Zukunft am Beispiel Neunkirchen

 Mit klaren Zielen vor Augen blicken die Verantwortlichen in Neunkirchen in die Zukunft. Archivfoto: wette

wette Früher war es der Bergbau, heute ist es die Industrie. Und die wird es sicherlich auch morgen noch sein, ist sich Bernhard Baumann, Bürgermeister der Gemeinde Neunkirchen, sicher. Wichtig sei nur, dass man die Entwicklungen in den Kommunen vorausschauend steuere. In Neunkirchen, einer der kleinsten Kommunen im Kreis Siegen-Wittgenstein, sei das durchaus der Fall, erzählt der Verwaltungschef. Doch wie kann eine Gemeinde auf den gesellschaftlichen, den wirtschaftlichen und den demografischen Wandel reagieren? Bernhard Baumann und Marion Sander-Müller, in der Verwaltung zuständig für die Gemeindeentwicklung, geben Antwort. Zumindest Neunkirchen betreffend.

Die Industrie vor Ort ist stark, es gibt viele Familienunternehmen. Neunkirchen ist eine klassische Einpendlerkommune. Über 6000 Menschen stehen in der Gemeinde an der Heller in Lohn und Brot, nicht ganz 14 000 Menschen leben in ihr. Die Gesamtfläche beträgt rund 39,2 Quadratkilometer – zieht man die Waldfläche ab, bleibt nicht mehr viel Raum für Entwicklung. Und doch, sagt Baumann, habe die kompakte Topografie auch ihre Vorteile. Beispielsweise bei der Internetverbindung.

Was den Wirtschaftsstandort Neunkirchen betrifft, so hat der Verwaltungschef mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte ein klares Ziel vor Augen: zumindest den Status quo erhalten. Denn nur wenigen Familienunternehmen gelinge der Übergang in die nächste Generation. Die dritte Generation, weiß Baumann, erreichten laut einer Studie nur noch 12 Prozent der Unternehmen, die vierte nur noch 3 Prozent. „Wir müssen gucken, wie unsere Familienunternehmen in Zukunft dastehen.“ Sie seien es, die noch den Bezug zur Region hätten und daher auch Arbeitsplätze sicherten. Anders verhalte es sich, wenn die Firmen an internationale Gesellschafter verkauft würden: Diese achteten nur auf Zahlen und würden Produktionsstandorte schnell in andere Regionen verlagern. „Das sehen wir mit Sorge und darauf müssen wir ein Auge haben.“

In Neunkirchen werde man auch in den kommenden Jahren agieren und attraktive Rahmenbedingungen schaffen, um den Unternehmen vor Ort das Expandieren zu ermöglichen. Nur sei das Ausweisen neuer Gewerbegebiete mit Problemen verbunden: Beispielsweise wegen bestehender Auflagen der Landesregierung oder der Topografie. „Wir haben kaum noch Fläche, deshalb gibt es schon das interkommunale Gewerbegebiet.“ Weitere könnten in Zukunft folgen. Aber, so Baumann, man dürfe sich nicht abhängig machen von den Großunternehmen. Deshalb werde Neunkirchen im Rahmen seiner Möglichkeiten auf einen gesunden Branchenmix achten, nur dann könne das Schwächeln einer Branche auch in Zukunft kompensiert werden.

Eine Vision für die nächsten Jahre sei die sogenannte Gründungswerkstatt. Noch ist sie Vision, doch schon bald könnte sie in die Tat umgesetzt werden; vielleicht mit Hilfe des Förderprojektes Leader. Jungunternehmern und Existenzgründern könnten Büroflächen zur Verfügung gestellt werden. Die Gemeinde würde sie bei ihrem Gründungsvorhaben unterstützen. Es wäre eine Möglichkeit, Menschen beziehungsweise Unternehmen nach Neunkirchen zu locken. Auch sei es eine Aufgabe für die Zukunft, die Schnittstelle zwischen den Neunkirchener Betrieben und der Universität in Siegen noch mehr zu fördern. „Es geht um qualifizierte Arbeitsplätze für die Region.“

Hier ist Neunkirchen so gut aufgestellt wie kaum eine andere Kommune im Kreisgebiet. Wenn nun kreisweit über eine Versorgung von mindestens 50 Mbit/s gesprochen werde, dann seien bereits 97 Prozent der Haushalte und Unternehmen in Neunkirchen damit ausgestattet, so Baumann. „Wenn wir von 16 Mbit/s sprechen, dann haben wir fast eine 100-prozentige Versorgung.“ Das wiederum sei ein Vorteil der kompakten Topografie.

Wer über Zukunft spreche, müsse auch die Bürger mit ins Boot holen, sagt Marion Sander-Müller. Das sei in Neunkirchen geschehen. Doch während Frank Luschei die Online-Umfrage favorisiert und weniger von Dorfgesprächen hält, sieht man das in der Verwaltung genau anders: Bei der Online-Umfrage, so Baumann, bestehe das Problem der Homogenität. Die Abfrage der Universität ziele nur auf Online-Nutzer ab – und die seien doch sicherlich allesamt jüngeren Semesters. Ergo beteilige sich die Gemeinde Neunkirchen auch nicht an der Online-Befragung. „Die Befragung generiert Ergebnisse, die vielleicht nicht zu 100 Prozent repräsentativ sind“, vermutet Baumann. Auch die Dorfgespräche in Neunkirchen, an denen sich zahlreiche Bürger beteiligten, hätten Interessantes und Hilfreiches zutage gefördert.

Thematisiert wurde in den Zusammenkünften immer auch das Thema der demografischen Entwicklung. „Man kann doch auch gesund schrumpfen“, weiß Baumann. Wichtig sei eben nur, dass dann auch an den richtigen Stellschrauben gedreht werde. Beispielsweise dürfe man sich künftig nicht mehr nur alleine sehen, sondern als Region: „Wenn in Herdorf etwas gebaut wird, dann profitieren wir doch auch davon, denn die Leute kommen doch auch zu uns und kaufen hier ein.“ Apropos: Die größeren Ketten, die sich in der Ortsmitte angesiedelt haben, seien bewusst gewählt worden, um die Menschen nach Neunkirchen zu locken. „Davon profitieren auch die kleineren Geschäfte.“ Weitere Geschäfte sollen folgen.

In nicht weiter Entfernung zum Ortszentrum befindet sich seit Kurzem das Ärztehaus. Nicht ohne Grund, so Baumann. Der Gesundheitsaspekt gewinne in Zukunft immer mehr an Bedeutung: „Wir sind im Bereich Gesundheit für die nächsten Jahre gut aufgestellt. Die Nachfolgeregelung von Ärzten ist somit ganz gut regelbar.“ Eine Unterversorgung dürfte es also nicht geben. Das sei vielerorts anders.

Ohnehin: Zentrumsnähe spiele in den kommenden Jahren eine immer größer werdende Rolle. „Wir wollen perspektivisch gesehen auch einen Platz der Begegnung schaffen“, so Baumann. Deshalb agiere man bereits jetzt mit Weitblick, was Immobilienkäufe etc. betreffe. Die Fehler von früher, als es keine richtige Ortsmitte gab, sollen nicht wiederholt werden. Das aber bedeute nicht, dass die Ortsteile geschwächt werden. Durch die Dorfgespräche oder aber auch die Bürgerbeteiligung im Leader-Projekt sei versucht worden, die Ortsteile zu stärken. „Entstanden ist ein Leitfaden, den wir als Vision sehen. Diese Ideen sollen in ein Städtebaukonzept münden“, sagt Sander-Müller. Das Ärztehaus sei beispielsweise ein Projekt, das in den Dorfgesprächen genannt worden sei. Auch die Bindung an den Sport und die Freizeit dürfe nicht unterschätzt werden.

Neue Baugebiete würden in Neunkirchen künftig nur noch zurückhaltend ausgewiesen. Hintergrund seien Leerstände im Innenbereich. Um dem sogenannten Donut-Effekt vorzubeugen – es soll verhindert werden, dass die Innenräume aussterben und der Außenbereich aufgebläht wird –, wurden in Neunkirchen Freiflächen- und Leerstandskataster aufgestellt. Ziel sei es, künftig gezielt zu steuern. Ein Zukunftsmodell könnten weitere Netzwerke sein. Man müsse einfach an den richtigen Stellschrauben drehen, so Baumann. Dazu gehöre freilich auch das Anpassen der Schullandschaft. Mit der Sekundarschule habe Neunkirchen nun aber die erwünschte zukunftsfähige Schulform.

Aber, das wissen sowohl Bernhard Baumann als auch Marion Sander-Müller: „Jede Gemeinde braucht eigene Konzepte. Es gibt keine Tütensuppenrezepte“, sagt Baumann. Neunkirchen sehe er für die nächsten Jahre gut aufgestellt. „Aber unser Konzept ist eben nicht eins zu eins auf andere übertragbar.“

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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