SZ

IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener im SZ-Interview
"Wünsche mir mehr Mut zur Ehrlichkeit"

In Großstädten machen bis zu 80 Prozent der Jugendlichen Abitur.
2Bilder
  • In Großstädten machen bis zu 80 Prozent der Jugendlichen Abitur.
  • Foto: pixabay
  • hochgeladen von Marc Thomas

Herr Gräbener, Ihre pointierte Einlassung zur „Inflation“ der Einser-Abschlüsse bei den deutschen Abiturzeugnissen hat für großen Wirbel gesorgt, unter anderem bei Schülern, Eltern und Pädagogen. Es gab reichlich Leserbriefe. Manche stimmen Ihnen zu, es haben sich aber auch viele Kritiker dazu geäußert. Haben Sie damit gerechnet?
Ja und nein. Ich weiß, dass ich mir damit nicht nur Freunde mache, aber ich finde, dass man vor der Tatsache, dass in Großstädten mittlerweile 80 Prozent eines Jahrgangs das Abitur machen wollen und unter Abiturienten an manchen Schulen 40 Prozent eine 1 vor dem Komma haben, nicht die Augen verschließen darf. Mit einer solchen Lawine hätte ich aber nicht gerechnet. Das zeigt mir, dass es einen wunden Punkt gibt, den ich wohl getroffen habe.

Herr Gräbener, Ihre pointierte Einlassung zur „Inflation“ der Einser-Abschlüsse bei den deutschen Abiturzeugnissen hat für großen Wirbel gesorgt, unter anderem bei Schülern, Eltern und Pädagogen. Es gab reichlich Leserbriefe. Manche stimmen Ihnen zu, es haben sich aber auch viele Kritiker dazu geäußert. Haben Sie damit gerechnet?
Ja und nein. Ich weiß, dass ich mir damit nicht nur Freunde mache, aber ich finde, dass man vor der Tatsache, dass in Großstädten mittlerweile 80 Prozent eines Jahrgangs das Abitur machen wollen und unter Abiturienten an manchen Schulen 40 Prozent eine 1 vor dem Komma haben, nicht die Augen verschließen darf. Mit einer solchen Lawine hätte ich aber nicht gerechnet. Das zeigt mir, dass es einen wunden Punkt gibt, den ich wohl getroffen habe.

Sie haben in dem Artikel vom 2. Juli die Gauß’sche Normalverteilung zitiert, die nicht mehr erkennbar sei in der Notengebung. Wie ist das gemeint?
Wenn sich alles nur noch im oberen Bereich der Noten abspielt, wenn fast niemand mehr durchfällt, ist dieses mathematische Modell aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung natürlich nicht mehr gegeben. Dann entsteht eine Gute-Noten-Inflation – mit allen negativen Folgen für Universität, Arbeitsleben, ja, für die Schülerinnen und Schüler selbst.

Nun hatte aber doch das Corona-Jahr seine eigenen Spielregeln und Besonderheiten.
Ich möchte an dieser Stelle einmal etwas klarstellen. Das Zitat ist leider auf einen pointierten Halbsatz verkürzt worden, sodass fälschlicherweise der Eindruck entstehen konnte, es würden allein die Leistungen der Abiturienten in der Corona-Zeit infrage gestellt. Nein, es bezieht sich natürlich auf alle Jahrgänge der jüngeren Zeit. Das habe ich auch in früheren Jahren, im Übrigen auch in Ihrer Zeitung, schon deutlich gemacht. Wir beobachten seit Jahren mit großer Sorge in nahezu allen Schul- und Bildungssegmenten, dass die Noten immer besser werden.

Es gab ja im Vorhinein Befürchtungen, das „Corona-Abi“ wäre nicht so viel wert.
Noch mal, ich finde es ganz beachtlich, was in etlichen Familien und in den Klassenzimmern unter so schwierigen Bedingungen geleistet worden ist. Das verdient größten Respekt. Leider unterscheidet sich das Abitur 2021 aber nicht von den Jahrgängen davor, in denen das Notenniveau generell gestiegen ist. Da können mich Leserbriefschreiber meinetwegen als „arrogant“ oder „borniert“ bezeichnen. Der Flurschaden, den diese Benotung anrichtet, liegt trotzdem auf der Hand.

Wozu führt diese Tendenz, von der Sie sprechen, Ihrer Meinung nach?
Starke und schwache Schüler leiden gleichermaßen. Das ist, bei Licht betrachtet, eine Diskriminierung beider Schülergruppen. Das kann doch nicht im Ernst das Ziel sein.

Könnten Sie bitte etwas konkreter werden. Welche Nachteile meinen Sie?
Seit Jahren berichten uns Personalverantwortliche, dass die schulischen Benotungen ihnen keine hinreichende Orientierung über die Fähigkeiten der jungen Menschen mehr geben – ein Grund dafür, dass Unternehmen selbst Eignungstests einführen. Und wo es die schon länger gibt, macht man die Erfahrung, dass das Leistungsniveau bei den jungen Leuten, entgegen dem Trend bei den schulischen Abschlussnoten, seit Jahren sinkt. An den Unis klettert natürlich der Numerus clausus, und auch dort stehen oft weitere Eingangsprüfungen an.

IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener spricht im SZ-Interview über die „Inflation“ an Einser-Abizeugnissen und die Folgen.
  • IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener spricht im SZ-Interview über die „Inflation“ an Einser-Abizeugnissen und die Folgen.
  • Foto: IHK
  • hochgeladen von Marc Thomas

Man hört aus den Schulen, oft auch unter der Hand von Lehrern, dass deren Berufsalltag nicht einfacher geworden ist.
Ja, neben der Wissensvermittlung haben sich Pädagogen heute mit allen möglichen Lebensfragen der Schüler auseinanderzusetzen. Die sind nicht zu beneiden. Für jede Fünf oder Sechs muss der Lehrer einen Förderplan erstellen. Im Zweifel gibt es am Ende Post vom Anwalt. Das ist jetzt vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber es trifft die Sache doch. Eltern und zum Teil auch Schüler selbst neigen heute viel schneller und häufiger dazu, juristische Schritte gegen eine unliebsame Benotung anzudrohen und auch tatsächlich zu klagen.

Klingt irgendwie deprimierend. Was schlagen Sie vor?

Das ist ein weites Feld. In Deutschland gibt es Schulnoten von „sehr gut“ bis „ungenügend“. Man müsste die Wahrscheinlichkeitsverteilung bei dauerhaft hohem Notenniveau korrigierend ansetzen. Klar, dadurch würden sich die Noten zwar im Durchschnitt verschlechtern, aber ich frage Sie: Verschlechtert sich deshalb die Situation der Schüler? Eine riesige Baustelle ist auch die unterschiedliche Bewertung der Abiturzeugisse der Bundesländer. Aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Herr Gräbener, was wünschen Sie diesem Abiturjahrgang und den künftigen?
Natürlich alles Gute. Ich wünsche mir aber auch mehr Mut zur Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft. Ich gönne jedem jungen Meschen seinen möglichst guten Bildungsabschluss, vor allem aber einen, der neue Wege eröffnet und keine Frustrationen beschert.

"Einser"-Flut auf Abiturzeugnissen

In Großstädten machen bis zu 80 Prozent der Jugendlichen Abitur.
IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener spricht im SZ-Interview über die „Inflation“ an Einser-Abizeugnissen und die Folgen.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen