Zuhören, helfen und viel aushalten

»Ambulante ökumenische Hospizhilfe Siegen«:

35 Ehrenamtliche kümmern sich um sterbende Menschen / Schweigepflicht garantiert

mir Weidenau. Sich mit dem Sterben befassen, das wollen die meisten Menschen nicht. Oder nur ungern. Dabei geht das Thema jeden an. Irgendwann garantiert. Seit geraumer Zeit gewinnt der Hospizgedanke mehr an Bedeutung. Ein aktiver Akteur in diesem Metier – die »Ambulante ökumenische Hospizhilfe Siegen«, angedockt an den Caritasverband Siegen-Wittgenstein mit Sitz in der Weidenauer Haardtstraße.

Morgen steht der Totensonntag auf dem Kalender, ein passender Zeitpunkt, diese seit 1994 bestehende »Hilfseinrichtung« näher zu betrachten. 35 ehrenamtlich tätige Menschen aus dem südlichen Kreisgebiet mit Zentrum Siegen, bis auf wenige Ausnahmen Frauen, arbeiten aktiv mit; an der Spitze von zwei Koordinatorinnen – Iris Dittmann und Ursula Krombach-Stettner - begleitet.

Intensive Ausbildung vor dem ersten Fall

Dem Zufall bleibt nichts überlassen, mindestens ein Jahr Ausbildung in der Gruppe gehört dazu. In Etappen werden Interessierte an das Thema Tod herangeführt: Welche Bedürfnisse haben Sterbende? Wie man mit Angehörigen spricht, mit Trauerreaktionen umgeht, aber auch Schmerztherapie, Patientenverfügung und vieles mehr werden im kleineren oder größeren Kreis im Detail erarbeitet.

Christina Pfeifer gehört seit ein paar Jahren zum Stamm der Hospizhelfer(innen). Ungewöhnlich ihr Zugang zur Gruppe: Eigentlich wollte sie bei den »Grünen Damen« im St.-Marien-Krankenhaus mitmachen. Da die Mitdreißigerin voll im Berufsleben steht, kam dies nicht in Frage; Pfarrer Hans-Günter Scheuer bot ihr die Hospizhilfe zum Mitmachen an.

Anfangs war sie nicht gerade begeistert, wie sie heute zugibt. Nach und nach fand sie Gefallen an dem Gedanken, nicht nur kranken, sondern todkranken Menschen beizustehen. Erst als sie sich absolut sicher fühlte, ging Christina Pfeifer das erste Mal mit zu einem Schwerkranken: »Allein die Ankündigung war ein Schock. Aber es lief besser, als ich es befürchtet hatte«, blickt die Hospiz-Dame zurück.

Im Bedarfsfall wechseln sich zwei, drei Gruppenmitglieder bei den Besuchen ab. Ja, für kurze Zeit kann auch eine Rundum-Betreuung organisiert werden, wie Iris Dittmann andeutete. Sie und ihre hauptamtliche Kollegin bauen nach Anfragen den Erstkontakt auf, vereinbaren Termine und Möglichkeiten. Dittmann: »Die Hilfe kann sehr variabel sein. Gespräche, Zuhören, Spazierengehen; bei einem Leukämiekranken ist ein Kollege über Monate hinweg mit zum Einkaufen gegangen.«

Ambulant und ökumenisch

Pfarrer Scheuer und Pfarrer Lieske (ehemals Nikolaikirchengemeinde Siegen) haben die Gruppe 1994 aufgebaut. Erst intern, ehe man 1998 erstmals an die Öffentlichkeit gegangen ist. Seit 2001 ist die »Ambulante ökumenische Hospizhilfe Siegen« ein eingetragener Verein, darf Spenden entgegennehmen. Wie gesagt, die 35 Gruppenmitglieder agieren ehrenamtlich.

Peu à peu ist die Gruppe in hiesigen Gefilden bekannt geworden. Krankenhäuser wissen Bescheid, Pflegeheime ebenso wie Pfarrer. Aber auch über die eigenen 35 Leute laufen inzwischen viele Anfragen nach Hilfe ein.

Nicht nur Tage oder ein paar Wochen dauern die Kontakte zu den Schwerkranken. Christina Pfeifer etwa kümmert sich seit einem Jahr um eine über 90-jährige Frau: »Da weiß ich, das wird mir schwerfallen, wenn sie eines Tages stirbt. Aber wir haben ja gelernt, damit umzugehen. Und jeder von uns hat sich bewusst darauf eingelassen.«

Selbst Hilfe, das brauchen die Ehrenamtler natürlich. Und die finden sie in ihrer Gruppe. Sie sprechen miteinander, geben sich gegenseitig Stärke zurück. Details über die Kranken, die betreuten Menschen, bleiben für die Öffentlichkeit ein Tabu. Auch ein Todkranker hat ein Anrecht auf eine Privatsphäre. Trotzdem, es sind Fälle bekannt, da haben Verwandte Hilfe abgelehnt, obwohl Dritte nachdrücklich darum gebeten hatten: »Warum erzählt die Mutti alles der fremden Frau?« Dass diese Person helfen will und das auch kann, sehen (noch) nicht alle Siegerländer ein. Aber es werden immer mehr.

»Wie eine andere Welt«

Christina Pfeifer und ihre Gruppenkolleginnen machen mit viel Engagement weiter: »Wenn ich nach der Arbeit hier hereinkomme, ist das wie eine andere Welt für mich«, erzählt sie. Dass sie sich zum Mitmachen entschlossen hat, bereut sie nicht. Bei einem eigenen Trauerfall in der Verwandtschaft hat es ihr geholfen, »ich konnte besser damit umgehen«. Persönliche Vorteile, die hat jeder der mitmachen Personen. Im ideellen Bereich. Die Persönlichkeit entwickele sich vorwärts, weiß Iris Dittmann nicht allein aus eigener Erfahrung: »Wir müssen viel aushalten und lernen, dass keine Fünf-Minuten-Lösungen möglich sind.« Dem können die 35 Ehrenamtlichen der Gruppe nur zustimmen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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