Zeit für die wichtigen Dinge

 Nicht nur an der Kletterwand beweisen Brigitte Judt und ihr Zeitpatenkind Joshua Reimer, dass sie ein gutes Team sind. Alle zwei Wochen treffen sie sich und verbringen den Nachmittag miteinander – sei es nun bei den Hausaufgaben, einem Kartenspiel oder ein paar Scheiben Kartoffelbrot. Fotos: sos  Die Kletterwand ist keine Herausforderung für Joshua. Schnell klettert er an den Griffen hoch und hangelt sich am Seil wieder herunter.  Beim Fußballspiel im Garten liegt Joshua schnell vorne und siegt am Ende deutlich mit 10:2 Toren.
  • Nicht nur an der Kletterwand beweisen Brigitte Judt und ihr Zeitpatenkind Joshua Reimer, dass sie ein gutes Team sind. Alle zwei Wochen treffen sie sich und verbringen den Nachmittag miteinander – sei es nun bei den Hausaufgaben, einem Kartenspiel oder ein paar Scheiben Kartoffelbrot. Fotos: sos Die Kletterwand ist keine Herausforderung für Joshua. Schnell klettert er an den Griffen hoch und hangelt sich am Seil wieder herunter. Beim Fußballspiel im Garten liegt Joshua schnell vorne und siegt am Ende deutlich mit 10:2 Toren.
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sos - Joshua Reimer sitzt am Esstisch von Brigitte Judt und grübelt. Er sitzt an den Deutsch-Hausaufgaben. Die Nomen hat er im Buchstabensalat schon gefunden, aber welches Wort gehört an die letzte Stelle im Lückentext? Das einzige noch offene Wort passt nicht. Auch Brigitte Judt weiß nicht weiter. Aber der Achtjährige findet den Fehler schnell. Beim Rausschreiben der Nomen hatte er sich verschrieben; es muss „Fell“ statt „Feld“ heißen. „Das Zebra hat schwarz-weißes Fell.“ Klingt richtig.

Joshua kommt alle zwei Wochen zu Brigitte nach Wahlbach. Sie ist seit eineinhalb Jahren seine Zeitpatin. Das heißt, die beiden treffen sich regelmäßig und verbringen Zeit miteinander. „Ich kann mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen“, sagt die 68-Jährige, die selbst Kinder und Enkel großgezogen hat. Früher war sie Lehrerin; das kommt ihr oft zugute, gerade wenn mal wieder Hausaufgaben anstehen.

Gerade trudelt Brigittes Enkelin Lena ein. Sie setzt sich zu Joshua, der inzwischen Mathe-Aufgaben löst. Hilfe braucht er keine. „Bis auf eine war alles richtig“, sagt Lena zu ihrer Oma. Jetzt kann Joshua die Schulsachen endlich wegpacken, er ist fertig für heute. „Was wollen wir spielen“, fragt Brigitte in die Runde. Weil Malefiz zu lange dauern würde, fällt die Wahl auf Skip-Bo. Sie mischt die Karten, während Joshua noch einmal die Regeln erklärt. Das Ziel: „Es gewinnt der, der am schnellsten keine Karten mehr auf dem Stapel hat.“ Während einer nach dem anderen seine Karten langsam los wird, kommt Brigittes Ehemann Hans Werner nach Hause und schaut zu. Plötzlich geht es ganz schnell, weil Joshua alle seine restlichen Karten in einem Zug ablegt. Brigitte und ihre Enkelin verdrehen die Augen, Joshua strahlt.

Mit seinen Eltern und vier jüngeren Geschwistern wohnt Joshua in Oberdresselndorf. Seine Mutter Melanie Reimer hatte von dem Zeitpatenprojekt gelesen und fand die Idee toll. „Man hat einfach nicht so viel Zeit für den Einzelnen“, erklärt sie. Sie und ihr Ehemann spielten zwar auch mit den Kindern und beschäftigten sich gerne mit ihnen, aber eben meist in der Gruppe. Und weil die Großeltern nicht in der Nähe wohnen, sei Brigitte Judt inzwischen wie eine Ersatz-Oma. „Sie gehört fest dazu“, so Melanie Reimer.

Nach dem hart umkämpften Sieg beim Kartenspiel haben sich alle ein Päuschen verdient. Hans Werner kocht Kaffee für die Erwachsenen, während seine Ehefrau – wie bei fast jedem Treffen – Kartoffelbrot mit Butter und einen selbst gebackenen Kuchen auf den Tisch stellt. 

Heute ist es bewölkt und kühl, aber ein bisschen Bewegung kann nach so einem ausgiebigen Mahl nicht schaden. „Zieh dir deine Schuhe an und hol die Jacke“, sagt Brigitte. Nach ein paar Sekunden ist Joshua in voller Montur zurück und geht schon mal vor in den Garten. Er macht sich an der Kletterwand warm. „Nimm dir einen Hocker mit, damit du dran kommst“, rät Brigitte noch. Aber er ist schon längst an die Wand gesprungen und zieht sich an den Griffen hoch. „Versuch doch mal, dich an dem Seil hochzuziehen“, schlägt die Zeitpatin vor. „Das kann ich nicht“, sagt Joshua. Brigitte hält das dicke Seil unten am losen Ende fest. „Steig auf meine Hände und dann kletter hoch, das schaffst du!“ Nach kurzem Überlegen nutzt er die Hände als Stufe, stützt sich ab und zieht sich Stück für Stück hoch. Das war leichter als gedacht.

Die Treffen bereite sie nie vor, erzählt Brigitte, denn sie will sich während der gemeinsamen Zeit ganz auf Joshua einstellen. Worauf er Lust hat, das wird gemacht. Nur der Fernseher bleibt aus. „Aber danach hat er noch nie gefragt. Wir finden immer etwas, was wir machen können. Und am meisten genießt er die Ruhe, das kann man spüren. Manchmal spielen wir drei Stunden lang Brettspiele.“ „Ich habe es keinen Tag bereut, bei dem Projekt mitzumachen. Es ist eine schöne Aufgabe, die sehr facettenreich ist“, erzählt Brigitte. „Man bekommt als Zeitpate viel zurück“, sagt sie. Sie mache sich nicht nur nützlich, sondern es halte sie auch fit. Geistig und auch körperlich – wie eben auf dem Fußballfeld bewiesen. „Und es ist einfach beglückend zu sehen, wie schnell so ein enger Kontakt entsteht.“

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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