Onkel soll seine Nichten missbraucht haben
Zeugen halten Opfer für glaubwürdig

Familie und Freunde glauben den zwei Schwestern, die von ihrem Onkel missbraucht worden sein sollen.

sos Siegen. Ihre Mutter habe abends in der Küche auf sie gewartet und sie direkt gefragt, ob früher etwas mit dem Onkel vorgefallen sei. Sie habe das verneint, doch in diesem Moment sei der heute 24-Jährigen plötzlich ein Satz eingefallen, den ihre zwei Jahre jüngere Schwester einmal von ihrem Onkel zitiert habe: „Jetzt ist er noch zu groß, aber bald wird er reinpassen.“ Mit zittriger Stimmer berichtete die junge Frau am Dienstagvormittag vor der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Siegen von dem Abend Ende Mai 2018, als sie erfahren habe, dass ihr Onkel zwei ihrer Schwestern im Grundschulalter missbraucht haben soll. Dafür muss sich der heute 64-jährige Schauspieler jetzt verantworten; vier Zeugen aus dem Umfeld der Betroffenen beteuerten die Glaubwürdigkeit der 22- und 30-jährigen mutmaßlichen Opfer.

"Es ist eigentlich nicht normal"

Im Nachhinein seien ihr Begebenheiten eingefallen, die für sie alltäglich gewesen seien, so die Schwester, zum Beispiel, dass er nackt vor ihnen getanzt und beim Duschen die Badezimmertür aufgelassen habe. „Das war für uns normal, ist aber eigentlich nicht normal.“ Sie habe viele Erinnerungslücken, so die 24-jährige Schwester der Betroffenen, deswegen wisse sie nicht, ob der Onkel ihr nicht vielleicht doch etwas angetan habe. Eine Zeit lang habe sie bestimmte Berührungen nicht aushalten können, vielleicht sei das auf derartige Vorfälle zurückzuführen.

Eine Schwester öffnete sich ihren Freunden

Zwei Freunde der heute 30-jährigen Nebenklägerin wussten offenbar schon vor der Familie Bescheid: Im Sommer 2016 habe sich die junge Frau zunächst ihrer besten Freundin anvertraut, erzählte diese. Jahrelang habe der Onkel sie als Kind missbraucht, auch im Urlaub. Angefangen habe er, als das Mädchen vier oder fünf Jahre alt war.
Sie habe nie etwas gesagt, weil sie große Angst gehabt habe, die Familie kaputt zu machen. Schließlich sei er der Bruder der Mutter. Bis zu ihrem 30. Geburtstag habe sie ihrer Mutter aber reinen Wein einschenken wollen. Ihr damaliger Freund bestätigte dies. Auch ihm habe die junge Frau vor zwei Jahren von den angeklagten Vorfällen erzählt. Es sei überraschend gewesen, habe seiner Meinung nach aber einiges erklärt, sagte der 35-Jährige: die Stimmungsschwankungen, den Abbruch des Studiums oder dass sie ihm nie Kinderfotos habe zeigen wollen.

Ereignisse erscheinen rückblickend auffällig

Schluss mit dem Missbrauch sei wohl erst gewesen, als die Tante eines Abends vor zunächst verschlossener Kinderzimmertür gestanden und dann gesehen habe, dass der Onkel im Dunkeln auf dem Bett der Nichte gesessen habe, sagte die beste Freundin. Damals sei das Mädchen 14 oder 15 Jahre alt gewesen.
Von diesem Vorfall hatte am Montag auch die Mutter berichtet; am Dienstag bestätigte die Tante ihn. Genau datieren ließ sich dieser Abend nicht, laut der verschiedenen Angaben muss er irgendwann zwischen 2001 und 2003 gewesen sein. Der Angeklagte habe damals gesagt, sie hätten sich die Sterne anschauen wollen, doch der Himmel sei bewölkt gewesen, so die 65-Jährige.
Sie erinnerte sich außerdem, dass der Onkel bei einem früheren Besuch gemeint habe, dass das älteste Mädchen kein Abitur brauche, sie könne doch „Edelnutte“ werden. In Bezug auf die jüngere Schwester fiel ihr ein, dass diese im Grundschulalter immer Küsse verteilt habe. „Ich kann küssen wie die Großen“, seien ihre Worte gewesen.

Erbstreit wurde wieder thematisiert

Verteidiger Dirk Löber befragte die Zeuginnen auch nach dem Verhältnis zwischen der Mutter und ihrem Ehemann, und ob es körperliche Auseinandersetzungen gab. Davon wusste niemand etwas, auch dass der Ehemann bis zu seinem Tod im Mai 2018 im Keller gewohnt haben soll, konnte niemand bestätigen. „Es war eine normale Ehe“, so die Schwester der Mutter; „bis dass der Tod euch scheidet“.
Auch das Erbe der Eltern, ein Haus im Münsterland, war am Dienstag erneut Thema. Die Tante der Mädchen berichtete auf Nachfrage von Richterin Elfriede Dreisbach, dass sie und ihre drei Geschwister – darunter die Mutter der Betroffenen und der Angeklagte – zu gleichen Teilen erben, doch sollten auch die Jahre berechnet werden, in der sie die Eltern gepflegt habe. Derzeit wohne eine andere Schwester im Elternhaus und komme für die Nebenkosten auf. „Gibt sie darüber hinaus noch einen Obolus an die Erbengemeinschaft?“, hakte Dirk Löber nach. Das sei nicht der Fall, antwortete die 65-Jährige. „Wir wollen jetzt hier nicht den Erbstreit recherchieren“, mahnte Richterin Dreisbach den Verteidiger.

Jahrzehntelanger Missbrauch angeklagt

Insgesamt ist der Onkel für 56 Handlungen an seinen zwei Nichten angeklagt, die er zwischen 1999 und 2010 begangen haben soll. Am 24. Juli wird der Prozess fortgesetzt.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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