in der Nähe ist. Wie gut, dass ich darauf gerade nicht angewiesen bin.

"Vorsicht, können Sie uns bitte vorbeilassen"

In den gläsernen Aufzug passen wir mit beiden Rollstühlen. Schiebetür auf, durchdringende Blicke der Café-Besucher treffen uns. Ich fühle mich wie auf dem Präsentierteller. Vor dem Sieg-Carré treten meine vorherigen Befürchtungen ein, wir kommen in einen Regenschauer. Dass ich klatschnass werde, weil ich keinen Schirm halten und gleichzeitig meinen Rollstuhl nach vorne bewegen kann, ist nicht die einzige Komplikation. Die metallenen Greifreifen, mit denen ich mich beschwerlich fortzubewegen versuche, werden rutschig, sind kaum zu greifen. Genau das wäre jetzt aber erforderlich, um die Straße in Richtung City-Galerie zu überqueren. Zu hohen Bordsteinkanten, die sich nur durch mehrfaches Manövrieren bewältigen lassen, gesellen sich genervte Busfahrer, die mit den Augen rollen, weil ich ihre Spur blockiere.
Weiter geht es zum Bahnhof. Jede noch so kleine Unebenheit, Bodenwelle oder Steigung, die man als Fußgänger nicht einmal wahrnimmt, macht mir zu schaffen. Es braucht ein „Vorsicht, können Sie uns bitte vorbeilassen“, um durch einen Vorhang aus Zigarettenqualm den engen Zugang zwischen den Pfosten zur Bahnhofshalle zu passieren. Rücksichtnahme? Fehlanzeige. Eine Zeitschrift kann ich mir am Kiosk nicht kaufen, die betonierte Rampe ist zu schmal und extrem baufällig. Deshalb geht es weiter zum letzten Ziel unserer Exkursion – dem Siegufer.

Keine Vorstellung vor dem Selbstversuch

Zu zweit nebeneinander beängstigend eng, vor allem aber ganz schön steil abwärts geht es auf den untersten Stufen zu. Für mich erfordert es viel Konzentration, nicht zu viel Tempo aufzunehmen und den Rollstuhl weg von der Uferkante zu lenken. Der Selbsttest soll nicht zu einem Actionerlebnis mit unfreiwilligem Badestopp werden. Das eigentliche Abenteuer durchlebe ich aber beim Versuch, die Rampe hinter der Brücke zur Bahnhofstraße wieder hinauf zu kommen. Etwas Schwung geholt, schon kippe ich nach hinten. Die Steigung ist für mich nicht zu meistern.
Und so ziehe ich ein nachdenkliches Fazit: Wie schwierig muss es sein, wenn man nicht einfach aufstehen und schieben kann, nicht ohne die Hilfe anderer Menschen in die Oberstadt gehen und ein Eis essen kann? Wenn man sich nicht an die Nikolaikirche setzen oder einfach in den Schlosspark gehen kann, sondern immer darauf hoffen muss, nicht auf sich allein gestellt zu sein? Das konnte ich mir vor meinem Selbstversuch nicht vorstellen. Gut fühlt sich das nicht an.

Unterwegs mit SZ-Praktikantin Alexandra Pfeifer kritisiert Uwe Schneider, dass in der Krönchenstadt mehr Wert auf Optik als auf eine für jeden funktionierende Mobilität gelegt werde.
Autor:

Praktikant Redaktion aus Siegen

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