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Verein „Gegen Armut Siegen“
Wohnungslos werden kann jeder

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sabe Siegen. Drei Kinder, zwei Jobs, ein Auto, keine Wohnung. Wegen horrender Mieten werden mittlerweile auch Menschen obdachlos, die man eigentlich gut und gerne in die Kategorie „Mittelschicht“ sortiert hätte, denen man ihre Not auch auf den zweiten Blick nicht ansieht.
Günther Albrecht vom Verein „Gegen Armut Siegen“ kennt das. „Man hat die Obdachlosigkeit ja nicht gleich ins Gesicht geschrieben.“ Nicht erst seit der Pandemie – aber seitdem „umso mehr“ – suchten Menschen in Obdachlosenbetreuungen wie dem Café Patchwork ein Dach über dem Kopf.

sabe Siegen. Drei Kinder, zwei Jobs, ein Auto, keine Wohnung. Wegen horrender Mieten werden mittlerweile auch Menschen obdachlos, die man eigentlich gut und gerne in die Kategorie „Mittelschicht“ sortiert hätte, denen man ihre Not auch auf den zweiten Blick nicht ansieht.
Günther Albrecht vom Verein „Gegen Armut Siegen“ kennt das. „Man hat die Obdachlosigkeit ja nicht gleich ins Gesicht geschrieben.“ Nicht erst seit der Pandemie – aber seitdem „umso mehr“ – suchten Menschen in Obdachlosenbetreuungen wie dem Café Patchwork ein Dach über dem Kopf.

Günther Albrecht, Pfarrer und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Gegen Armut Siegen“, vor dem Café Patchwork.
  • Günther Albrecht, Pfarrer und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Gegen Armut Siegen“, vor dem Café Patchwork.
  • Foto: sabe
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Es kann jeden treffen

Die junge Mutter mit Kind, die verarmte Rentnerin, der ehemalige Drogenabhängige, der frühere Gutverdiener – „wohnungslos werden kann jeder“, weiß Raimar Leng, ebenfalls Vereinsmitglied und Pfarrer im Ruhestand, aus jahrelanger Erfahrung. „Ganz unabhängig von beruflicher Bildung oder sozialer Herkunft.“ Oft, so sagen es Leng und Albrecht, stehe der Verlust des Heims am Ende einer Verkettung schicksalsvoller Lebensumstände. Überschuldung, Arbeitsplatzverlust, persönliche Krisen, Erkrankungen.

Obdachlose fühlen sich von der Politik vergessen

Trauriger Trend

Der traurige Trend: 50.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen haben keine eigene Wohnung. Die Zahl der Menschen ohne ein eigenes Dach über dem Kopf sei 2020 gegenüber dem Vorjahr erneut gestiegen, führte Gesundheits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei der Vorlage der Wohnungslosenstatistik 2020 aus. Zum Stichtag – 30. Juni 2020 – galten in NRW 49.987 Menschen als wohnungslos. Das macht eine Zunahme von 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Nicht nur in Berlin, auch in Siegen

Eine Entwicklung, die vor allem in Ballungsräumen und Großstädten wie Berlin oder München ein Problem ist, aber auch bis nach Siegen reicht: In den vergangenen zwölf Monaten haben insgesamt über 700 Menschen das Beratungsangebot der Diakonie in Anspruch genommen; in über 11 000 Beratungsgesprächen wurden Lösungen für verschiedenste Problemlagen gesucht. Auch wenn die Zahl der Menschen, die „richtig“ auf der Straße leben, in Siegen noch vergleichsweise gering ist, sprechen die Zahlen der postalischen Erreichbarkeit eine klare Sprache: Knapp 250 Menschen haben keinen eigenen Wohnsitz mit Postadresse, sondern sind in der Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Siegen gemeldet.
Abwärtsspirale stoppen

Gegen Armut in Siegen Der Verein „Gegen Armut Siegen e.V.“ ist ein ehrenamtlicher, durch Spendengelder finanzierter Förderverein, der die Diakonische Wohnungslosenhilfe unterstützt. Sein Credo: die öffentliche Wahrnehmung steigender Armut in unserer Gesellschaft vor Augen zu führen und die Verantwortung für verarmte Menschen wach zu halten. Dank der finanziellen Unterstützung des Vereins habe man im vergangenen Winter große Außenzelte besorgen und mit eigens dafür angeschafften Heizstrahlern ausstatten können. So ist es gelungen, in Zeiten, in denen aufgrund des Infektionsschutzgesetzes kein „normaler“ Zutritt zum Café möglich war, wenigstens etwas Schutz vor Kälte und Nässe zu bieten, sagt Dirk Strauchmann, Leiter der Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Südwestfalen. Außerdem hat der Verein Gelder akquiriert, um während des Lockdowns – als auch die Siegener Tafel geschlossen hatte – kostenlose Lebensmittel- und Hygienetüten mit Masken, Pflege- und Schutzartikeln an die Gäste ausgeben zu können.

Günther Albrecht, Raimar Leng und die anderen Ehrenamtler des Vereins kennen die Gesichter der Menschen, die hinter den Zahlen stehen, kennen die Einzelschicksale und versuchen deshalb auch immer individuell zu helfen, die ganz persönliche Not im Blick zu halten. Eine Aufgabe des Vereins ist es dabei nicht nur, den hilfsbedürftigen Menschen im besten Fall wieder eine Chance auf ein Dach und ein eigenständiges Leben zu geben, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie es erst gar nicht verlieren. Eine Arbeit, so betont es der Verein, die sich mittlerweile mehre. „Wer arbeitslos wird und seine Wohnung aus finanziellen Gründen aufgeben muss, kann sich oft noch nicht einmal die teure Kaution für eine andere Wohnung leisten.“ In solchen Fällen ginge es dann darum, die dringendste Not zu entschärfen, heißt: die finanziellen Mittel zu stellen.

Nicht reden, handeln

Eine Sisyphusaufgabe, die, so sagt es Albrecht mit scharfer Kritik an der Wohnraumsituation in der Region, allerdings nur gelingen könne, wenn Politik und Verwaltung auch ihren Teil beitragen. Dass es auch in Siegen immer weniger bezahlbaren Wohnraum gebe, sei hinlänglich bekannt. „Reden allein nützt hier nichts. Es braucht Lösungen.“

Günther Albrecht, Pfarrer und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Gegen Armut Siegen“, vor dem Café Patchwork.
Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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