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Sie geben Senioren ein Stück Leben zurück
Zahlreiche Betreuungskräfte aus Polen im Siegerland

Die polnische Pflegekraft Dora (links) und ihre Siegerländer Gastgeberin pflegen das gemeinsame Kochen, selbst bei unkomplizierten Pfannkuchen ist das der Fall.
  • Die polnische Pflegekraft Dora (links) und ihre Siegerländer Gastgeberin pflegen das gemeinsame Kochen, selbst bei unkomplizierten Pfannkuchen ist das der Fall.
  • Foto: Michael Roth
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

mir Siegen. Die Kinder sind längst aus dem Haus, die Enkel in Beruf und Studium unterwegs: Da wird es einsam bei vielen alten Menschen jenseits der 80. In jedem Winkel des Eigenheims stecken Erinnerungen an tolle Stunden mit den Lieben, die meist nur noch zu Besuch kommen. Und wenn dann noch der geliebte Gatte stirbt, trauert die Witwe nicht nur. Ja, ihre Kräfte schwinden, Körper und Geist nehmen Schaden, der Bedarf nach professioneller Pflege nimmt stetig zu.
300.000 Polinnen helfen in Deutschland ausWas tun? Wer kann die fast 90-jährige Mutter rund um die Uhr sinnvoll betreuen? Schätzungsweise 300.000 Polinnen erfüllen solche Aufgaben bei deutschen Senioren und Seniorinnen, professionell vermittelt von deutschen Agenturen mit kompetenten polnischen Partnern.

mir Siegen. Die Kinder sind längst aus dem Haus, die Enkel in Beruf und Studium unterwegs: Da wird es einsam bei vielen alten Menschen jenseits der 80. In jedem Winkel des Eigenheims stecken Erinnerungen an tolle Stunden mit den Lieben, die meist nur noch zu Besuch kommen. Und wenn dann noch der geliebte Gatte stirbt, trauert die Witwe nicht nur. Ja, ihre Kräfte schwinden, Körper und Geist nehmen Schaden, der Bedarf nach professioneller Pflege nimmt stetig zu.

300.000 Polinnen helfen in Deutschland aus

Was tun? Wer kann die fast 90-jährige Mutter rund um die Uhr sinnvoll betreuen? Schätzungsweise 300.000 Polinnen erfüllen solche Aufgaben bei deutschen Senioren und Seniorinnen, professionell vermittelt von deutschen Agenturen mit kompetenten polnischen Partnern. Privat bezahlt, versteht sich, dafür gibt keine Kasse einen Cent. 2000 Euro im Monat gelten als Minimum, je nach Deutschkenntnissen der polnischen Betreuungskräfte und weiteren Leistungen können es leicht ein paar Hundert Euro mehr werden.

Dora füllt das Haus mit Leben

Eine dieser polnischen Helferinnen ist Dora aus einer kleinen Stadt in Zentralpolen. Seit Anfang August umsorgt sie eine Seniorin (89) im nördlichen Siegerland, macht den Haushalt, erledigt Besorgungen beim Arzt und in der Apotheke, wirbelt zack-zack im großen Garten, hilft bei der Körperpflege. Und sie füllt das leere Haus mit Leben, bringt ihre Gastgeberin zum Lächeln, das diese längst verloren glaubte: „Frau Dorle denken zu viel.“ Ohne großen Anlauf haben die alte Dame und die halb so junge Polin zueinander gefunden.
Jeden Tag ein Höhepunkt ist das gemeinsame Kochen. Weil die polnische Küche gar nicht so viel anders ist, macht es beiden Spaß. Ausnahme sind die Pilze: In Polen wäre Dora längst im Wald unterwegs, um selbst Speisepilze zu suchen, im Siegerland leider nicht, ihre Gastgeberin mag Selbstgesuchtes nicht probieren.

Branche lebt von Mundpropaganda

Sei es drum. Jedenfalls steht fest, polnische Betreuungskräfte sind recht zahlreich im Siegerland unterwegs. In Frau Dorles Straße sind es allein schon drei Polinnen. Mundpropaganda ist ganz wichtig, davon lebt die Branche. In Zeiten steigender Coronazahlen mehren sich indes die Fragen: Wenn eine Polin abreist, darf eine gesunde Nachfolgerin überhaupt einreisen? Klappt das System noch, dass sich zwei Polinnen bei der 24-Stunden-Vollversorgung im Abstand von zwei Monaten oder zehn, elf Wochen abwechseln?

Keine Mitarbeiterinnen aus Risikogebieten

Regina Steuber von der Brinkmann Pflegevermittlung ist da guter Dinge. Coronatests müssen gemacht werden, keine Frage. „Wir setzen keine Kräfte aus Risikogebieten ein“, verspricht die Wilnsdorferin. Die nach Deutschland einreisenden Personen werden ihrer Aussage zufolge genau gecheckt. Sollte eine Temperatur von 38 Grad festgestellt werden, wird sofort gehandelt.
Emilia Krämer von den Pflegehelden Sauerland/Siegerland versichert ebenfalls, keine Arbeitskräfte aus roten Gebieten zu vermitteln. Ewelina Hoffmann (Memoria24): „Wir müssen vorsorgen für unsere Kundschaft. Coronatests werden für uns in Polen gemacht und sind 48 Stunden gültig.“ In der Zeit muss und soll die Einreise erfolgen.

Reise im Kleinbus

Dass die Arbeitskräfte mit eigenen Kleinbussen nach Deutschland gebracht werden, ist inzwischen Usus. Einschließlich Transport bis zur Haustür des Klienten, der dafür natürlich auch bezahlt hat. „Wir waren Vorreiter mit den eigenen, desinfizierten Bussen, andere Dienstleister haben da nachgezogen“, stellt Regina Steuber heraus.
Anders die Rückreise: Die wird auch schon mal gerne in den großen Reisebus verlagert, der regelmäßig von Siegen aus in Richtung Polen startet. Nur in Coronazeiten ist das nicht der Fall. Die Agenturen bringen und holen ihre Kräfte in eigenen Bussen, um kein Risiko einzugehen. Andernfalls müsste eine Quarantänezeit eingeplant werden.

Schwarzarbeit wird nicht geduldet

Polnische Betreuerinnen sind gesundheitlich unbedenklich, sofern sie per Agentur gekommen sind. Ein Problem gibt es: Schwarzkräfte, auf eigene Kappe eingereist, um sich hier die gut zahlende deutsche Kundschaft selbst zu suchen. Emilia Krämer dreht den Spieß um: „Wir nehmen keine Kunden, deren Schwarzkraft abgehauen ist.“ Die Regel ist das nicht, meist geht alles gesittet und geregelt vonstatten. „Bei Senioren ist es am sichersten, das wissen unsere Arbeitskräfte“, sagt Krämer. „Ja, unsere Polinnen sind sich ihrer großen Verantwortung bewusst“, fügt Regina Steuber hinzu. Ewelina Hoffmann hält große Stücke auf ihre Frauen aus Polen: „Die sind meist zwischen 40 und 50 Jahre alt, gelten als arbeitswillig und haben meist schon erwachsene Kinder. Hier bei uns in Deutschland verdienen sie weit mehr als in Polen. Deshalb bin ich sicher, wird es immer genügend Betreuungskräfte geben. Der Bedarf ist da. Über Weihnachten werden viele junge Kräfte als Springer aushelfen.“

Keine leichte Arbeit

Wie lange sollte eine Polin bei einer deutschen Seniorin bleiben? Im Fall Dora werden es mehr als drei Monate sein. „Zwei Frauen wechseln sich ab, es darf nicht zu lang sein“, ist Ewelina Hoffmann vorsichtiger. „Bei einer Demenzerkrankung sollte der Wechsel nach sechs Wochen stattfinden, auch damit sich die Polinnen erholen können. Das ist schon sehr anstrengend.“ Jeden Tag volle Arbeitszeit, dazu Rufbereitschaft. Die gilt auch für die Agentur-Inhaberin Hoffmann: „Einmal hat mich eine Polin um Hilfe gerufen wegen eines entzündeten Blinddarms. Es war 18 Uhr am Heiligabend.“

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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