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Von 4000 Job-Angeboten entfallen 1712 auf befristete Tätigkeiten
Zeitarbeit ist eine feste Größe geworden

Erstmals seit über 15 Jahren waren 2018 mehr als 70 Prozent der Kernerwerbstätigen in einem „Normalarbeitsverhältnis“ angestellt, teilte das Statistische Bundesamt am 9. Oktober mit.  Foto: SZ-Archiv
  • Erstmals seit über 15 Jahren waren 2018 mehr als 70 Prozent der Kernerwerbstätigen in einem „Normalarbeitsverhältnis“ angestellt, teilte das Statistische Bundesamt am 9. Oktober mit. Foto: SZ-Archiv
  • hochgeladen von Michael Roth (Redakteur)

mir Siegen/Olpe. Wer gehört zur Stammbelegschaft, wer ist Zeit- bzw. Leiharbeiter? Früher war das in Industriebetrieben optisch eine klare Sache: Der „Stamm“ trug den Blaumann, die geliehenen Kräfte eine farblich abgesetzte Jacke. Heute gibt es diese Zwei-Klassen-Belegschaften kaum noch oder gar nicht mehr, sagen Agentur für Arbeit und IG Metall unisono.

Geblieben sind die finanziellen Unterschiede. Mit unter 10 Euro starten die Tarifverträge in der Zeitarbeit für den Produktionshelfer, einen Wimpernschlag über dem Mindestlohn. (Fach-)Arbeiter der Entgeltgruppen 3/4 liegen ohne Zulagen unter 13 Euro. Wer neun oder zwölf Monate dabei ist, rutscht über die 13-Euro-Marke.

mir Siegen/Olpe. Wer gehört zur Stammbelegschaft, wer ist Zeit- bzw. Leiharbeiter? Früher war das in Industriebetrieben optisch eine klare Sache: Der „Stamm“ trug den Blaumann, die geliehenen Kräfte eine farblich abgesetzte Jacke. Heute gibt es diese Zwei-Klassen-Belegschaften kaum noch oder gar nicht mehr, sagen Agentur für Arbeit und IG Metall unisono.

Geblieben sind die finanziellen Unterschiede. Mit unter 10 Euro starten die Tarifverträge in der Zeitarbeit für den Produktionshelfer, einen Wimpernschlag über dem Mindestlohn. (Fach-)Arbeiter der Entgeltgruppen 3/4 liegen ohne Zulagen unter 13 Euro. Wer neun oder zwölf Monate dabei ist, rutscht über die 13-Euro-Marke.

Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb ist die Zeitarbeit im Laufe der Jahre zu einer festen Größe am Arbeitsmarkt geworden. Auch im Siegerland, in Wittgenstein und im Olper Land mit seinen zahlreichen Betrieben im produzierenden Gewerbe. Umfassende Zahlen liegen nicht vor. Allenfalls der Arbeitgeber-Service der Siegener Agentur für Arbeit kennt eine Größenordnung: Von aktuell 4000 Job-Angeboten entfallen 1712 auf die Zeitarbeit. Das deckt sich nicht ganz mit der globalen Einschätzung von Benjamin Hecker, Leiter des Arbeitgeber-Services bei der Agentur für Arbeit: „Ein Drittel Zeitarbeit, das entspricht der Realität.“

Die SZ fragte weiter. Die IG Metall hat eine feste Vorstellung, knapp unter 1000 Männer und Frauen sind es in den metallverarbeitenden Firmen. Ein Drittel davon ist bei der Gewerkschaft organisiert – ein unterdurchschnittlicher Wert.

Südwestfalen stark von Zeitarbeit geprägt

Für Benjamin Hecker sind die Angaben keinesfalls ein Zufall: „Wir hier sind eine der von Zeitarbeit am stärksten geprägten Regionen. Neben dem Märkischen Kreis.“ Warum? Weil Siegen-Wittgenstein und Olpe stark industriell geprägt sind.

Bei der IHK sieht man das Thema mehrschichtig. Klar, die Industrie habe die größte Bedeutung, aber auch bei den sozialen Dienstleistern und in der Pflege spiele Zeitarbeit eine Rolle. Sabine Bechheim (Leitung IHK-Referat Gründung, Sicherung und Nachfolge): „In der Pflege gibt es zu wenig Personal. Wer etwas gut kann, der weiß, was er wert ist.“ Außerdem gebe es im Pflegesektor Beschäftigte, die wollten sich nicht vollends abhängig machen oder zum Beispiel samstags gar nicht arbeiten gehen. Die kämen mit Zeitarbeit gut zurecht.

Normales Mittel der Personalbeschaffung

Hecker kennt die Zahlen der Arbeitsagentur: „Zeitarbeitnehmer werden nicht mehr gebraucht, um Schwankungen in der Produktion auszugleichen, sie sind ein probates Mittel zur Personalbeschaffung geworden.“ Rudica Münker, Zeitarbeits-Expertin bei der Agentur für Arbeit, sagt es präzise: „In den vergangenen Jahren konnten sich Arbeitnehmer aussuchen, wo sie arbeiten. Zeitarbeitsfirmen hatten Probleme, Leute zu finden.“ Bechheim sieht das ähnlich: „Wir glauben, die Firmen haben begriffen, dass sie den Fachkräftemangel umschiffen und Personal fest einstellen müssen.“

Wenn Arbeitnehmer in der Produktion gefragt sind, warum greifen Unternehmen auf Zeitarbeiter zurück? Einerseits sei diese Art der Personalbeschaffung teurer, sagt Hecker, entscheidend sei aber ein Höchstmaß an Flexibilität. „Das Unternehmen kann abwarten, ob die gute Konjunktur hält, und den Arbeitnehmer genau kennenlernen. Für die Betriebe sind die Mehrkosten okay.“ Ja, in größeren Unternehmen soll das beinahe normal sein, das spiele „konzerntechnisch keine Rolle“.

Seit Monaten heißt es, die gute Konjunktur lasse nach. Stimmt. „Es gibt mehr Nachfragen wegen Kurzarbeit“, hat Hecker in Erfahrung gebracht. „Ja, die Kurzarbeit geht hoch in mehreren Betrieben. Leiharbeiter sind die ersten, die gehen müssen“, sagt Gewerkschaftssekretär Marco Schmidt von der IG Metall. In einem Wittgensteiner Unternehmen hat es deswegen vor ein paar Tagen eine Betriebsversammlung gegeben.

Andererseits: Leiharbeitnehmer werden nach Aussage von Benjamin Hecker nicht gleich entlassen, sondern an den Verleiher zurückgegeben. Das kann die IG Metall so nicht unterschreiben: „Ein paar Firmen machen es intensiv. Ganze Schichten werden nach Hause geschickt. Ich erlebe es immer wieder, dass Leiharbeiter nur für bestimmte Aufträge genommen werden. Es kommt vor, da wird Mitarbeitern gesagt, wir rufen an, wenn es was Neues gibt.“ Marco Schmidt schüttelt den Kopf: „Hire and fire, das gibt es immer noch. Leider sind einige der Betroffenen zu unwissend. Die akzeptieren, dass sie gehen müssen, kennen ihre Rechte nicht.“

Nach wie vor sei die Arbeitsmarktlage gut, sagt die Arbeitsagentur. Die aktuellen Zahlen vom Oktober bestätigen das. Aber: Ehemalige Zeitarbeiter befänden sich auf Arbeitssuche, vermehrt aus dem verarbeitenden Gewerbe. In Zahlen: Zwischen März 2018 und März 2019 hätten sich 1400 mehr Beschäftigte aus dem Zeitarbeitssektor auf Jobsuche begeben. Der IHK ist ebenfalls bewusst, dass die Unternehmen vorsichtiger geworden sind: „Wenn jemand als Zeitarbeiter gut anfängt, folgt die Übernahme, das ist immer noch so“, weiß Bechheim zu berichten.

Abteilung Einkauf ordert die Ware "Leiharbeiter"

Nein, nein. So rosig sieht das die IG Metall nicht. „Das Outsourcing beginnt wieder“, wendet Schmidt ein und meint die Unart, mit Scheinwerkverträgen bisher selbst erbrachte Arbeit auszulagern. In dem Kontext taucht ein einmaliger Fall auf: Es gibt in Südwestfalen eine Firma, da wird die Beschaffung der Ware Leiharbeit von der Abteilung Einkauf vorgenommen. Kein Personalreferent redet dazwischen. Für die Summe X braucht Unternehmen Y exakt 20 Arbeiter auf Leihbasis für eine begrenzte Zeit. All inclusive!

Die Arbeitsagentur sieht dagegen in der Zeitarbeit auch Positives: Junge Leute bekämen beruflich sehr schnell einen Fuß in die Tür. Auch ältere Arbeitnehmer und Menschen mit Migrationshintergrund profitierten von der Möglichkeit, über Zeitarbeit beruflich tätig zu werden. Apropos Tarife: Der IG Metall sind natürlich die am liebsten, mit denen man Haustarifverträge geschlossen hat. Dazu gehören laut Schmidt Ufar, Start NRW, Dilba und Fairflex – mit besseren Konditionen für die Arbeitnehmer.

Noch ein Detail-Thema: Zeitarbeit gilt als Frühindikator für einen Konjunkturrückgang. Hecker gibt Entwarnung, „da ist noch nichts, was uns große Sorgen macht“. Ein Rückgang werde kommen. Die „Big Player“ im Unternehmensbereich hielten sich in Südwestfalen zurück. „Aber es gibt noch keine Krise. Wir kommen von einem sehr hohen Niveau, das Gefüge bricht nicht zusammen.“ Der Arbeitsmarkt sei stark, die Zeitarbeit werde mit etwas mehr Zugängen rechnen müssen.

Aber wie sieht die Zukunft aus? „Die Zeitarbeit ist für entleihende Firmen risikoarm“, sagt Sabine Bechheim. Rudica Münker glaubt, dass den Unternehmen durchaus bewusst ist, was sie an ihren Fachkräften haben. Mittelständler überlegten es sich zweimal, ob sie geeignetes Personal gehen ließen.

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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