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Gastronomie schaut nach vorn
Zurück am Zapfhahn

Jakov Gadze bleibt optimistisch. In diesen Tagen kommen vor allem Stammgäste. Sie halten ihm die Treue.
  • Jakov Gadze bleibt optimistisch. In diesen Tagen kommen vor allem Stammgäste. Sie halten ihm die Treue.
  • Foto: Christian Hoffmann
  • hochgeladen von Tim Lehmann (Redakteur)

ch Siegen. Leise Gespräche am Nachbartisch, geselliges Lachen weiter hinten im Gastraum, und aus der Küche dringen Geräusche emsigen Treibens – Löffel kratzen in großen Pfannen. Alles scheint wie immer, wenn der Blick durch den „Häutebacher” schweift. Doch der Schein trügt, wenn Anton (8) und Wilma (5) geduldig in ihren Malbüchern kritzeln und auf ihre Kinderschnitzel warten bzw. am anderen Nachbartisch, natürlich konform zur Corona-Schutzverordnung 1,5 Meter von Rückenlehne zu Rückenlehne entfernt, fröhlich Geburtstagsgeschenke ausgepackt werden: Die Pandemie sitzt in diesen Tagen nicht nur in Gedanken immer mit am Tisch.

ch Siegen. Leise Gespräche am Nachbartisch, geselliges Lachen weiter hinten im Gastraum, und aus der Küche dringen Geräusche emsigen Treibens – Löffel kratzen in großen Pfannen. Alles scheint wie immer, wenn der Blick durch den „Häutebacher” schweift. Doch der Schein trügt, wenn Anton (8) und Wilma (5) geduldig in ihren Malbüchern kritzeln und auf ihre Kinderschnitzel warten bzw. am anderen Nachbartisch, natürlich konform zur Corona-Schutzverordnung 1,5 Meter von Rückenlehne zu Rückenlehne entfernt, fröhlich Geburtstagsgeschenke ausgepackt werden: Die Pandemie sitzt in diesen Tagen nicht nur in Gedanken immer mit am Tisch.

Gesperrte Tische

Bereits das Betreten des Siegener Restaurants mit Mundschutz, die Hände-Desinfektionsstation am Eingang und das rot-weiße Flatterband, das gesperrte Tische markiert, machen an diesem Abend deutlich: Wir sind mitten in der Pandemie; auch wenn alle abschalten wollen, Covid-19 ist präsent. Immer und überall. Das Paar am Nachbartisch muss sich Gewürzstreuer und Zahnstocher reichen lassen, beide dürfen nicht mehr offen auf dem Tischläufer platziert werden. Die laminierten Speisekarten werden nach dem Sichten sofort eingesammelt und desinfiziert, und die kleine Geburtstagsgesellschaft verzichtet natürlich auf die herzliche Umarmung. „Gedrückt” wird durch die Luft.

Gemütlichkeit nicht abhanden gekommen

Jakov Gadze tritt an den Tisch. Er lacht hinter dem Mundschutz. Die Gesten sind groß, seine Freude, endlich wieder Gastgeber sein zu dürfen, pustet er durch den blauen Stoff. Bevor der Hauptgang serviert wird, reicht er den Papierbogen zur Kontaktdatenerfassung samt Einverständniserklärung zur Datenerhebung. Seine Augen über der Maske werben um Verständnis. „Sie wissen schon, die Registrierung ist notwendig, damit wir im Fall der Fälle die Daten für die Nachverfolgung haben.” Dann erklärt der 39-Jährige kurz die Spielregeln für die nächsten Stunden: Am Tisch darf der Mundschutz abgezogen werden, beim Gang zur Toilette ist er anzulegen. Ansonsten: Abstand halten! Immerhin, auch das hat der umherschweifende Blick durch den Familienbetrieb in der zweiten Generation gezeigt: Die Gemütlichkeit ist an diesem Abend trotz Hygieneplan nicht abhanden gekommen. Monströse Spuckschutzwände aus Plexiglas mussten nicht errichtet werden, es bedienen keine Astronauten mit Gesichtsvisieren. Auch auf kuriose Ideen aus der Welt der Corona-Gastronomie hat Jakov Gadze verzichtet: Da gibt es vieles, von Pappkameraden oder lebensgroßen Plüschbären für die freien Stühle und gegen das leere Gefühl des „social distancing” bis hin zum Zwei-Personen-Gewächshaus für Candle-light-Dinner. Ambiente geht also auch mit Infektionsschutz.

Schon mehrere Krisen überstanden

So viel zur Pflicht, es folgt der Genuss. Die neue Freiheit – endlich mal nicht selbst kochen! – liegt auf dem Teller. Ein schönes Stück Fleisch, „medium” gegart, saftig, lecker. Das gute Stück aus Argentinien wiegt in dieser Zeit der permanenten Be- und Einschränkung schwer. So fallen die 200 Gramm nicht nur kulinarisch ins Gewicht. Für den Gast geht es nach zwei Monaten Shutdown bzw. Geselligkeit-Entzugs um ein Stück Normalität. Um Lebensfreude. Und für den Gastronom Gadze geht es um die Rückkehr zur Wirtschaftlichkeit. Seit 1987 gibt es den „Häutebacher”. Gadze: „Höhen und Tiefen hatten wir in der Gastronomie immer. Da war die Euro-Einführung mit ihren fatalen Umstellungsfolgen, und wir hatten den Rinderwahn, der die Gäste verschreckte. Aber so etwas wie jetzt haben wir alle noch nicht erlebt.“ Die finanzielle Reserve für die Sommermonate, das Lokal hat keine Außengastronomie, ist aufgebraucht, „und wie das für uns so wichtige Herbst- und Weihnachtsgeschäft ausfallen wird, kann keiner vorhersagen”, sagt Jakov Gadze.

Umsatz vergleichsweise gering

Der Umsatz ist in der ersten Woche nach dem Neustart eingebrochen, auf etwa 20 Prozent im Vorjahresvergleich, so der gelernte Steuerfachangestellte. Das Außerhausgeschäft bringt bloß ein Zubrot. Das Problem: Es gibt im Gastgewerbe zwar keine Begrenzung der Personenzahl, natürlich gelten aber die allgemeingültigen Kontaktbeschränkungen. An einem Tisch dürfen demnach Personen aus maximal zwei unterschiedlichen Haushalten sitzen. „Keine Kollegenrunde, keine Skat-Gruppe, kein Frauentreff – alle diese Gäste sind im Moment nicht da”, so Gadze.

Optimismus erhalten

Doch er bleibt optimistisch, Zuversicht schwingt in seiner Stimme mit. In diesen Tagen kommen vor allem Stammgäste. Sie halten ihm die Treue, sind eine sichere Bank für ein Stück Grundauslastung des vierköpfigen Teams. Und die Gäste haben offensichtlich Spaß an diesem Wochenendabend. Das Gespräch am Nachbartisch geht weiter, das gesellige Lachen steckt an. Die Stimmung ist gut. Anton und Wilma lassen es sich schmecken, wie die vielen anderen Gäste, die nach und nach Platz genommen haben. „Ein Helles”, tönt es durch den Gastraum. Jakov Gadze kehrt zurück an den Zapfhahn.

Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

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